Große Oper im kabarettistischen Gewand

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Annette Postel und Klaus Webel wirbeln beim Rheingau-Musik-Festival mit ihrem Programm „Sing oper stirb! Operette sich, wer kann“ durch die Opernliteratur.

Für Annette Postel muss es ein „déja vu“ gewesen sein, denn vor genau drei Jahren begeisterte sie am selben Ort beim Rheingau-Musik-Festival das Publikum im Programm „Titanic 2“ mit ihrer frechen und dabei operntauglichen Stimme. An diesem Abend trat sie zwar ohne Streichquartett aber wieder mit einem Pianisten an, der von Anfang an nicht nur auf den Tasten einen aktiven Part spielte.

Annette Postel verfügt über zwei große Stärken, die sie auf der Bühne gekonnt ausspielt: eine ausgebildete Opernstimme mit Volumen und unüberhörbarer Präsenz sowie einen schlagfertigen Witz (oder eine witzige Schlagfertigkeit). Letzteren setzt sie nicht nur in ihren Liedern ein sondern auch in den Zwischentexten, mit denen sie souverän ihre eigene Show moderiert. Dadurch gelingt es ihr, das Publikum vom ersten Augenblick an in ihren Bann zu schlagen und es bis zum Schluss nicht mehr loszulassen. Dabei hat sie auch keine Scheu vor direkten Publikumskontakten, und die Einbindung einzelner Besucher wirkt bei ihr wegen ihres frechen Charmes und ihrer fast physisch wirkenden Bühnenpräsenz nie peinlich sondern eher familiär-persönlich.

Annette Postel und Klaus Webel

Annette Postel und Klaus Webel

An diesem Abend stand die Oper auf dem Programm, und wie es sich für eine Diva gehört, erschien sie natürlich zu spät auf der Bühne, während Pianist Klaus Webel dieselben Einleitungsakkorde genervt bereits zum fünften Male intonierte. Morgenmantel und „eingelegte“ Frisur zeugten von völliger Orientierungslosigkeit der Operndiva. Und den Kontext, nämlich das Leben als Opernsängerin, lieferte sie gleich als neuen Text der berühmtesten „Rigoletto“-Arien dazu. Schon hier gelang es ihr, kaberettistischen Text elegant mit der Attitüde der großen Oper zu verbinden. Ihre erklärte Liebe zu Verdi bewies sie dann gleich mit weiteren Verdi-Arien, die sie mit abschätzigen Texten über die konkurrierenden Sängerinnen am fiktiven Opernhaus umdeutete. Dann ging es über die Dreigroschen-Oper – ebenfalls mit neuem Text – zu einer neuen Variante von „Anatevka“, in der sie den Tenor besang („Wenn ich ein Tenor wär“) und sich an seine Stelle wünschte. Weiter ging es mit Verdis „Falstaff“ und Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“, allesamt mit neuen Texten, die man leider wegen des expressiven Gesangsstils nicht immer verstand. Man kennt das von der „richtigen“ Oper, die auch in deutscher Sprache meist Übertitel erfordert.

Das ging alles Schlag auf Schlag, wobei Annette Postel die einzelnen Stücke durch geschickte und mindestens ebenso originelle und temperamentvolle Überleitungen miteinander verband. Eigentlich waren das keine Überleitungen sondern eigene Episoden, die sie mit und an dem Publikum entwickelte und aus denen sich dann zwanglos und scheinbar ganz natürlich die jeweils nächste Nummer entwickelte. Und dabei durfte auch die liegende Pose auf dem Flügel nicht fehlen, aber erst, nachdem sie in einem anderen Couplet die Soubretten aus der einsamen Höhe der großen Sopranistin in Grund und Boden gesungen hatte. Höhepunkt des ersten Teil war dann die – für eine Sopranistin obligatorische! – Arie der „Königin der Nacht“ als Schimpfkanonade auf die singende Nachbarin, die natürlich den letzten hohen Ton nicht schafft. Und mit der Arie der Liu aus Pucchinis „Turandot“ – mit dem Originaltext gesungen – starb sie am Schluss einen dramatischen Bühnentod, von dem sie erst Pianist Klaus Webel zwecks Entgegennahme des Pausenbeifalls wiedererwecken konnte. Und der brandete bereits zu diesem Zeitpunkt recht kräftig.

Da das Publikum während der Veranstaltung gut dem Rheingau-Wein zusprach, gönnte auch sie sich nach der Pause als alkoholisierte Sopranistin einige virtuelle Bierchen in der Theaterkantine, obwohl sie im steifen Rokoko-Kostüm mit turmhoher Perücke auf die Bühne geschwebt war – nun gerüstet für die barocke und mozarteische Oper. Purcells „Dido und Äneas“ gab nicht nur Anlass zur Intonation der Arie der Dido sondern auch zu beinahe philosophischen Betrachtungen über den Abschied, die bei Annette Postel jedoch stets dann in kabarettistische Pointen übergehen, sobald die Gefahr aufgesetzten Tiefsinns auftaucht. Auch eines der wichtigsten Themen des Opernbetriebs kehrte Annette Postel nicht unter den Teppich, nein, sie studierte mit dem Publikum sogar einen Husten- und Knisterkanon ein, denn nichts lieben die Opernsänger (und Dirigenten) mehr, als wenn im schönsten Pianissimo einer Arie eine Bobontüte zerknüllt wird oder wohldosierte Hustenfälle in allen Stimmlagen für einen originellen akustischen Klangteppich sorgen. Doch so etwas darf man nicht dem Zufall überlassen sondern muss es als Teil der Inszenierung bewusst inszenieren, und das tat Annette Postel an diesem Abend als erste Künstlerin mit Konsequenz und Können.

1607_singoperstirb_2Es folgte ein Duett mit sich selbst über große und kleine Kunst, wobei sie die Gelegenheit nutzte, ausgiebig „Carmen“ zu zitieren.  Chopins Walzer fanden noch unerwartet einen Text über die verhasste Zweitbesetzung, und das Problem der lispelnden Sängerin, die so gern zur Oper möchte, fand nicht nur viele Gelegenheiten für Lacher sondern am Ende mit Hilfe des Pianisten eine fast geniale Lösung.

Was bringt man zum Schluss eines Programms? Früher spielte man dann gerne „Muss i´denn, muss i´denn…“, doch das ist ein wenig aus der Mode gekommen. Annette Postel wählte noch einmal Mozart und die Zauberflöte – was sonst? – und präsentierte Paminas Abschiedsarie, wobei sich der Text während des Vortrags immer mehr der heutigen Umgangssprache anglich. Fast übergangslos wechselte sie in ein mittlerweile bereits etwas abgesungenes und daher sehr bekanntes Chanson über das Ende einer Beziehung (natürlich mit französischem Akzent!) und changierte in der Folge zwischen beiden Kunstformen hin und her, bis sie mit dem Weltschmerz des Chansons endete.

Doch damit war noch lange nicht Schluss, denn der rhythmische Beifall des Publikums war als Aufforderung zu Zugaben zu verstehen, der die beiden Künstler gerne nachkamen. Auch hier kam wieder „Carmen“ in kabarettistischem Gewand zu Gehör, und Annette Postel ließ in diesen Zugaben noch einmal ihr ganzes sängerisches Können, ihr darstellerisches Talent und ihren Witz aufblühen. Sie ließ nicht locker, bis die Zuhörer dank der einbrechenden Dunkelheit auch einmal die Lichteffekte ihrer Show bewundern konnten – was sie auch besonders betonte.

Wenn auch für alte RMF-Hasen bei einigen Nummern ein gewisser „déja entendu“- Effekt aus alten Programmen (s. o.) deutlich wurde, war der Spaß wegen des Witzes und des Könnens der beiden Protagonisten auf der Bühne doch wieder ebenso groß wie beim ersten Mal. Gut dargebotenes (musikalisches) Kabarett kann man eben – wie E- und U-Konzerte – im Laufe der Zeit auch mehrere Mal genießen, ohne dass Langeweile einkehrt.

Frank Raudszus

 

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