Lars Mytting: „Die Birken wissen´s noch“

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Roman über die Suche nach den eigenen Wurzeln.

Der introvertierte und wortkarge Edvard wächst bei seinem Großvater auf einem norwegischen Bauernhof auf. Beide verrichten ihr Tagewerk im Rhythmus der Jahreszeiten. Es bleibt wenig Zeit für Gespräche, Wünsche oder Träume. Der Alltag ist ganz von der Arbeit geprägt.

1604_die_birkenDoch etwas arbeitet in Edvard: was war damals in Frankreich an der Somme geschehen, das seine Eltern das Leben kostete und ihn als dreijährigen Waisen zurückließ? Was trennt seinen Großvater Sverre von seinem Bruder Einar? Zwischen den beiden Brüdern schwelt etwas Unverzeihliches, das nicht zu überbrücken ist. Einar hat in den 1940er Jahren seine Schreinerwerkstatt auf dem Hof verlassen und sich auf eine einsame Shetland-Insel zurückgezogen, wo er Särge schreinert und ein karges Leben führt. Er ist ein Meister seines Fachs und kennt sich besonders mit schönen Hölzern aus. Für seinen ungeliebten Bruder Sverre hat er einen wunderschönen Sarg hergestellt, der seinesgleichen sucht.

Als der Großvater Sverre stirbt, macht sich Edvard – oder heißt er in Wirklichkeit Edouard? – auf die Suche nach seinen Wurzeln. Was trieb seine Eltern im Jahr 1971 ausgerechnet nach Frankreich in das kleine Dorf Authuille, wo der Erste Weltkrieg grauenhaft gewütet hatte? Was suchten sie in diesem unbedeutenden Ort? Welches Erbe wollten sie dort antreten?

Edvards Suche führt ihn auf den Shetland-Inseln mit Gwendolyn Winterfinch zusammen, der Enkelin eines reichen Holzhändlers. Es stellt sich heraus, dass beide eine gemeinsame Vergangenheit sowohl verbindet als auch schicksalhaft trennt.

Lars Mytting hat einen faszinierenden Roman über die Spurensuche von Menschen geschrieben, die ihre Wurzeln verloren haben und erst im richtigen Leben ankommen können, wenn die Fragen nach ihrer Vergangenheit beantwortet sind. Auch die Wunden, die Kriege in Familien schlagen, müssen noch von den folgenden Generationen erduldet werden und heilen nicht ohne zu bluten. In diesem Roman geht es besonders drastisch um die Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg, die völlig sinnlos eine ganze Generation junger Männer vernichtete und leidvoll in die folgenden Generationen hineinwirkte. Anhand von Einzelschicksalen wird Geschichte hier besonders lebendig und berührt den Leser zutiefst.

Das Buch ist im Insel-Verlag erschienen, umfasst 516 Seiten und kostet 24,95 Euro.

Barbara Raudszus

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