Christoph Reuter: „Mein Leben im Kalifat“

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Maryam ist Deutsche. Sie ist Mitte zwanzig und hat sich in einen Deutschtürken verliebt. Die Familie, besonders die Mutter des Türken, lehnt das Verhältnis ihres Sohne mit Maryam ab und mischt sich massiv in das Leben der beiden Verliebten ein. So müssen sie sich heimlich treffen, was das Leben der beiden ungemütlich macht.

Da keimt eines Tages bei beiden die Idee, nach Syrien zu gehen und sich dort dem IS anzuschließen. Das junge Paar macht sich heimlich auf den Weg über die Türkei nach Syrien, und tatsächlich schaffen sie es, im Kalifat anzukommen. Hier hausen sie in abbruchreifen Häusern, aus denen die Jesiden vertrieben wurden. Es sind meist unwirtliche Unterkünfte mit nur gelegentlich verfügbarem Strom und Wasser, dafür aber mit umso mehr Ungeziefer. Oft sind die Häuser nicht einmal abschließbar. Während die Frauen in diesen Wohnungen hausen, werden die Männer beim IS in abgeschotteten Lagern für den Kriegsdienst geschult und durch sadistische Gewaltvideos systematisch verroht.

Es gibt wenig Abwechslung für die jungen Frauen. Sie führen recht und schlecht den Haushalt, chatten viel im Internet und amüsieren sich über die jesidischen Frauen, die als Sexsklavinnen zum Verkauf angeboten werden. Mehrfach müssen sie umziehen, denn der IS gerät immer mehr unter Beschuss. Wenn es brenzlig wird, werden die Frauen umquartiert. Denn sie sind für die Nachkommen zuständig und müssen deshalb geschützt werden. Sie dürfen weder arbeiten noch an irgendwelchen Fortbildung teilnehmen. Sie sind gefangen in ihren Häusern und dürfen nur komplett verhüllt auf die Straße, und das bei großer Hitze. Sie leben einen kontrollierten und geradezu absurden Alltag. Die finanzielle Versorgung durch das Kalifat deckt nur die Grundbedürfnisse ab. Ist das wirklich das Leben, das sie sich im Kalifat vorgestellt haben?

In Maryam reift schließlich der Gedanke, aus dem Kalifat zu fliehen. Ihr Leben dort ist ihr einerseits zu spießig und langweilig, andererseits wird es immer gefährlicher. Als schließlich ihr Mann aus einem Kampfeinsatz nicht mehr zurückkehrt, macht sich Maryam mit Hilfe von Fluchthelfern auf den Weg zurück nach Deutschland.

Nach der Lektüre bleiben mehrere Fragen offen. Warum radikalisieren sich junge Menschen so vorbehaltlos und ohne zu wissen,was sie im Kalifat erwartet? Man gewinnt den Eindruck, dass sie sich völlig unreflektiert in ein Abenteuer stürzen, aus dem sie nicht mehr herauskommen oder in dem sie sogar ihr Leben lassen. Selbst wenn ihnen die Flucht gelingt, haben sie in ihren Herkunftsländern keine Chance mehr auf Wiedereingliederung.

Das Buch ist bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienen, umfasst 255 Seiten und kostet 18 Euro.

Barbara Raudszus

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