Yuval Noah Harari: „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“

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Geschichte wird allgemein verstanden als Analyse und Deutung der Vergangenheit mit dem Ziel, aus den Fehlern der Vorfahren zu lernen. Der israelische Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari jedoch betont von Anfang an, dass er eine Geschichte der Zukunft zu schreiben gedenkt, eingedenk der Tatsache, dass Prophezeihungen stets einen großen Unsicherheitsfaktor beinhalten. Ihm geht es darum aufzuzeigen, wie sich die Menschheit angesichts der rasanten technologischen Fortschritte in näherer und mittlerer Zukunft entwickeln wird.

Wer das Buch diagonal liest oder sich vor allem auf die ersten Kapitel beschränkt, kann leicht den Eindruck eines fast naiven Techno-Optimismus gewinnen, denn Harari geht anfangs doch auf die Vergangenheit des „Homo Sapiens“ ein, um seine Schlussfolgerungen für die Zukunft besser veranschaulichen und belegen zu können. Dabei beschreibt er die Geschichte des Menschen als die Entwicklung vom angstgeschüttelten, multiple Götter anbetenden Jäger und Sammler über den monotheistischen Landwirt bis zum gottlosen weil gottgleichen Technokraten von Gegenwart und Zukunft. Kaut Harari verhält sich der menschliche Glaube an höhere Wesen umgekehrt proportional zu der Beherrschung seiner Umwelt. Im Zeitalter der fortgeschrittenen Astro- und Teilchenphysik sowie der Gentechnologie passt die Vorstellung eines persönlichen Gottes nicht mehr in das menschliche Weltbild.

In diesem Zusammenhang stellt Harari auch lakonisch fest, dass die großen Probleme der Vergangenheit wie Hunger und Krieg prinzipiell gelöst sind, wenn sie auch – sozusagen als „Nachhut-Gefechte“ – in verschiedenen Regionen der Welt noch existieren. Diese durchaus diskussionswürdige These wird ihm sicher nicht jeder abnehmen, obwohl viele Indizien für Hararis Sicht sprechen.

Den wesentlichen Unterschied zu allen anderen Lebewesen – hauptsächlich natürlich den Primaten – sieht Harari in der Fähigkeit des Menschen, auch in großen Gruppen zu kooperieren, während die anderen Säugetiere etwa andere Gruppen der eigenen art erst einmal als Konkurrenten und Gegner betrachten. Ein weiterer grundlegender Unterschied besteht darin, dass der Mensch Fiktionen über die Welt errichtet, die dieser Welt einen Sinn geben. Alle Religionen, aber auch Philosophie und letztlich alle Ideologie sind solche Fiktionen, in deren Kontext der Mensch seine Welt aufbaut und für sie kämpft.

Mit der „Erfindung“ des Humanismus im Rahmen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts hat der Mensch endgültig den Glauben an steuernde höhere Mächte aufgegeben und die Verantwortung für die Welt selbst übernommen. Zwar geschah dies lange Zeit im offiziellen Rahmen der jeweiligen Religion, jedoch betrachtet Harari dies als Zugeständnis an die konkreten Machtverhältnisse, die bis heute in vielen Regionen noch von der Religion bestimmt werden. Philosophie und Gesellschaftswissenschaften haben jedoch die Religion(en) in den letzten zweihundert Jahren nur als eine menschheitsinterne Gegebenheit ohne externe Macht über die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft betrachtet. Insoweit ist Harari wohl Recht zu geben, und mit Nietzsches Ausspruch „Gott ist tot“ zitiert er einen gewichtigen Zeugen seiner Weltsicht.

Den Humanismus, den man hier nicht mit dem begriff „Humanität“ verwechseln sollte, unterteilt Harari in drei Hauptrichtungen: den Liberalismus, den Sozialismus und den Evolutionären Humanismus. Ersterer entstand mit der Aufklärung und nicht zuletzt in der Französischen Revolution, die die Freiheit des Individuums (Liberté) nicht umsonst an die erste Stelle setzte. Der freie Wille des Menschen, den die Aufklärung absolut gesetzt hatte, setzte zwangsläufig die freie Entfaltung des Individuums als  Bedingung für ein menschenwürdiges Leben voraus. Da die industrielle Revolution diesen ursprünglichen Liberalismus verzerrte und korrumpierte, konnte sich der Sozialismus etablieren und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zur existenziellen Gefahr für den Liberalismus entwickeln. Erst der Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus´“ befreite den Liberalismus westlicher Prägung aus den Klauen des Sozialismus und verlieh ihm eine zweite Blüte und trug ihm von enttäuschten Sozialisten den Schimpfnamen „Neoliberalismus“ ein.

Der Evolutionäre Humanismus stellt eine brisante Variante dar, denn er leugnet die Gleichheit aller menschlichen Entwicklungslinien. Wenn man für diese den Begriff „Rasse“ einführt, erkennt man sofort, wo die Gefahr liegt. Harari benennt auch konkret den Nationalsozialismus als eine gleichsam „entartete“ Variante dieser Humanismus-Version, beschäftigt sich jedoch nicht länger mit den Inhalten und eventuellen Widersprüchen. Er deununziert ihn jedoch auch nicht von vornherein als menschenverachtend sondern führt ihn als mögliche Variante der Theorie von der natürlichen Auslese explizit auf. Diese nüchtern-neutrale Haltung ist vor allem für den Nachfahren eines der am schwersten von dieser „Auslese“ betroffenen Völkern beachtenswert.

Den aktuell vorherrschenden Liberalismus sieht Harari jedoch durch zwei technologische Entwicklung akut bedroht: die Biologie und die Informationstechnologie. Erstere hat sämtliche menschlichen Regungen und Handlungen als biochemische Algorithmen definiert und negiert damit Begriffe wie „Bewusstsein“ und „Seele“ als Selbsttäuscnung und Wunschdenken. Die Informationstechnologie nimmt diesen Ball auf und bildet diese Algorithmen auf künstlichen Prozessoren nach, allerdings ohne die typisch menschlichen Eigenarten wie Müdigkeit, Ablenkung, Faulheit und was der Schwächen noch mehr sind. Kurz- bis mittelfristig sieht Harari die Autonomie und den „freien Willen“ der menschen gefährdet, wobei er die Sammlung und Analyse der Kundendaten von Google und Co. als Beispiel anführt. Schon heute kennen die sozialen Menschen ihre Kunden oft besser als sie sich selbst, und die Tendenz verstärkt sich zusehends. Mittelfristig sieht er eine „Online-Gesundheitsüberwachung“ in Gestalt von IoT-Realisierungen wie „digital wearables“ (Kleidung mit Sensoren für Blutdruck, Puls, etc.) als Einfallstor für die weitgehende Entmündigung der Menschen. langfristig sieht er sogar die Gefahr am Horizont auftauchen, dass sich die entfesselten digitalen Algorithmen des Menschen als von archaischen Emotionen geschüttelten Wesens in irgendeiner Form entledigen, und sei es nur in Form einer totalen Entmachtung. Konkret könnte das in Gestalt einer sehr kleinen, hochqualifizierten menschlichen Elite erfolgen, die den algorithmischen Maschinenpark programmieren und steuern – solange sie dies noch können. Man sollte Harari jedoch nicht als apokalyptischen SF-Autor missverstehen, der die nächste Menschheitskatastrophe heraufziehen sieht. Er erkennt nur die Anzeichen für eine solche Entwicklung und skizziert sie in ihren möglichen Ausprägungen, enthält sich jedoch jeglicher Detailschilderungen, da ihn dies in eine eher fragwürdige literarische Liga katapultieren würde. Die Menetekel, die er an die digitale Wand schreibt, beschreiben einen durchaus konkreten und aktuellen Sachverhalt, und die weiteren Folgen kann sich jeder selbst ausmalen. Die von ihm zur „Datenreligion“ erhobenen Bedeutung der Daten sieht er als die größte Gefahr für den von ihm offensichtlich immer noch bevorzugten Liberalismus, und er fordert seine Leser am Ende auf, ihre demokratischen Rechte auf der Basis eines freien Willens wahrzunehmen, solange beide noch existieren. Konkrete Handlungsanweisungen gibt er nicht, da er sich offensichtlich nicht als Politiker oder gar als Ideologe betrachtet. Doch seine Mahnungen vor der von ihm beschriebenen Zukunft sind eindeutig.

Das Buch ist im Verlag C.H.Beck erschienen, umfasst einschließlich Register 567 Seriten und kostet 24,95 Euro

Frank Raudszus

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