Die koreanische Tanzlust

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Bei einer Reise durch Südkorea fiel der in den USA ausgebildeten Choreographin Eun-Me Ahn auf, mit welcher Begeisterung vor allem ältere Frauen bei allen denkbaren Gelegenheiten zu Musik spontan tanzten. Diese Beobachtung setzte sie in der vorliegenden Choreographie um, indem sie Frauen buchstäblich „von der Straße“ engagierte und in ihre professionelle Truppe integrierte. Das Gastspiel in Darmstadt gewährte dabei einen Einblick in die aktuelle koreanische Kultur mit dem Schwerpunkt auf der Rolle der älteren Frau.

Eine ältere Dame mit einem Tänzer

Vor Beginn und während des ersten Teils läuft ein Video auf der Bühnenrückwand, das aus einem durch Korea fahrenden Bus aufgenommen wurde. Der Zuschauer erhält einen ersten optischen Eindruck des Landes ohne akustische Zutaten, bis eine ältere Dame – offensichtlich keine professionelle Tänzerin – die Bühne betritt und sich langsam zum Bühnenrand bewegt. Weitere ältere Damen folgen ihr, bis plötzlich die Tanztruppe auftritt und eine halbstündige Intensivshow zu lauter Techno-Musik zeigt. Dabei geht es nicht um kunstvolle Tanzfiguren sondern weitgehend um freie, losgelassene und freudvolle Bewegung. Geradezu wild und ausgelassen schwirren die Tänzer bis zur völligen Erschöpfung zuckend über die Bühne, wobei die Erschöpfung nicht nur gespielt ist.

Eine Tanznummer der Tanztruppe

Kurz bevor die akustischen und visuellen Sinne der Zuschauer zu rebellieren beginnen, erstirbt die Musik, und es erfolgt eine ebenfalls fast halbstündige, tonlose Videosequenz über tanzende ältere Koreanerinnen. An allen möglichen – privaten und beruflichen – Orten hat die Choreographin unterschiedlichste Frauen angesprochen und offensichtlich zum spontanen Tanzen – nach nicht eingespielter Musik – animiert. Da ist die Gemüsefrau auf dem Markt, die Fischverkäuferin, die Passqantin in der Fußgängerzone, die Bäuerin vor ihrem Hof, die Verkäuferin, die Angestellte, die Großmutter neben vielen anderen, spontan ausgesuchten Frauen. Allen ist die Freude am Tanzen gemeinsam und keine geniert sich, auch ausgefallene Tanzfiguren zu zeigen. Auch ratlose Blicke vorbeikommender Passanten können diese Frauen nicht verunsichern.

Der große Schlusstanz aller Beteiligten

Nach dieser Schau der „tanzenden Großmütter“ setzt wieder die Choreographie ein, jetzt mit bekannten Melodien der internationalen Popmusik, eher romantisch und klassisch als modern. Dazu tanzen professionelle Tänzer und Tänzerinnen mit den älteren Damen klassische Tänze wie etwa den Tango Argentino, aber auch andere aktuelle Tänze. Die Texte dazu sind zwar koreanisch – mal klingen sie auch russisch -, transportieren aber wegen ihrer Herkunft aus der westlichen Unterhaltungsmusik die uns bekannten Stimmungen. Dieser Teil lässt darauf schließen, dass auch Südkorea sich an der westlichen Kultur ausrichtet, denn man hört kein einziges Stück mit asiatischer Tonalität. Man hätte in dieser Produktion gerne auch etwas über die koreanische Tradition des Tanzes gehört und gesehen, doch die Eun-Me Ahn beschränkt sich konsequent auf die westliche Musik, sei es harter Techno oder weiche Gefühlsmusik.

Doch die Freude an der Bewegung ist nicht zu übersehen, und Eun-Me Ahn bringt mit dieser Produktion zum Ausdruck, dass die koreanischen Frauen sich aus ihrer alten Rolle der häuslichen Isolation zu befreien beginnen und im Tanz ein probates Mittel dazu sehen. Am Schluss forderten die Tänzer der Gruppe das Publikum auf, im Foyer des Staatstheaters eine spontane Tanzparty zu organisieren. Ob dies so geklappt hat, wie man es sich dachte und wünschte, kann der Rezensent nicht sagen, da er nach der Vorstellung zwecks Rezension heim eilen musste.

Frank Raudszus

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