Leise rieselt der Sand

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In der Rotunde der Frankfurter Kunsthalle Schirn, die bereits des Öfteren Ausstellungsort für avantgardistische Installationen war, stehen zwei Edelstahl-Skulpturen, die man ohne Wissen der aktuellen Ausstellung auch für besonders edle Abfall- oder gar Streusalzbehälter halten könnte. Letztere Interpretation stützt auch der scheinbar zufällig um die Skulptur liegende Sand. Die etwa bis zur Schulter reichenden Elemente sind seitlich hermetisch geschlossen und öffnen sich nur nach oben. Dass die Oberseite mit der Öffnung ein Auge bildet, erfährt man erst bei der Pressekonferenz und kann dies später aus dem ersten Stock der Rotunde nachvollziehen. Dort wiederum – und ebenso im zweiten Stock – ist jeweils das genau über einer Skulptur angeordnete Fenster geöffnet. Die Rundgänge im ersten und zweiten Stock sind um diese Fenster herum mit lockerem Sand gefüllt, durch den die Besucher gehen können und auch sollen. Der dadurch in Bewegung gesetzte Sand rieselt auf das metallene Auge nieder und lagert sich auf diesem und um dieses herum ab. Die üblicherweise grauen Betonsäulen der Rotunde leuchten in ungewohntem Rot, Gelb und Blau und lenken damit den Blick auf die Wände der Rotunde – und auf die geöffneten Fenster.

Die Rotunde der Schirn bei der Pressekonferenz mit farbigen Säulen und der Metallskulptur im Hintergrund. Im Vordergrund Direktor Philip Demand, Kuratorin Katharina Dohm und die Künstlerin Lena Henke

Diese Installation erschließt sich nicht spontan aus sich heraus, sondern erst mit der entsprechenden Einweisung, sei sie nun schriftlich oder mündlich. Aber daraus folgt noch keine schlüssige Aussage. Dafür ist die Kuratorin Katharina Dohm zuständig, die auch gleich weit ausholt und einen metaphorisch-allegorischen Großangriff auf die anwesenden Pressevertreter startet. Demnach bietet sich hier die Redewendung vom „Sand in die Augen streuen“ an, eine schmerzhafte Angelegenheit, die außerdem eine beliebte Abwehrmaßnahme des Schwächeren gegen den Stärkeren darstellt, wie sich einschlägigen Krimis entnehmen lässt. Diese Assoziation führt dann auch gleich zur Metapher der tätlichen Auseinandersetzung und damit letztlich zu einer – möglichen – Erklärung des Titels „Schrei mich nicht an, Krieger“. Der Schrei ist damit jedoch nicht erklärt. Katharina Dohm setzt noch einen drauf und erinnert an den Sand in der Sanduhr, die in der Kunst gerne als Symbol der Vergänglichkeit verwendet wurde. Damit gelangt sie schnurstracks zur existenziellen Aussage über Tod und Leben.

Das hört sich alles durchaus klug und fast philosophisch an, nur kommt die philosophische Sicht mehr aus der Interpretation der Kuratorin als aus dem Kunstwerk selbst. Eine mögliche – und durchaus nachvollziehbare – Einstellung zur Kunst besagt, ein Kunstwerk müsse eine Aussage aus sich selbst heraus allgemeinverständlich formulieren. Zwar haben Generationen von Kunstkritikern diese Vorgabe souverän ignoriert und vielen Kunstwerken Interpretationen aufgepfropft, an die der jeweilige Künstler nicht im Traum gedacht hat (das ergibt sich schon aus widersprüchlichen Interpretationen), doch bei vielen anerkannten Kunstwerken entwickelte sich im Laufe der Zeit eine mit den führenden Interpretationen kongruente Ausstrahlung. Will sagen: man konnte eine bestimmte Interpretation nachvollziehen und nachempfinden. Das fällt bei dieser Installation jedoch ausgesprochen schwer, da hier nur Sand auf ein Stück Metall herabrieselt, das aus der Vogelperspektive entfernt an ein Auge erinnert. Alles darüber hinaus Gehende bleibt der freien Interpretation überlassen. Es ließen sich also viele weitere – teilweise mutwillige – Deutungen ähnlichen spekulativen Charakters denken.

An dieser Installation lässt sich auf jeden Fall trefflich über die Bedeutung und Vergänglichkeit aktueller Kunst philosophieren oder gar streiten. In der Musik kennt man Komponisten und aktive Musiker aus Mozarts Zeit, die bei den Zeitgenossen einen weit höheren Stellenwert genossen als Mozart selbst. Nur kann sich außer Musikwissenschaftlern niemand mehr an deren Namen erinnern – und ihre Musik kennt auch keiner mehr. Ähnliches gilt für andere Kunstbereiche, vor allem die bildende Kunst. Wer spricht heute noch von den Malern des  akademischen Stils im ausgehenden 19. Jahrhundert – von Wenigen abgesehen.

Bisweilen lockt die Möglichkeit, sich einfrieren zu lassen und nach fünfzig Jahren wieder aufzuwachen. Welche heutigen Künstler und Kunstwerke wird man dann noch kennen? Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass diese Installation dann nicht auf der Liste der bleibenden Werke stehen wird.

Die Installation „Schrei mich nicht an, Krieger“ ist bis zum 30. Juli 2017 in der Rotunde der Schirn zu besichtigen.

Näheres auf der Webseite der Schirn.

Frank Raudszus

 

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