Bezwingende Körpersprache zu archaischen Rhythmen

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Szene aus Serussis „Fall“

„Rough Lines“ – „Rauhe Linien“ lautet der Titel der neuesten Produktion des Hessischen Staatsballetts, und diese Bezeichnung trifft den Charakter der Produktion punktgenau. Die beiden israelischen Choreographen Itamar Serussi und Hofesh Shechter präsentieren in Darmstadt ihre Choreographien „Fall“ und „In Your Rooms“, die bei aller Unterschiedlichkeit im Detail dennoch viel Gemeinsamkeiten aufweisen und damit das Programm zu einem eindrucksvollen Gesamteindruck verdichten. Bei beiden Produktionen sollte man sich vor jeglichen vordergründigen Assoziationen und Interpretationen hüten, denn sowohl Serussi als auch Shechter verzichten ganz offensichtlich auf aktuelle psychologische, gesellschaftliche oder gar politische Anspielungen. Stattdessen versuchen sie, die Befindlichkeit der Menschen im täglichen Kampf um die Bewältigung einer immer komplexeren und instabileren Welt durch tänzerische Körpersprache darzustellen, und das gelingt ihnen zusammen mit den Mitgliedern des Hessischen Staatsballetts auf beeindruckende Weise.

Itamar Serussi lässt die Tänzer und Tänzerinnen in „Fall“ in transparenten, einheitlich-roten und bis zum Boden reichenden Gewändern auftreten. Die intensive rote Farbe übt dabei eine ganz eigene, geradezu zwingende Wirkung aus. Dazu hat Richard van Kruysdijk eine Musik kreiiert, die zwischen Techno und reiner Geräuschakustik changiert. Mal fühlt man sich in eine Disco versetzt, mal in ein stark verstimmtes und gestörtes Tonstudio, dann wieder auf eine Baustelle. Doch all diesen Klängen ist eins gemeinsam: ein durchgehender Rhythmus, den man auch als „Beat“ bezeichnen könnte. Nur selten kippt dieser Beat und überlässt das akustische Feld kurzfristig einem lyrischen Zwischenspiel, zu dem dann eine einsame Tänzerin – oder ein Tänzer – eine kurze, ausdrucksstarke Solopartie tanzt. Serussi spielt mit allen emotionalen Facetten: mal sind es ekstatische Gruppentänze, die Assoziationen an Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ wecken, dann wieder ziehen sich einzelne (Liebes)Paare aus dem Tumult an die Bühnenwand zum „Tête-à-Tête zurück, einzelne Tänzer bleiben minutenlang auf der Bühne liegen, ehe sie zum tänzerischen Leben erwachen, andere treten gemessenen Schrittes an die Bühnenrampe und fixieren das Publikum. Eine zusammenhängende Aussage oder gar Geschichte lässt sich dieser Choreographie nicht entnehmen, vielmehr ähnelt Serussis Vorgehen ein wenig dem der impressionistischen Maler, die aus einer Vielzahl unterschiedlichster Farbpunkte einen Gesamteindruck schufen. Hier erzeugt die Vielzahl vereinzelter Emotionen und kleinster Handlungsfetzen – Annäherung, Abwehr, Einsamkeit, Ekstase, Leere – ein hoch verdichtetes Gesamtbild einer orientierungslosen Gesellschaft, die sich einerseits in Auflösung befindet, andererseits nach Zusammenhalt sucht. Doch diese Interpretation entsteht in den Köpfen des Publikums und lässt sich nicht zwingend aus der logischen Struktur der Choreographie ableiten. Das ermöglicht den Zuschauern je nach persönlicher Weltsicht und Seherfahrung ganz individuelle Deutungen. Doch unabhängig davon üben die temporeichen und technisch perfekten Figuren sowie die konsistente Choreographie einen Eindruck aus, dem sich kein Zuschauer entziehen kann.

Szene aus Shechters „In Your Rooms“

Hofesh Shechters Choreographie „In Your Rooms“ scheint einen ganz anderen Ansatz zu bieten, erzeugt damit jedoch ähnliche Effekte. Zu der ausgesprochen präsenten Musik von einer oberhalb der Bühne im Rückraum angesiedelten, fünfköpfigen Band tanzt eine Truppe von fünfzehn Tänzern und Tänzerinnen. Die ausgefeilte Lichtregie nutzt plötzliche Verdunkelungen und punktuelle Beleuchtungen, um die Dramatik der tänzerischen Darbietungen zu verstärken. Die Truppe tanzt in einer breiten Palette von Alltagskleidung, als kämen ihre Mitglieder gerade von der Arbeit. Diese Deutung ergibt sich auch aus der gebückten Haltung, die den täglichen Stress der Berufswelt und die vielfältigen Einengungen des Individuums widerspiegelt. Dazu hämmert eine Musik, in denen die Schlagzeuge über lange Strecken dominieren, den Sound einer Techno-Disco auf die Bühne und in den Zuschauerraum. Sicherheitshalber hatte man zarte Gemüter vorab mit Ohrstöpseln versorgt doch das hätte den Eindruck verfälscht. Schließlich hat sich Hofesh Shechter nicht ohne Grund für die raumfüllende Lautstärke entschieden. Man sollte daher auf die Ohrstöpsel verzichten, wenn es irgend geht.

Auch diese Choreographie übt einen geradezu archaischen Zwang auf die Zuschauer aus, und so bieten sich auch hier Vergleiche mit Strawinskys Skandalwerk von 1913 an. Die gleiche Kompromisslosigkeit der Musik, und eine ähnlich ostinate Rhythmik der oft synchronen tänzerischen Figuren.  Auch hier fühlt man sich an einen heidnischen Opferritus erinnert, nur dass hier das Opfer in dem Verzicht auf eine konturierte Individualität in einer auf massenkompatible Kommunikation ausgerichteten Welt besteht. Doch auch hier gilt: dies ist eine von mehreren möglichen Interpretationen, denn Shechter verzichtet bewusst auf jegliche plakative Assoziation konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse oder Probleme. Seine Weltsicht soll der Zuschauer aus der Körpersprache der Tänzer und Tänzerinnen erspüren und nicht aus einer leicht nachzuvollziehenden Handlung ablesen.

Das Publikum zeigte sich beeindruckt und spendete kräftigen Beifall.

Frank Raudszus

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