Manfred Geier: „Wittgenstein und Heidegger – Die letzten Philosophen“

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Auf die Frage nach einem berühmten Österreicher, der im April 1889 zur Welt kam und Mitte des 20. Jahrhunderts vorzeitig starb, würden wohl wenige Befragte auf Ludwig Wittgenstein kommen und eher auf den Geburtsort Braunau am Inn verweisen. Auch Manfred Geier verschweigt nicht diese bittere Ironie des wochengleichen Geburtsdatums zweier Persönlichkeiten, die intellektuell und moralisch nicht weiter auseinander liegen könnten. Da passt dann der zweite Philosoph in dieser vergleichenden Biographie gut ins Bild, denn Martin Heidegger empfand selbst eine zumindest temporäre Bewunderung für den Schnurrbartträger aus Braunau und stellte sich sogar in seine Dienste.

Ludwig Wittgenstein ist den meisten philosophisch Interessierten hauptsächlich durch seinen schmalen Band „Tractatus Logico-Philosophicus“ bekannt, in dem er die logischen Grenzen der Sprache ausgelotet hat und unter anderem den mittlerweile „durchzitierten“ Satz geprägt hat: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Daneben weiß der eine oder andere vielleicht noch, dass Wittgenstein Volksschullehrer war, ein für einen Philosophen wunderlicher Beruf. In der allgemeinen Sicht gilt Wittgenstein als etwas verschrobener Sonderling mit einigen genialen Ideen.

Der im Jahr 1976 verstorbene Heidegger dagegen ist in den letzten Jahrzehnten fast wellenartig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten. Diese Aufmerksamkeit leitete sich in erster Linie von seiner unbestrittenen Nähe zum Nationalsozialismus ab, aber auch spektakuläre Liebschaften wie etwa mit Hannah Ahrendt waren auch lange nach Heideggers Tod gerne genutzte Anlässe, um den umstrittenen Philosophen wieder einmal ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Der Literaturwissenschaftler und Publizisten Manfred Geier hat jetzt diese beiden Philosophen in einer zeitlich eng verzahnten Doppelbiographie sowohl als Menschen wie auch als Philosophen und Staatsbürger vorgestellt. Dabei geht er chronologisch vor und bettet die jeweilige philosophische Phase derart in den Lebenslauf ein, dass sich die Entwicklung der Denkansätze auch aus der Lebenssituation der beiden Protagonisten nachvollziehen lässt.

Wittgenstein kam in einem großbürgerlichen, begüterten Wiener Haushalt mit jüdischem Hintergrund zur Welt. Drei seiner Brüder nahmen sich aus verschiedenen Gründen das Leben, was auf eine hohe Sensibilität gegenüber den Problemen des Lebens schließen lässt. Wie sein Vater studierte er Ingenieurwissenschaften und entdeckte dabei schon früh sein starkes Interesse für grundlegende mathematische und logische Probleme. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde er von Philosophen wie Bertrand Russell und Gottlob Frege als gleichrangiger Gesprächspartner akzeptiert und verfasste den oben erwähnten „Tractatus Logico-Philosophicus“. Bei Kriegsausbruch meldete er sich als einfacher Soldat freiwillig, jedoch nicht aus nationaler Begeisterung, sondern weil er sich den Gefahren des Krieges wie ein einfacher Soldat aussetzen wollte. Dank seiner Intelligenz und seines Mutes avancierte er doch zum Offizier. Nach dem Krieg verschenkte er seinen gesamten Erbanteil an seine Geschwister, um sich keine ungerechtfertigten Vorteile zu verschaffen, und verdingte sich als einfacher Gärtnereigehilfe. Nach einem kurzen aber erfolgreichen Zwischenspiel als Architekt am elterlichen Hause wählte er die Laufbahn eines Volksschullehreres, um mit einer bodenständigen Tätigkeit nicht nur seinen Lebensunterhalt zu verdienen sondern auch Gutes zu tun. Sein ganzes Denken kreiste darum, ein ethisch einwandfreies Leben zu führen und sich aller „Sünden“ zu enthalten. Dahinter stand jedoch kein religiöser Glaube sondern eine agnostisch-ethische Einsicht. Schnell erkannte er aber die Widersprüche und Paradoxien einer solch extremen Weltsicht und widmete sich auch deswegen wieder der Philosophie, die ihn schließlich nach Cambridge zu den bereits genannten Größen der Philosophie und Logik führten. Dort wurde er auch promoviert und erhielt später eine Professur. In weiteren philosophischen Arbeiten – meist in einer einsamen norwegischen Hütte – änderte er seine philosophische Ausrichtung von einer streng logischen zu einer den Menschen und ihren Lebensproblemen zugewandten Denkrichtung und löste sich von vielen Aussagen des „Tractatus“. Sein großes Lebensvorbild war der Kirchenvater Augustinus, der neben einer reinen Lebensführung weitgehende körperliche Askese verlangt und vorgelebt hatte.

Heidegger dagegen stammt aus einem kleinbürgerlichen, erz-katholischen badischen Haushalt. Als seine Eltern seine evangelische Verlobte nicht akzeptierten, brach er mit ihnen und im Grunde auch mit der katholischen Kirche. Seine Berufslaufbahn verlief ohne Umwege in der universitären Umgebung. Schon früh opponierte er gegen die seiner Meinung nach abgehobene Philosophie seiner Zeit und forderte eine Neuausrichtung an den Bedürfnissen der einfachen Menschen. Doch entgegen der Entwicklung Wittgensteins bewegte er sich im Laufe der Jahre immer weiter von dieser „bodenständigen“ Philosophie weg und dachte über die Grundbedingungen des Seins nach, das nicht mit dem einfachen „Dasein“ der Dinge erschöpft sei. Um die Mängel der am Alltagsleben ausgerichteten (menschlichen) Sprache auszugleichen, erfand er neue Worte wie „Seyn“, um diese philosophische Problematik von der empirischen Perspektive zu lösen. Das führte zwangsläufig zu einer Mythisierung seiner Philosophie, da seine Wortschöpfungen in der Gesellschaft keine Resonanz fanden. Damit entfernte er sich immer mehr von der früher geforderten Philosophie der einfachen Menschen und des täglichen Lebens. Die mythische Seite seiner Seins-Philosophie führte auch zu Gedanken und Hypothesen über eine konsistente geistige Grundlage eines Volkes mit deutlich homogenen und autochthonen Zügen. Da kam ihm Hitlers Rassenideologie mit der Setzung eines tiefen gemeinsamen „Volksempfindens“ natürlich gerade recht. So ließ er sich zu Hymnen über den Nationalsozialismus hinreißen und übernahm sogar die Leitung der Universität Freiburg im NS-Sinne. Erst Ende der dreißiger Jahre löste er sich von der NS-Ideologie, ohne jedoch jemals zum, Widerstandskämpfer zu werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg leugnete er seine Verstrickungen und bagatellisierte sie bis zu seinem Tode. Das brachte ihm zwangsläufig langjährige Kritik ein.

Manfred Geier zeichnet die oben beschriebene Entwicklung der beiden Philosophen en detail nach und geht dabei auch detailliert auf Querbeziehungen sowie weitere externe Einflüsse auf beide Protagonisten ein. Dazu gehören neben der englischen Schule mit Russel und Frege (Deutscher, lebte aber in England) auch der fortschrittliche „Wiener Kreis“, der die nüchterne Logik Wittgensteins gegen die raunenden, quasi-mythischen Gedanken Heideggers offensiv ins Feld führte. Heidegger und Wittgenstein selbst trafen sich nie, und es gibt auch keinen Hinweis, dass sie sich intensiv mit dem Werk des jeweils Anderen beschäftigt hätten. Dazu war Wittgenstein offensichtlich zu sehr fokussiert auf seine Probleme und außerdem nicht Kosmopolit genug und Heidegger vielleicht auch ein wenig zu eitel. Geier erwähnt einige Hinweise, dass beide Teile der Werke des Anderen kannten, verzichtet jedoch auf jegliche Spekulationen hinsichtlich einer echten Auseinandersetzung. Lediglich die Ähnlichkeiten in der Beurteilung der Sprachprobleme und kurzfristige Ähnlichkeiten der Gedankengänge lassen auf eine gewissen Einfluss des jeweils anderen schließen.

Das Privatleben – und hier speziell das Sexualleben – hat Geier bewusst in den Anhang verlegt, um jeglichen Anschein eines wie auch immer gearteten Voyeurismus zu vermeiden. Wittgenstein schreibt er eine starke, quasi-religiöse Abneigung gegen die körperliche Erotik nach, dehnt diese jedoch bewusst auch auf Männer aus, so dass aus seiner Sicht eine Homosexualität Wittgensteins nicht gegeben ist. Wittgenstein sei aus moralisch-ethischen Gründen asexuell gewesen. Bei Heidegger sah es genau entgegengesetzt aus. Obwohl ein Leben lang mit seiner Frau verheiratet, betrog er sie offen und ohne schlechtes Gewissen mit Studentinnen und anderen Frauen, unter anderem mit Hannah Arendt. Geier zitiert Heideggers erklärenden Briefe an seine Frau, die reich an pseudo-philosophischer Heuchelei sind. Doch Geier hält auch in diesem Fall kein Gericht, frei nach dem Motto „nihil humanum mihi abest“, und belässt es bei den Zitaten verschiedener Zeitgenossen Heideggers.

Wer einen Überblick über die philosophischen Schulen und Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts gewinnen und vor allem diese beiden Vertreter besser kennenlernen möchte, sollte sich dieses Buch zu eigen machen. Es liest sich trotz der streckenweise sehr komplexen Materie leicht und teilweise fast spannend, sollte aber nicht als populärwissenschaftliche Einführung in die Philosophie missverstanden werden.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag erschienen, umfasst einschließlich eines umfangreichen Anmerkungsteils 444 Seiten und kostet 26,95 Euro.

Frank Raudszus

 

 

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