Unter dem Zauber des Lichts – zwei französische Ballette

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Das Staatsballett Berlin präsentiert Maillot sowie Millepied in der Deutschen Oper Berlin

Altro Canto, Foto: Yan Revazov

Die Einführung zu den Balletten von Maillot und Millepied lässt uns zwei sehr verschiedenen Ballettinszenierungen entgegenblicken. Maillot bringt mit Altro Canto eine Choreographie auf die Bühne, die die Vereinigung von Gegensätzen repräsentiere. Zu einer barocken Musikfolge, welche maßgeblich auf Werke des Komponisten Monteverdi zurückgreift, soll sich eine Kostümwelt schmiegen, die die Grenzen zwischen Mann und Frau aufhebt, indem Tänzerinnen und Tänzer beiderseits in Kleidern und Hosen erscheinen, welche wiederum den Entwürfen Karl Lagerfelds entsprungen sind. Gespannt erwarten wir zudem die sakrale Umhüllung des Tanzes durch den Schein eines Meeres aus Kerzen. Die Eckpunkte dieser Skizzierung lassen uns in der Tat etwas sehr Ungewöhnliches, ja vielleicht sogar Unnahbares vor das innere Auge malen. Nach der Pause soll uns Millepied die Liebesgeschichte von „Daphnis et Chloé“ tänzerisch erzählen. Wir erwarten einen rauschenden Kampf um die Liebe, wenn Daphnis Chloé zuerst umwirbt, beide sich gegen Widersacher und Konkurrenten für einander durchsetzen müssen und es schließlich sogar noch zur Entführung Chloés durch die Piraten kommt. Natürlich hoffen wir schon jetzt auf ein gutes Ende, aber die Spannung bis dahin scheint gesichert. Hinsichtlich des Bühnenbildes sollen wir uns hingegen nicht auf Romantik, sondern auf eine klare und dabei leuchtende Ästhetik freuen. Große geometrische Formen, getaucht in Primärfarben, werden die Szenen dominieren.

Altro Canto; Foto: Yan Revazov

Nach dieser Einführung und ergänzender Studie der Programmbeilage sind wir nun umso mehr auf die choreographischen Inszenierungen gespannt. So scheint heute Abend nicht nur der Kontrast zweier opponierender Kompositionen in den Fokus gerückt, sondern der Kontrast ist ebenso das Sujet der jeweiligen Werke. Vielleicht hilft uns das auch ein wenig besser nachzuvollziehen, weshalb die Zusammenstellung dieser Werke gewählt wurde, wo doch ihre Gemeinsamkeit auf den ersten Blick lediglich in der französischen Abstammung der jeweiligen Choreographen liegt. Wir lassen uns darauf ein zu erleben, wie einzigartig und dabei überzeugend die vermeintlichen Gegensätze ausgespielt werden und ob es dabei dennoch zu einer dominierenden Stimmung oder Aussage kommen kann. Denn es stellt sich die Frage, ob der Kontrast allein Thema sein soll oder ob dieser dem Zweck der Anreicherung und Erschaffung einer komplexeren, reichhaltigeren Realität dienen soll, mit der es gelingt, noch mehr Bedeutung in das Ballett zu implementieren.

Maillot entführt uns in seine Welt des Traumes. Wie in einem Traum nicht ungewöhnlich ist die sachlogische Ebene nicht die final inhaltlich determinierende. Und dennoch kann es, muss es aber auch nicht in einem Traum eine Richtung geben, der der Fluss der Dinge zu folgen scheint. Und gleichzeitig ist ein Traum etwas immanent Individuelles, denn Träume sind de facto nicht teilbar in ihrem Durchleben. So mag also auch die Wahrnehmung von Maillots Welt, so man sie denn als die eines Traumes interpretieren möchte, auf differenzierteste Weisen gesehen und gefühlt werden. Hierbei ist die emotionale Tiefe bis zu einer Art der vollkommenen Liebe eine mögliche Sensualität, die man empfinden mag, die maßgeblich aus dem Dreiklang von Musik, Tanz und dem omnipräsenten Kerzenschein hervorgeht. Die Erwartung ist übertroffen – auch aber definitiv nicht nur weil die textuelle Einstimmung das Publikum in eine abstrakte Beobachterposition gehoben hatte.

Daphnis er Chloé; Foto: Yan Revazov

Millepieds Choreographie könnte nach dem imposanten und herzerfüllenden Zauber Maillots kaum einen herausfordernderen Antritt vor sich sehen. Und so ist es zumindest ein Vorteil, dass Millepieds einen grundverschiedenen Ansatz spielt, in dem er auf Geometrie, Farben, Helligkeit und ebenso ein nachvollziehbares Libretto setzt. Der Lauf der Dinge ist intuitiv und das Geschehen erregt den Geist ohne Umschweife. Die Dramaturgie baut sich wie erwartet mit dem ersten Tête-a-tête von Daphnis und Chloé auf. Als Daphnis´ Gegenspieler vor dessen Augen um die Gunst seiner Geliebten zu buhlen versucht, schäumen die Emotionen hoch. Mit der Entführung Chloés durch die Piraten macht sich Angst um Ihre Unschuld breit, die sich bereits mit einem Gefühl von Traurigkeit mischt. Der Lauf der Dinge scheint nicht gänzlich aufhaltbar. Wider Erwarten zur ursprünglichen Ausgangslage erreicht die Liebesgeschichte nicht die emotionale Ergriffenheit von Maillot – besticht dafür aber durch choreographische Präzision bei einem außerordentlichen Maß an technischer Diffizilität und Vitalität.

Daphnis et Chloé; Foto: Yan Revazov

Die Symbiose aus einnehmender Lichtinstallation, fließend zart bis akrobatisch gespanntem Ballett, untermalt von den Klängen des Orchesters und des Extrachors der Deutschen Oper Berlin, lädt dazu ein, der Realität zu entfliehen. Genießen Sie den Zauber des Lichts und gönnen Sie Ihren Gedanken und Gefühlen ein wenig freie, inspirative Entfaltung.

Malte Raudszus

 

 

 

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