Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“

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Es ist schon erstaunlich, dass ein Roman mit dem Thema Kindesmissbrauch den Leser auf nahezu tausend Seiten so fesselt, dass er das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann.

Jude, um dessen Schicksal es hier geht, ist in den Zwanzigern, wenn wir in den Roman einsteigen. Er und seine Freunde Malcolm, JB und Willem haben die Collegezeit hinter sich und sind jetzt auf Jobsuche. Der Leser wird die Freunde über die kommenden dreißig Jahre begleiten und tief eintauchen in die einzelnen Lebensläufe mit ihren Höhen und Tiefen. Besonders wird er sich für Jude interessieren, der am geheimnisvollsten erscheint, weil vieles in seiner Psyche undurchsichtig bleibt und nicht so leicht zu enträtseln ist.

Gleich zu Beginn zeigt sich, dass Jude immer wieder unter extremen Schmerzattacken leidet, die ihn bis in eine Ohnmacht treiben. Er will darüber jedoch nicht sprechen, geschweige denn einen Arzt aufsuchen. Merkwürdig an Jude ist auch, dass er keine Eltern hat, in einem Kloster aufgewachsen ist, noch nie eine Freundin hatte und offenbar außer den drei Studienfreunden keine weiteren Sozialkontakte hat.

Aber der Leser ist neugierig geworden. Er beobachtet Jude, nimmt teil an seinen unausgesprochenen Ängsten, wird eingebunden in seine Sprachlosigkeit und möchte mehr erfahren über diese Leidensgestalt, die mit aller Kraft gegen die „Hyänen“ ankämpft, die immer wieder Besitz von ihr ergreifen wollen. Da Jude über all das Schlimme, das ihm zugestoßen ist, mit den Mitteln der Sprache nicht kommunizieren kann, bleibt ihm einzig das Ritzen mit der Rasierklinge, um die Kontrolle über sich und seinen Körper zu behalten. Das geht so weit, dass er dabei fast verblutet. Dennoch übt diese verletzte Seele auf andere Menschen eine große Faszination aus. Seine Freunde lieben und beschützen ihn. Ein befreundeter Arzt rettet ihm mehrfach das Leben. Ein Ehepaar, das selbst ein Kind verloren hat, adoptiert ihn mit über zwanzig Jahren. So schöpft auch der Leser immer wieder Hoffnung, dass doch noch alles gut ausgehen möge.

Doch diesem Jude – und das schildert der Roman in sehr eindringlicher Weise – wurde als Kind zu viel angetan, seine Seele und sein Vertrauen so zerstört, dass Rettung nicht mehr möglich ist.

„Ein wenig Leben“ – das ist nicht viel. Doch selbst das „Wenige“ ist Jude immer nur kurzfristig vergönnt, und so endet der Roman zwangsläufig in der Erlösung durch den Tod.

Das Buch ist im Hanser-Verlag erschienen, umfasst 958 Seiten und kostet 28 Euro.

Barbara Raudszus

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