Heiße Ecke – Currywurst mit Pommes mitten in „Reeperbahn unzensiert“

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Das Schmidt Tivoli Theater schickt seinen Kiez Musical ins 13. Jahr.

Uraufgeführt im Jahr 2003, bleibt das Musical „Heiße Ecke“ der Kiez-Klassiker – es gibt schlicht keine plastischere, ganzheitlichere, detailverliebtere oder gar prallere Einführung in das zumeist nächtliche Leben von Hamburgs berüchtigtstem und international bekanntestem Stadtteil St. Pauli. Um 20 Uhr wird das gespannte und bereits leicht beschwipste Publikum herzlichst begrüßt. Mit Witz und Charme werden die ersten Lacher aus den Bäuchen gekitzelt, um sogleich den Gästen nochmal weitere 20 Minuten Zeit zu geben, um an ihrem Pegel zu arbeiten. Wir sind schließlich auf der Reeperbahn, und es gehört zur persönlichen Ehre einer jeden Städte des Vergnügens hier, dass die etwaig verbliebene Fahrtüchtigkeit der Gäste schnellstmöglich beseitigt wird. Denn schließlich sind wir heute hier um Spaß zu haben! Während noch tablettweise Astra, Hefeweizen, Prosecco, Rose und Curry-Pommes die Küche Richtung Zuschauerraum verlassen, schweift der Blick durch den Saal.

Ensemble   © Oliver Fantitsch,

Ensemble
© Oliver Fantitsch,

Es ist eigentlich ein wunderschöner Saal – so ein bisschen im Stil der 20er Jahre – mit schlanken Stahlsäulen, die den Balkon tragen. Ein wenig ist es auch wie im Zirkus. Die Manege ist jedenfalls schon eingerichtet, denn hier steht das „Heiße Eck“ – eine Currywurst-Bude, die sich mit Fug und Recht sicher für die beste vom Kiez hält. Aber zum Nahrungsmittelverzehr kommen hier die allerwenigsten hin – es ist vielmehr eine Art Nachrichtenstand: Was gibt’s neues auf dem Kiez? – und eine Seelsorgestation: Das versetzte Fräulein trauert um ihren gerade geflohenen Freund – oder sehr regelmäßig auch eine Suchtberatung: Glückspieler, die jederzeit alles erwarten und doch schon mehr in Automaten versenkt haben, als sie während ihres restlichen Lebens einnehmen werden.

Und weil wir heute Mäuschen an der „Heißen Ecke“ spielen dürfen, lernen wir sie auch alle kennen – die großen Charaktere von St. Pauli. Wenn in Berlin Mitte jeder ein wenig Hipster sein möchte, könnte man meinen, in St. Pauli wollten alle ein bisschen Etablissementbesitzer sein. Das stimmt aber nicht, denn der Kiez hat viel mehr zu bieten! Zum einen sind da zahlreichen Junggesellen-Abschiede – eine feste Instanz auf der Reeperbahn. Heute sind es die von Mikie und Manu. Tatsächlich sind zukünftige Braut und Bräutigam am selben Abend mit ihren hübschen Verkleidungen und ihren singend-johlenden Freundeshorden unterwegs. Man möchte nicht ausschließen, dass solche Zeit- und Ortkoinzidenzen manchen Hamburger und Großumkreislerehen vorausgegangen sind. Nun denn – der Junggesellen-Abschied ist eben ein „Must-Do“ geworden, und es gibt in Deutschland wahrlich keinen besseren Ort dafür als diesen. Natürlich dürfen wir die Büdchenbesitzer selbst auch nicht vergessen, denn sie sind so etwas wie der Herzmuskel des Kiezes. Ihre Aufgabe ist es, die wabernde Menge stetig vor dem Verdursten zu retten und den ausufernden Pegel regelmäßig wieder mit fester Kost zu nivellieren. Natürlich agieren sie auch als Botenstoffe, denn nirgends ist der Informationsaustausch und die Geschwindigkeit, in der sich neue Informationen verbreiten, so hoch wie hier – am allerhöchsten natürlich an der „Heißen Ecke“. In Summe gilt deshalb vor allem diesen fleißigen Bienchen unser größter Respekt – und ab und an etwas Aufmerksamkeit, denn auch sie haben ein Leben voller Sorgen, Nöte aber natürlich auch Freuden.

Heisse Ecke - Schmidts TivoliWo Kundschaft ist, entsteht natürlich auch Angebot. Diese volkswirtschaftliche Logik hat auf der Reeperbahn schon eine lange praktische Beispielhaftigkeit errungen. Fotos sind absolut unerwünscht – gerade auch von niederbayerischen Touristen, die sich zu diesem Zweck gerne mal an die Hauswand lehnen möchten. Denen geschieht es dann vielleicht nur recht, wenn sie einem Dahergelaufenen ihre Kamera reichen, damit er ein Foto schießt, sich jedoch im Handumdrehen in die brodelnde Menge verabschiedet – mit dem feinen Elektronikteil natürlich. Aber zurück zum Angebot – selbst die zumeist jungen und jung geblieben Damen haben all das, was die anderen auch haben. Pausen, die sie gerne an der „Heißen Ecke“ verbringen, süße Kerle im Blick, die ihnen bisher nicht verfallen waren, und natürlich ein Leben außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit. Heute lernen wir diese andere Seite kennen – und erfahren dabei auch, dass sie während der Arbeit nicht immer ganz bei der Sache sind. Fast schon ein sozialkritischer Teil – wirklich hervorhebenswert, weil wir auch hinter diese Kulisse schauen sollen und dürfen.

Nicht fehlen dürfen natürlich auch Mutti und Vati, die sich in kaum geringfügigen Mengen über die nächtliche Reeperbahn drängeln – oder besser gedrängelt werden. Man möchte sich das Schauspiel ja nicht entgehen lassen, und Vati nutzt die Chance, ab und an mal genauer hinzusehen. Mit ganz großem Glück landet sogar ein Junggesellinenfrosch vor ihm und er darf nochmal eine „Soon-to- be-Braut“ küssen. Ein absolutes Highlight natürlich. Die meisten Begegnungen mit dem schwachen Geschlecht sind jedoch eher kostspielig und sichern dabei vordringlich das Überleben der Herren in Zweireihern mit Goldknöpfen. Die breitbeinig dastehenden Geschäftsmänner durchkämmen den stetigen Strom an Masse Mensch nach potenziellen Kunden und kommen dabei zumeist auf eine Quote von über 90% derer, die – wie sie glauben – genau nach ihrem Angebot gesucht haben. Leider erkennen die meisten ihr Glück nicht, was sich jedoch für gewöhnlich umgekehrt proportional zum Alkoholkonsum verhält. Und damit sollten wir doch wieder bei 90% landen, oder? Na ja, wie dem auch sei.

Ein Abend auf der Reeperbahn ist ein Abend voller Liebe – ob ersehnt, unerfüllt, gelebt oder gekauft, ob kurz oder lang, zur Frau, zum Mann, zumTranssexuellen oder vielleicht doch eher zur Currywurst mit Pommes Schranke und dem Astra dazu. Hier bekommt jede(r) schon das, wonach er oder sie sucht. Das „Tivoli“ hat uns an der „Heißen Ecke“ jetzt heiß gemacht. Nun heißt es raus ins Leben und Reeperbahn unzensiert einsaugen.

Malte Raudszus

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