Wolfgang Brenner: „Zwischen Ende und Anfang“

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Als die Regierung Dönitz am 8. Mai 1945 die Kapitulation unterzeichnete, atmeten viele Bürger auf, dass der Albtraum ein Ende hatte. Mindestens ebenso viele bedauerten jedoch auch, dass die glorreiche Zeit unter Hitler ein so schreckliches Ende gefunden hatte, und träumten im Stillen von einem anderen Ausgang des Krieges. Unter diesen spannungsgeladenen Umgebungsbedingungen begann die Zeit der Besatzung durch die vier Siegermächte USA, Großbritannien, die Sowjetunion und Frankreich, das sich in letzter Minute noch als Siegermacht einreihen konnte. Wolfgang Brenner, Jahrgang 1954, hat für das vorliegende Buch in vielen Zeitdokumenten recherchiert und eine Reihe von Zeitzeugen befragt, die diese Zeit persönlich erlebt haben.

Man muss sich noch einmal die letzten Kriegsmonate vergegenwärtigen, um das Chaos unmittelbar nach der Kapitulation zu verstehen. Die gut organisierte Verwaltung der Nazis konnte bis  kurz vor Schluss das tägliche Leben und vor allem die Versorgung der deutschen Bevölkerung sicherstellen, da man über Jahre die eroberten Länder geplündert und im eigenen Lande große Vorräte angelegt hatte. Außerdem hatten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene – unfreiwillig – dafür gesorgt, dass Produktion, Transport und Verteilung lebenswichtiger Güter funktionierten. Mit der Kapitulation brach diese Organisation schlagartig zusammen, da die Verantwortlichen entweder als Nazis verhaftet, oder geflohen waren. Die Besatzer hatten jedoch lediglich militärische Aufgaben und Strukturen und konnten daher nicht von heute auf morgen die Versorgung der Bevölkerung übernehmen. Außerdem ließen sie die Skepsis – wenn nicht gar Ablehnung und sogar Hass – gegenüber der deutschen Bevölkerung zögern zu helfen. Schnell stellten sich auch unterschiedliche Meinungen, Interessen und Ziele der Alliierten heraus. Das betraf nicht nur die ideologischen Differenzen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion, sondern auch den Westen selbst, denn Frankreich zu Beispiel verfolgte wesentlich konsequentere und teilweise aggressivere Ziele gegenüber Deutschland als Großbritannien oder gar die USA. Letztere waren denn auch die ersten, die die Lage in Europa pragmatisch und realistisch sahen. Ihnen dämmerte, dass bei zu großer Not in einem so großen und zentralen europäischen Land wie Deutschland Revolten unvermeidlich wären, die den ganzen Kontinent ins Chaos stürzen könnten. Da den Amerikanern bereits zu diesem Zeitpunkt die aggressive Expansionspolitik der Sowjetunion und ihr Ziel eines kommunistischen Europas klar waren, galt es, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Wolfgang Brenner schildert diese Situation aus verschiedenen Perspektiven: einmal aus der – meist politischen – Sicht der beteiligten Staaten, dann aber auch aus der Position sachlicher Zwänge. Bei letzteren standen der Hunger und die Wohnungsnot an erster Stelle. Aber auch Kleidung und nahezu sämtliche anderen Gegenstände des täglichen Bedarfs waren nicht vorhanden oder konnten nicht verteilt werden. Das Transportsystem war weitgehend zerstört oder wurde – vor allem durch die Sowjets –  gezielt geplündert. Dadurch konnte die noch vorhandene Industrie nicht auf die Kohle zur Energieerzeugung zugreifen, und alle Bänder standen still. In dieser Zeit größter Not war der einfache deutsche Bürger mit dem Überleben beschäftigt. Nachdenken über das „tausendjährige Reich“ und die eigene Rolle darin standen nicht zur Diskussion: Frei nach Brecht hieß es „erst kommt das Fressen und dann die Moral“. Brenner hebt zwar dieses Vergessen ab Stunde Null hervor, macht daraus jedoch keine wohlfeile Anklage des Nachgeborenen sondern stellt nur fest. Ebenso stellt er aber auch fest, dass im Zuge der anlaufenden Entnazifizierung, die sich die Siegermächte etwas unklar wie eine Entlausunsgaktion vorstellten, die meisten Deutschen sich als stille Widerstandskämpfer sahen und die überzeugten Nazis meist in der ferneren Nachbarschaft verorteten. Das Vergessen war also nicht nur der Not geschuldet sondern war auch eine aktive „Selbstentschuldung“ der Deutschen.

Brenner geht auf alle diese Probleme detailliert ein, wobei er den sachlichen Ton des Chronisten auch da beibehält, wo es um Tod oder Leben, um Schuld und Sühne geht. Sein Ziel ist nicht die Abrechnung mit der Generation seiner Eltern oder die große Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes, sondern eine möglichst detaillierte und sachgerechte Analyse der Jahre zwischen 1945 und 1949.  Dabei kommt auch die neu entstehende politische Landschaft in Deutschland zur Sprache. Da kommen Politiker wie Adenauer zu Wort, die bereits 1945 eine sehr offene Sprache gegenüber den Alliierten führten, als habe es keinen Überfall auch Polken und die Sowjetunion und keinen Holocaust gegeben. Das mag bei Adenauer durch seine „Opferrolle“ im Dritten Reich gerechtfertigt gewesen sein, andere Politiker jedoch zeigten eine in dieser Situation merkwürdige Chuzpe. Doch Brenner hält dies nur fest, ohne weiter auf dieses Verhalten einzugehen, denn das ist für ihn Vergangenheit und nur eine Notiz wert. Viel wichtiger ist ihm, dass hier wieder eine Keimzelle deutscher Politik entstand, die zwar selbstbewusst – und teilweise etwas mehr – war, aber dabei nicht nationalistisch oder sich gar im Fahrwasser des Dritten Reichs bewegte.

Auch die zunehmenden Spannungen zwischen dem Osten und dem Westen kommen in diesem Buch zum Ausdruck sowie die Strategie der Sowjetunion, nicht nur die eigene  Zone – die SBZ – zu einem eigenen Hoheitsgebiet ohne westlichen Zugang umzugestalten, sondern über ein gesamtdeutsches Parteiwesen und angeblich freie Wahlen auch die Kontrolle über ganz Deutschland zu gewinnen. Brenner zeigt auch, dass hier die Amerikaner als erste die Tragweite der sowjetischen Strategie erkannten und dagegen hielten, während die Franzosen zwecks kurzfristiger Vorteile sogar zu Konzessionen an die Sowjets bereit waren. Dass es – gegen den heftigsten Widerstand der Sowjets und auch der Franzosen – 1948 zur Währungsunion in den drei Westzonen und anschließend zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland kam, war weitgehend der konsequenten Haltung der Amerikaner zu verdanken, die sich vor allem in der Berlin-Blockade als kompromisslose Verteidiger westlicher Werte erwiesen.

Brenner zeigt deutlich, dass in diesen vier Jahren vieles oder alles ganz anders hätte ausgehen können, und dass es für Deutschland ein Glück war, dass sich die West-Alliierten immer wieder zusammenrauften. Vor allem aber zeigt er deutlich, dass die westlichen Siegermächte – allen voran die USA – schon früh erkannten, dass ein freiheitliches Europa ohne eine stabiles (West-)Deutschland eine Illusion bleiben würde, und entsprechend handelten.

Dieses Buch sollte eine Pflichtlektüre für alle Deutschen sein, aber von solchen „Pflichtlektüren“ sollten wir aus historischen Gründen lieber Abstand nehmen. Dennoch wäre es nicht schlecht, wenn der eine oder andere PoWi-Lehrer dieses Buch für seinen Unterricht heranziehen würde. Als Lektüre empfiehlt es sich natürlich darüber hinaus an alle Altersklassen jenseits der Kindheit.

Das Buch ist im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) erschienen, umfasst 389 Seiten und kostet 24 Euro.

Frank Raudszus

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