Dürer – der erste Künstler der Moderne

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Das hessische Landesmuseum zeigt in seiner Ausstellung „Albrecht Dürer – Kunst im Übergang“ eine breite Auswahl von Druckgraphiken aus dem eigenen Bestand.

Im Jahre 1802 zeigte der damalige Großherzog Ludewig I. von Hessen kulturelle Weitsicht. Als der Besitz des berühmten Kunsthändlers Pierre Mariette aufgelöst wurde, griff er zu und erwarb nahezu das vollständige graphische Werk Albrecht Dürers. Damit katapultierte er das erst viel später gegründete Hessische Landesmuseum förmlich auf einen Spitzenplatz hinsichtlich der deutschen Kunst des ausgehenden Mittelalters.

Adam und Eva

Adam und Eva

Nun haben Graphiken aller Art die unangenehme Eigenschaft, unter Lichteinfall und wechselnden Umgebungsbedingungen wie Temperatur und Feuchtigkeit schnell zu verblassen oder gar zu verderben. Deshalb bewahren alle Museen ihre diesbezüglichen Bestände die meiste Zeit an abgedunkelten und „wohl temperierten“, dem Publikum nicht zugänglichen Orten und stellen sie nur zu besonderen Gelegenheiten für eine begrenzte Zeit aus. genau das hat jetzt das Hessische Landesmuseum mit 130 graphischen Werken Albrecht Dürers getan, und seit dem 29. Januar können sich die Bürger des Stadt sowie alle reisewilligen Kunstliebhaber aus dem näheren und ferneren Umfeld selbst einen Eindruck des Künstlers und seiner Werke verschaffen.

Man kann hier all die berühmten „Ikonen“ sehen, die man sonst nur aus Abbildungen in Bildbänden kennt: „Adam und Eva“, das „Rhinoceros“, „Ritter, Tod und Teufel“, „Melencholia“, „Hieronymus im Gehäus“ und natürlich die Serie der „Apokalypse“, um nur einige zu nennen. Die Ausstellung nutzt die selben Räumen wie „Die Entdeckung des Menschen“ im Herbst 2015. Die schwarzen Kuben eignen sich nicht nur ausgezeichnet für eine themenorientierte Ausstellung, sie lassen vor allem die schwarz-weißen Grafiken besonders gut zur Wirkung kommen. Die hellen Flächen in den Grafiken leuchten geradezu vor dem schwarzen Hintergrund.

Der Reiter

Der Reiter

Kuratorin Dr. Mechthild Haas hat Dürers graphische Werke nach bestimmten Themen angeordnet. Da findet man  die Serie der Graphiken zur „Apokalypse“ oder zur „Passionsgeschichte“. Auch dem „Marienleben“ ist ein eigener Pavillon gewidmet, und ein spezieller Raum ist den verschiedenen Techniken und den dazugehörigen Werkzeugen gewidmet. Einzelne Graphiken sind auf Wandhöhe vergrößert worden und dienen als Anschauungsobjekte für die Art der Linienführung und anderen technischen Aspekten. Darüber hinaus hat die Museumsleitung  – durch Drahtseile gesicherte – Lupen bereitgestellt, mit deren Hilfe die Besucher die Details der einzelnen Graphiken studieren können. Damit kann man zu Beispiel die typischen kleinen Fehler entdecken, die im Laufe der multiplen Druckvorgänge zwangsläufig auftraten. Denn die Drucktechnik war damals weit davon entfernt, das erste und das letzte Exemplar einer Serie in gleicher Qualität herzustellen. Bei Holzschnitten verbreiterten sich die schmalen Stege durch den Andruck, so dass späte Drucke deutlich dickere Striche zeigen als frühe. Das sieht man am deutlichsten an der Grafik des „Rhinoceros“, von dem zwei zeitlich deutlich auseinanderliegende Drucke nebeneinander platziert sind. Sehr gut lässt sich auch die andersartige Strichstruktur bei den Radierungen erkennen, die im Gegensatz zu den Holzschnitten vom Künstler selbst gestaltet wurden.

Die Ausstellung zeigt deutlich die völlig neue Kunstauffassung gegenüber dem Mittelalter, das sich mehr oder weniger auf ikonisierte Figuren beschränkte und weder Perspektive noch Lichteffekte kannte. Dürer jedoch modelliert in seinen Graphiken nicht nur die menschlichen (und tierischen) Körper prall und lebensecht, er beginnt auch in bestimmten Serien mit Licht und Schatten zu spielen. Während eine Kreuzigungsszene rein flächig gestaltet ist und die Szene mit vielen Figuren eher wie ein heutiges „Wimmelbild“ füllt, sind andere wie Bühnenbilder mit dunklem Hintergrund und hellem Vordergrund gestaltet. Andere zeigen sogar direkte Beleuchtungseffekte, die eine Person besonders hervorheben.

Melencolia

Melencolia

Die Ausstellung lässt auch erkennen, dass Dürer der erste moderne Künstler in dem Sinne war, dass er seine Werke offensiv vermarktete. Erst in späteren Jahren, als seine Name bereits Gewicht hatte, führte er auch Auftragsarbeiten in Form von Portraits aus. Doch die meisten Serien und Einzelwerke waren gezielt für den freien Markt gedacht. Dabei spielten vor allem religiöse Themen eine wichtige Rolle, denn die Käufer nutzen die Graphiken zur religiösen Erbauung oder als Talismane. Dieser Geschäftssinn brachte Dürer ein beachtliches Vermögen ein und erlaubte ihm, eine große Werkstatt mit Gehilfen zu führen.

Diese Ausstellung bietet die wohl einmalige Gelegenheit, Dürers graphisches Werk nahezu vollständig kennenzulernen. Graphiken, die zu Ikonen der bildenden Kunst geronnen sind und jedem Kunstinteressenten ein Begriff sind, kann man hier im Original anschauen. Allein diese Tatsache lohnt den Besuch. Darüber hinaus bietet das Museum sonntags und mittwochs Führungen an und wird auch ein zwei Wochenende für einen drucktechnischen Kurs anbieten. Näheres ist auf der Webseite des Museums zu finden.

Die Ausstellung ist vom 29. Januar bis zum 24. April 2016 dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr und an Wochenenden von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Frank Raudszus

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