Bilder einer wundervollen Freundschaft

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Der Maler Henri Matisse (1869-1954) ist jedem Kunstinteressierten in Deutschland bekannt. Nicht so Pierre Bonnard (1867-1947), einem Zeitgenossen und engen Freund des Ersteren. Felix Krämer, „Noch“-Kurator am Frankfurter Städel-Museum, führt diese unterschiedliche Sichtbarkeit im (deutschen) Ausland darauf zurück, dass die französische Kunstkritik Bonnard lange Zeit als „übrig gebliebenen“ Spät-Impressionisten abgetan hat, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt habe. Dass die Franzosen Bonnard dennoch kennen und schätzen, widerspricht dieser Theorie in gewisser Weise, doch wer kennt schon die verschlungenen Wege von Anerkennung und Vergessen.

Henri Matisse „Die Bucht von Saint-Tropez“ (1904)

Das Städel hat diesem Umstand mit der Ausstellung „Es lebe die Malerei!“ ein Ende bereitet und stellt die beiden Künstler in einer Doppelausstellung einander gegenüber. Der Titel der Ausstellung stammt von einer Postkarte, die Henri Matisse einst an Pierre Bonnard schickte und die in gewissem Sinne zum Lebensmotto der beiden Freunde wurde. Sie lernten sich Anfang des 20. Jahrhunderts kennen, als beide sich nach einem Jura-Studium bereits seit einiger Zeit für das Künstlerdasein entschieden hatten. Die Freundschaft bestand über vierzig Jahre bis zum Tode Bonnards und vertiefte sich im Laufe der Jahre. Beide versicherten sich in ihrer Korrespondenz ihrer gegenseitigen Zuneigung, obwohl sie unterschiedliche Stilrichtungen verfolgten, und vermieden es auch, die wichtigsten Themen des jeweils anderen selbst aufzunehmen. Offensichtlich wollten sie nicht in direkte Konkurrenz treten, sondern achteten den Betätigungsraum des Freundes.

Pierre Bonnard „Familie im Garten“ (1901)

Beide kamen aus der Schule der Impressionisten, was man bei Matisses frühen Bildern auch noch erkennen kann. Allerdings bevorzugte er schon da kräftige Farben und verzichtete auf offensichtliche Naturnähe. Farbe und Ausdruck waren ihm von Anfang an wichtiger als eine realistische Abbildung der Objekte. Bonnard dagegen verharrte länger in der Welt der Impressionisten, ohne sich jedoch sklavisch an deren Techniken zu halten. Er entwickelte einen eigenen Stil, der sich langsam aber stetig vom typischen Impressionismus löste und eine moderne Fassung der impressionistischen Idee darstellte. Matisse dagegen löste sich immer mehr vom naturalistischen Ansatz und konzentrierte sich vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren immer stärker auf konturierte und farblich gegeneinander abgesetzte Flächen. Perspektivische oder plastische Konturierung seiner Bilder wurde zweitrangig, die flächige Wirkung der Farbe stand im Vordergrund. Viele seiner Bilder erinnern an Picasso, und die kräftigen Konturen nur noch angedeuteter Figuren und Objekte findet man später in zugespitzter Form bei Max Beckmann wieder. Bonnard dagegen löste die Formen ebenfalls auf, jedoch im Gegensatz zu Matisse an ihren Rändern, während er bis zum Schluss die Plastizität, besonders bei Akten und Stilleben, durch farbliche Diffusion betonte. Vor allem seine Akte wirken mit fortschreitender Zeit sinnlicher, ja: lasziver, während die Details der Physiognomie unwichtiger werden. Gesichter können auch bei ihm einen gewissen Abstraktionsgrad erreichen, die Körper jedoch nie. Bei Matisse beherrscht am Ende die Abstraktion seine Bilder.

Hanri Matisse „Großer liegender Akt“ (1935)

Die Ausstellung stellt die Bilder der beiden Freunde themengebunden nahezu einzeln gegenüber. Da findet man Selbstporträts beider Maler nebeneinander, dann wieder Stilleben oder Landschaftsbilder. Interieurs waren beliebte Studienobjekte beider Maler, wobei Bonnard besonders gerne den Spiegel einsetzte und damit eine bisweilen mehrfache Brechung von Fiktion und Realität erreichte, wenn er etwa einen weiblichen Akt mitsamt angedeutetem Selbstporträt im Spiegel zeigte oder im Spiegel gar ein bekanntes Gemälde zitierte. Matisse wiederum zitiert sich selbst, wenn er in einem Bild im Hintergrund sein eigenes „La danseuse“ zeigt. Ein anderes, bei beiden beliebtes Motiv ist der Blick aus dem Fenster, das einen Ausblick auf einen völlig neuen Kontext im Gegensatz zum Vordergrund eröffnet. Man kennt diese Technik aus der Renaissance, wo die Maler damit ihre räumlich-perspektivischen Fähigkeiten zeigen wollten. Matisse und Bonnard jedoch ging es um die Erschließung  neuer farblicher oder thematischer Kontexte innerhalb eines Bildes.

Pierre Bonnard „Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund“ (1909)

Die Ausstellung besticht neben der direkten Gegenüberstellung auch durch die Blickachsen. Im Teil 1 und 2 begrüßen den Besucher beim Eintritt jeweils besonders typische Bilder, einmal „Asia“ von Matisse, ein Frauenporträt in starken, flächigen Farben, dann Bonnards Familienbild auf seinem Landsitz mit der kritischen Darstellung der isolierten Personen eines typisch „bourgeoisen“ Haushalts. Die Räume sind nach Themen organisiert, und der Wechsel von einem Raum zum nächsten vermittelt völlig neue Eindrücke und weckt andere Assoziationen. Die Wandtexte geben detaillierte Auskünfte über die Entstehung und den Hintergrund der einzelnen Bilder und laden immer wieder zum Lesen ein.

Die Ausstellung versammelt 120 Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und sogar Plastiken der beiden Künstler, wobei die Artefakte zum Teil aus berühmten Museen und zum Teil aus Privatsammlungen stammen. In letzteren Fällen sind sie zum ersten Mal seit längerer Zeit einem breiten Publikum zugänglich. Diese Herkunft der Leihgaben beweist nicht nur die Strahlkraft des Namens „Städel“ sondern auch die besondere Bedeutung dieser Ausstellung, die es so noch nicht gegeben hat.

Die Ausstellung ist bis zum 14. Januar 2018 geöffnet. Näheres ist der Webseite des Städelmuseums zu entnehmen.

Frank Raudszus

 

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