Von der Frühklassik in den musikalischen Osten des 20. Jahrhunderts

Print Friendly

Das 4. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt stand im Zeichen osteuropäischer Komponisten des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit Sergej Rachmaninoff, Leos Janacek und György Ligeti waren gleich drei Nationalitäten vertreten, und damit war eine breite Palette musikalischer Stile gewährleistet. Die Einleitung dieses slawischen Programms blieb mit Johann Christoph Bach jedoch einem Vertreter der frühen Klassik vorbehalten, sozusagen eine Brücke in den Westen. Den Solopart des Rachmaninoff-Konzerts übernahm der junge Joseph Moog, und als Dirigent stand der US-Amerikaner Daniel Meyer am Pult.

Dirigent Daniel Meyer

Johann Christoph Bach war der jüngste Sohn Johann Sebastians und gleichzeitig Vorbild für den jungen Mozart. Er stand an der Schwelle zwischen spätem Barock und früher Klassik und hat Mozarts musikalische Entwicklung erheblich beeinflusst.  Die „Sinfonia g-Moll“ entstand, als Mozart zehn Jahe alt war, und dürfte bei dessen beiden g-Moll-Sinfonien in gewissem Maße Pate gestanden haben. Sie ist noch in der für das Barock typischen gleichmäßigen Metrik gehalten und beschränkt sich auf ein kleines Orchester mit wenigen Bläsern und ohne Schlagzeug, verzichtet jedoch bereits auf den gravitätisch-klerikalen Duktus des Barock zugunsten einer freieren und säkularen Gestaltung. Obwohl Bach noch auf dynamische Tempowechsel verzichtet, baut er schon im ersten Satz geschickt Spannungen auf, die sich dann in abschließenden Streichertutti entladen. Das Andante des zweiten Satzes schreitet in gemäßigtem Tempo voran und zeigt ausgeprägte homophone Strukturen. Der Finalsatz beginnt dann mit einem Aufruhr, den man auch als Beschreibung eines Sturms deuten kann, und geht dann in ein metrisch gleichmäßiges Allegro über, das bis zum Schluss vorherrscht. Das Orchester präsentierte diese Sinfonia mit Präzision und Gespür für den Standort dieses Musikstücks zwischen Barock und Klassik, und Daniel Meyer achtete darauf, das diese Rolle im Sinne weder des Barocks noch der Klassik überinterpretiert wurde. Als Konzerteröffnung übernahm es genau die ihm zukommende Aufgabe, Orchester und Publikum auf die folgenden, wesentlich anspruchsvolleren Kompositionen einzustimmen.

Rachmaninoffs „Rhapsodie nach einem Thema von Paganini“ für Klavier und Orchester folgt dem Brauch des späten 19. Jahrhunderts, Themen früherer Musiker aufzunehmen und in einer neuen Konstellation zu servieren. Das Stück beginnt mit einem spektakulären Auftakt, dem versetzte Rhythmen der Bläser und des Schlagwerks folgen, bis dann das bekannte Thema einsetzt. Die Rhapsodie besteht aus 24 Variationen , wobei sich das Thema mit dem bekannten „dies irae“-Thema abwechselt. Dahinter steckt die Sage, dass Paganini sein virtuoses Talent durch einen Pakt mit dem Teufel errungen habe, der dann zum Schluss den Kampf auch gewinnt. Der erste Einwurf des „dies irae“ bricht förmlich in den musikalischen Gang ein und vermittelt mit seinen dichten Akkorden den Eindruck einer existenziellen Bedrohung. Bis zu der letzten Wiederkehr dieses Motivs in der Schlussvariation durchläuft das andere Thema eine breite Palette musikalischer Ausdrucksformen, vom Volksliedhaften über das Lyrische zum brillant Perlenden, zum Sehnsuchtsvollen und zu furiosen Akkordketten. Dazu liefert das Orchester nicht nur eine einfache Begleitung sondern beteiligt sich als gleichwertiger Partner bei der Ausgestaltung der einzelnen Variationen. Dabei wird das Paganini-Thema immer wieder geschickt mit dem „dies irae“ verwoben und verflochten, so dass zum Schluss beide Themen nur Variationen eines versteckten Hauptthemas zu sein scheinen. Diese Verflechtung ist wie ein Kampf um die Vorherrschaft gestaltet, und damit erfüllt diese Komposition in gewisser Weise die Voraussetzungen für programmatische Musik. Dieser Charakter zeigt sich am deutlichsten in der 18. Variationen, die auch als Filmmusik berühmt wurde und dem Komponisten entsprechende Kritik einbrachte.

Der Pianist Joseph Moog

Joseph Moog zeigte am Flügel nicht nur eine perfekte Technik, die sich in leicht hingeworfenen Läufen, wuchtigen Akkordketten und komplizierten Figuren beider Hände niederschlug, sondern auch das musikalische Gespür, die verschiedenen psychologischen Befindlichkeiten der einzelnen Variationen zum Ausdruck zu bringen. Schließlich geht es um einen Zweikampf zwischen Musiker und Teufel, und da müssen die beiden Seiten auch im dichtesten Kampfgetümmel deutlich voneinander zu unterscheiden sein. Dass Rachmaninoff das Virtuose gerne der musikalischen Aussage vorzog, sei ihm als großem Pianisten verziehen und bietet außerdem jedem Solisten die Chance, sein ganzes Können zu zeigen. Das Publikum zeigte sich von Joseph Moogs Leistung derart angetan, dass er noch zwei Zugaben spielte: George Gershwins „S´Wonderful“ in einer eigenen Bearbeitung sowie eine „Etude-Tableaux“ aus op. 33 von Sergej Rachmaninoff.

Nach der Pause erfolgte mit György Ligetis „Atmosphères“ ein Sprung in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Hier stehen keine Themen oder musikalische Motive mehr im Vordergrund, sondern lediglich Klangflächen und -räume. Ligeti ging es darum, sich aus den Fesseln der seriellen Musik zu lösen und die Erzeugung völlig neuer Klangkombinationen in den Mittelpunkt seiner Musik zu stellen. Dazu lässt er jedes Instrument eine eigene Stimme spielen, die sich jedoch von dem Nachbarinstrument nur geringfügig unterscheidet. Dadurch enstehen komplexe, gleichsam schwebende Klangbilder, die einen je eigenen emotionalen Gehalt mit sich führen. Man fühlt sich von dieser Musik buchstäblich entrückt in einen anderen musikalischen Kosmos, der bei aller Faszination einen sehr fragilen Eindruck vermittelt. Sich aufbäumenden Klangflächen folgen feinste Klangmuster, dann wieder klingen die Streicher wie ein vorbeifliegender Hummelschwarm, um im nächsten Augenblick zu einzelnen, verlorenen Tönen zu verklingen. Zum Ende verstummen auch die letzten Instrumente, und der Dirigent leitet ein stummes, aufmerksam seine Bewegungen verfolgendes Orchester. Seltsamerweise wirkt das nicht unfreiwillig komisch, sondern die Konzentration der Musiker überträgt sich auf das Publikum, das die Stille wie Musik in sich aufnimmt und sich an John Cages „4,33“ erinnert fühlen darf.

Nach diesem Ausflug in die Neue Musik folgte zum Abschluss noch einmal osteuropäische Musik, dieses Mal von Leos Janacek. Seine „Sinfonietta“ aus dem Jahr 1926 entwickelte er aus einem Auftragswerk einer Bläserfanfare, die dann auch am Beginn und am Ende der Komposition steht. Die strukturelle und rhythmische Asymmetrie der Fanfare baut dabei von Beginn an eine starke Spannung auf. Ostinate Wiederholungen einzelner Bläserfiguren wechseln sich mit volksliedhaften Einschüben ab, die Erinnerungen an Antonin Dvorak wecken, dann wieder scheint die Musik bildreiche Geschichten über Menschen und Landschaften zu erzählen. Warme Klänge der Holzbläser wecken melancholische Assoziationen, bis scharfe Einwürfe der Blechbläser abrupt für einen Wechsel des musikalischen Ausdrucks sorgen. Dazu liefern die Streicher einen dichten Klangteppich aus ostinaten Figuren. Musikalische Themen im herkömmlichen Sinn spielen hier keine Rolle mehr, sondern nur noch kurze Motive oder gar Figuren, die entweder von einer Instrumentengruppoe ostinat wiederholt werden oder durch die Instrumente wandern. Zwischendurch gewinnen lyrische Elemente in den Flöten die Oberhand, um dann wieder durch einen dichten Klangteppich der Blechbläser unterlegt und abgelöst zu werden. Zum Ende kommen wieder die Fanfarenbläser an der Rückwand des Konzertsaals zum Einsatz und beschließen die Sinfonietta mit einem furiosen Finale und einem letzten, lauten Schlag des Orchesters.

Großer Beifall des Publikums für alle Beteiligten, vor allem aber für den Gastdirigenten Daniel Meyer.

Frank Raudszus

,

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar