Martin Walser: „Statt etwas oder Der letzte Rank“

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Jemand musste Martin W. verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hätte, wurde er beobachtet…….

So könnte dieses Buch auch beginnen, denn es geht in ihm um eine als unerträglich empfundene permanente Beobachtung, Benotung und Verurteilung eines Individuums – des Ich-Erzählers – durch eine wie bei Franz Kafka unangreifbare Gesellschaft. Martin Walser hat in den Mittelpunkt dieses Romans einen fiktiven Intellektuellen gestellt, den man sich als Schriftsteller vorstellen kann aber nicht als glücklichen Menschen vorstellen muss. Es ist keine eindeutig zurechenbare Autobiographie, aber es steckt Martin Walsers gesamtes literarisches Leben in diesem Roman. Der Ich-Erzähler steht im intellektuell-kulturellen Rampenlicht, und seiner Gegner sind viele. Er sieht sich von ihnen umstellt und einer pausenlosen Bewertung unterzogen, die für ihn geradezu zwangsläufig vernichtend ausfallen muss. Er fühlt, dass er die Erwartungen der tonangebenden Geistesgrößen – vulgo: Feuilletonchefs – nie wird erfüllen können und dass sie ihm jeden noch so gut gemeinten Versuch aus hoher Warte um die Ohren schlagen werden.

Walser muss die Nähe zu Kafkas Büchern selbst gespürt haben, denn er erwähnt ihn einmal im Laufe einer Episode und führt sogar seine Schwester Wilhelma ein, die es zwar unter diesem Namen historisch nicht gegeben hat, die ihm aber im Rahmen eines Traumas die Anerkennung eines Großkritikers – ja, wenn möglich dessen Zuneigung! – einbringen soll. Natürlich scheitert dieses Traumgebilde kläglich.

Trotz dieser grundlegenden Stimmungslage beginnt Walser seinen Roman mit dem Satz „Mir geht es ein bisschen zu gut“ und wird diesen Satz wie ein Leitmotiv durch das ganze Buch führen. Dabei dient dieses Bekenntnis als trotziges „Dennoch“ gegen die Zumutungen der Welt. Denn es erhebt sich immer nach den unvermeidlichen Niederlagen. Der Ich-Erzähler hat es gelernt, sich gegen diese Umwelt durch eine Taktik des Ausblendens zu wehren. Er verzichtet auf den aktiven Kampf gegen die widrigen Umstände und bösartigen Widersacher und zieht sich auf den Standpunkt „Zu träumen genügt“ zurück. Er benötigt keine Erfolge und Anerkennungen mehr, sondern baut sich seine eigene Innenwelt. Doch auch das merken seine Gegner und versuchen, ihn aus seinem Versteck zu locken, um ihn dann um so sicherer zu vernichten.

Walsers Roman ist kein Handlungsroman im eigentlichen Sinne, sondern eine Sammlung kurzer Essays, seelischer Befindlichkeiten und – mal lange gereifter, mal plötzlich eintretender – Erkenntnisse eines einsamen Individuums. Zwar agiert dieses Individuum mit ihm nahestehenden Menschen – also nicht nur mit Gegnern – und lebt sogar in einer Beziehung, aber diese Interaktionen spielen im Buch eine zweitrangige Rolle und bestätigen im Grunde genommen nur die Verletzlichkeit des Erzählers, der überall Eigeninteressen und Gefahren wittert. Eine Frau – wohl eine hoch angesehene Kollegin – kontaktiert ihn einmal und tritt in eine vertrauensvolle Korrespondenz mit ihm, doch zwischen ihren Worten sieht er ihr Eigeninteresse durchblitzen, das in ihm zumindest kurzfristig einen für sie wertvollen Partner sieht. Walser gelingt es dabei, ein hohes intellektuelles und auch menschliches Niveau zwischen den beiden glaubhaft mit seinem meist zu Recht bestehenden Misstrauen zu verweben.

Man muss Walsers Biographie in den Grundzügen kennen, um diese große Verletzlichkeit und Verletztheit zu verstehen. Mit Marcel Reich-Ranicki verband ihn einst eine echte Freundschaft, bis dieser ihn in Grund und Boden redigierte. Ob das zu Recht geschah, sei dahingestellt; Walser jedoch empfand das als persönlichen Angriff und brach mit Reich-Ranicki bis zu dessen Tod. Sein Roman „Der Tod eines Kritikers„, der aus dieser Enttäuschung entstand und dem ehemaligen Freund galt, brachte ihm den Vorwurf des Antisemitismus ein, weil er den Roman-Kritiker (der dann gar nicht gestorben war) in einem Nebensatz als jüdisch bezeichnete, und öffnete das Tor für einen wahren „Shitstorm“. Die zweite große Wunde in Walsers literarischem Leben ist seine Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche  zur Verleihung des Friedenspreises, in der er sich gegen den Missbrauch des Holocausts als „Moralkeule“ im politischen Alltagskampf aussprach. Auch diese Rede – der anfangs stehend applaudiert wurde – wurde ihm als latent antisemitisch vorgeworfen und eröffnete eine weitere Schlammschlacht. Walser sah sich hier bewusst missverstanden, wobei Reich-Ranicki eine durchaus nicht unbedeutende Rolle spielte.

Diese beiden Auseinandersetzungen weckten bei vielen Kritikern und Beteiligten des Kulturbetriebs die Idee und die Lust, sich auf Walser einzuschießen., so wie ein Jagdhund erst dann Mut fasst, wenn der Keiler angeschossen ist. Plötzlich wurde es Usus, Walser kritisch gegenüberzutreten und seine Bücher zu verreißen, während er bis in die späten Neunziger als deutscher Vorzeigeintellektueller galt. Walser hat das natürlich gemerkt und sah sich plötzlich „zum Abschuss freigegeben“. Diese Erfahrungen schlagen sich in den kurzen Fragmenten des letzten Romanes nieder. Er ist umstellt von einer ihn ablehnenden Welt, die auch seinen Rückzug ins Private nicht akzeptiert, und kann sich nur noch ins Land der Träume retten. Träumen genügt. Um nicht permanent an die feindlich gesinnte Umwelt denken zu müssen, übt sich sein Protagonist in der Kunst, eine ungemusterte Wand zu betrachten, und landet – nach einigen anderen Versuchen – bei der Descartes-Abwandlung „Ich leide, also bin ich“. Doch ist dieser Satz nicht als selbstmitleidiger Abschlusssatz des Romans zu verstehen sondern nur als ironischer Abschluss einer Episode und findet in einer der nächsten wieder seine Auflösung.

Dass dieser Roman 52 Kapitel enthält, kann Zufall sein, die Zahl kann aber auch bewusst als Metapher des Jahresablaufs gewählt sein. Die einzelnen Kapitel sind hinsichtlich Länge und Aussagekraft sehr unterschiedlich. Man kann sich vorstellen, dass Walser sich vorgenommen hat, das Jahr in der Romanstruktur abzubilden. In manchen Wochen kommen nur zweizeilige Aphorismen wie „Fühl Dich nicht so unwichtig, wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz“ oder kurze Gedichte vor, andere wieder dehnen sich aus zu veritablen kleinen Novellen. Doch gerade diese Erzählungen, die oftmals sogar konkrete Handlungsabläufe wie Autofahrten durch Deutschland beinhalten, zeigen stets einen traumhaft-unwirklichen Ablauf, in dem die Personen und Handlung plötzlichen Schwenks unterliegen oder sich innerlich von dem Protagonisten entfernen. Dieser muss erkennen, dass vermeintliche Nähe sich als Schimäre erweist. Halbwegs tröstlich wird ihm dabei klar, dass auch seine Gegner nur aus Eigennutz gegen ihn agieren. Es geht gar nicht um ihn, sondern um die Gegner selbst und ihre Aktionen und Karrieren. Und plötzlich, in einer der letzten Episoden, erkennt er, dass Liebe – die man ihm entgegenbringt – etwas mit Barmherzigkeit zu tun hat, er sich ihrer aber nicht würdig erweisen kann.

Die Verzweiflung des Beginns und weiter Strecken dieses Buches beginnt am Ende einer Fügung ins Unvermeidliche zu weichen, die aber nicht nur aus Resignation besteht sondern so etwas wie Weisheit widerspiegelt. Da wundert es dann nicht, wenn das letzte Kapitel, in lockeres Versmaß eingefasst, ein wenig wie die letzten Zeilen von Goethes „Faust II“ klingt. Da hat sich Martin Walser zum Ende hin doch keine schlechte Vergleichsbasis verschafft.

Das Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ist im Rowohlt-Verlag erschienen, umfasst 171 Seiten und kostet 16,95 Euro.

Frank Raudszus

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