Traumatische Bilder

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Anfang des Jahres 1914 befand sich das Deutsche Reich auf einem gefühlten Höhenflug. Man war das wirtschaftlich dynamischste und erfolgreichste Land Europas und durfte sich auch politisch als Großmacht fühlen, den Bürgern ging es im Rahmen der damaligen gesellschaftspolitischen Verhältnisse ausgesprochen gut. Viereinhalb Jahre später war alles verloren: militärisch besiegt, politisch in Versaille gedemütigt und wirtschaftlich ruiniert stand die Nation vor einem Trümmerhaufen. Die hohen Reparationsforderungen und die daraus folgende Inflation taten ein Übriges.

RUDOLF SCHLICHTER, MARGOT, UM 1924

Auf diesen abrupten Wandel der Verhältnisse musste natürlich auch die Kunst reagieren, und so wandten sich die Künstler der zwanziger Jahre ab vom schönen Schein. Statt träumerischer Landschaften standen jetzt unwirtliche Stadtbilder im Mittelpunkt, statt impressionistisch flirrender Frauengestalten mit langen Kleidern und Sonnenschirm waren grell geschminkte Prostituierte und ausgemergelte, desillusionierte Gestalten auf den Bildern zu sehen. Außerdem prägten bettelnde weil mittellose Kriegsinvaliden das Straßenbild und schlugen sich folgerichtig in den Bildern der zeitgenössischen Künstler nieder. Ihnen zur Seite sah man – als Kontrast und Anklage – den wohlgenährten Kriegsgewinnler mit Zigarre oder den hager-verbissenen General mit Monokel sowie deren Frauen und Mätressen im Pelz. Das Trauma des verlorenen Kriegs und des gefühlten Ehrverlusts zog sich durch die gesamte Zeit der Weimarer Republik und war der ideale Nährboden für den Nationalsozialismus.

MAX BECKMANN, RUGBYSPIELER, 1929

Die Kunsthalle Schirn hat dieser Epoche jetzt eine eigene Ausstellung unter dem Titel „Glanz und Elend in der Weimarer Republik. Von Otto Dix bis Jeanne Mammen“ gewidmet. In knapp 200 Werken werden die zwölf Jahre zwischen Krieg und Drittem Reich noch einmal in ihrer ganzen Radikalität lebendig. Kuratorin Dr. Ingrid Pfeiffer hat die Ausstellung nicht nach Künstlern sondern nach Themen organisiert. Dazu gehören etwa die „Neue Sachlichkeit“ mit detailgenauen, emotionsfreien Bildern, „Kunst und Politik“ mit den unmittelbaren Nachwirkungen des Krieges oder die „Vergnügungsindustrie“ mit Nachtclubs und Kabaretts. Ein ganzer Raum ist der „Prostitution“ gewidmet, die sich nach dem Krieg – aus der Not geborenen – zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelte. Den Frauen sind „Das neue Frauenbild“ mit Betonung der kriegsbedingten Emanzipation der Frau sowie ein Raum für den Abtreibungsparagraphen 218 gewidmet. Die Männer sind mit dem Thema der Homosexualität vertreten, die weibliche Homosexualität trat zu der Zeit noch nicht so stark in Erscheinung wie heute. Portraits, Bilder von Städten und Landschaften sowie der Sport runden die Ausstellung ab.

GEORG GROSZ, DEMOKRATIE, 1919

Über die einzelnen Räume verteilt findet man Werke von Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz. Jeanne Mammen und Oskar Nerlinger, um nur einige bekanntere Namen zu nennen. Daneben hängen Bilder gleicher Qualität von Künstlern, die ihren Bekanntheitsgrad nicht in gleichem Maße über das letzte Jahrhundert gerettet haben. Hier sieht man, welch beeindruckende Werke auch diese – weniger bekannten – Künstler und Künstlerinnen geschaffen haben.

Wer sich einen Überblick über Kultur und Lebensgefühl der zwanziger Jahre verschaffen möchte, bekommt den gewünschten Überblick hier im Zeitraffer und in höchst verdichteter Form serviert. Dabei erschließt sich aus dem Grundtenor dieser Werke auch die politische Situation dieser brodelnden Epoche.

Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Februar 2018 geöffnet. Näheres ist über die Webseite der Kunsthalle Schirn zu erfahren.

Frank Raudszus

 

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