Abendliche Wanderung durchs REAL-Album

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Hubert Schlemmer ist ein Multitalent im Schauspielensemble des Staatstheaters Darmstadt. Außer mit seinen darstellerischen Fähigkeiten tritt er auch als Interpret von Jazz- und Musical-Liedern auf und verschmäht auch – zum Beispiel in Musicals – den Tanz nicht, soweit er nicht in Akrobatik ausartet. Am 4. Oktober füllte die Ankündigung eines Liederabends mit ihm die Bar der Kammerspiele bereits eine halbe Stunde vor Beginn. Die Besucher kamen früh, um sich einen guten Platz an der Bar oder den wenigen Tischen zu sichern. Für die musikalische Begleitung sorgten der über die Stadt hinaus bekannte Jazz-Pianist Uli Partheil am Klavier und Udo Brenner am Bass. Das gedämpfte Licht der Bar sorgte für eine Atmosphäre, wie sie in den amerikanischen Bars der dreißiger Jahre geherrscht haben mag. Aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammten auch die Lieder des Abends, als die Musikindustrie besonders viele Songs kreierte, die sich später zu Evergreens entwickelten und auch heute noch aus dem Repertoire größerer und kleinerer Veranstaltungen  – wie dieser – nicht wegzudenken sind. Der Abend mutete wie ein lockerer Rundgang durch die berühmten REAL-Alben an, die für Jazz-Musiker mittlerweile zu einer Art Bibel geworden sind.

Der Schauspieler und Sänger Hubert Schlemmer

Mit seiner gewohnt lockeren Art moderierte Hubert Schlemmer den Abend selbst, wobei er auch an gutmütigen Frotzeleien über seinen Musikerfreund und bekennenden „Lilien“-Fan Uli Partheil nicht sparte, die dieser mit wohlwollendem Grinsen parierte. Mit dem eher elegisch-wehmütigen „Smoke Gets In Your Eyes“ aus dem Musical „Roberta“ steckte das Trio gleich zu Beginn den musikalischen Rahmen ab, denn der wehmütige Ton vergangener oder verschmähter Liebe prägte den Abend, nur kurz unterbrochen von lateinamerikanischen Solonummern von Klavier und Bass wie „Chega de Saudade“ von Antonio Calos Jobim. Auch „Blue Moon“ von Richard Rogers passte in dieses Muster. Sein eigenes – angeblich – altmodisches Wesen bekräftigte Hubert Schlemmer nicht nur mit dem Hinweis auf sein – ebenso angeblich – über zwanzig Jahre altes Holzfällerhemd, sondern vor allem mit dem bekannten Evergreen „I´m Old Fashioned“ von Jerome Kern und Johnny Mercer. Fast verzweifelt sang er in „Who Can I Turn To“ um Aufmerksamkeit und Zuwendung, und frei nach Frank Sinatra trauerte er in „I´m A Fool to Love You“ einer unmöglichen Liebe nach.

In „You And The Night And The Music“ feierte er jedoch optimistisch die Liebe und die Musik, und in Richard Rogers´“Where Or When“ beschwor er die Zeitlosigkeit der Liebe ebenso wie in dem optimistischen Titel „We´ll Meet Again Some Sunny Day“.

Der Beifall am Ende war so herzlich und anhaltend, dass sich die drei Musiker nicht lange bitten ließen. Und unter den Zugaben setzte das sentimentale „Moon River“, Lieblingslied von John F. Kennedy, noch einmal ein wehmütig-schmachtendes Zeichen.

Hubert Schlemmer zeigte sich an diesem Abend als  ein stimmgewandter und einfühlsamer Unterhalter, der die Grundstimmung dieser Musik des frühen 20. Jahrhunderts überzeugend zum Ausdruck brachte. Uli Partheil und Udo Brenner waren weit mehr als bloße Begleiter; sie verliehen dem Abend auch instrumentale (Jazz-)Kontur und zeigten solistische Virtuosität. Ein gelungener Abend!

Frank Raudszus

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