Von der Sehnsucht zur Liebe des Außergewöhnlichen

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Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ im Landestheater Detmold

Das Landestheater Detmold empfängt seine Gäste inmitten der historischen Altstadt in einem schon von außen reizvollen, klassizistischen Bauwerk. Vom Empfangsbereich geht es über die seitlichen Treppen in das prächtige Foyer im ersten Stock, wo die Gäste sich vor Aufführungsbeginn einstimmen und verköstigen können. Gemälde der adligen Gesellschaft des Fürstentums Lippe schmücken den Saal, und unter Ihren Augen fühlt man sich bereits ein wenig erhaben und auch erfreut, dass man in Kürze eine Aufführung des Landestheaters Detmold erleben darf.

Der Fliegende Holländer und Senta

An diesem Abend lädt das Haus zur Aufführung „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner. In drei Aufzügen entwickelt sich die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Senta (Inga-Britt Andersson), Tochter des Seemanns Daland (Christoph Stephinger), und dem Holländer (Lars Møller). Einst hatte der Holländer vergeblich versucht, während eines schweren Sturms ein Kap zu umsegeln, und dabei geschworen, von diesem Plan nicht abzulassen. Der Teufel nahm ihn beim Wort und verdammte ihn dazu, bis an das Ende seiner Tage heimatlos umher zu segeln. Einzig die ewig treue Liebe einer Frau könne ihn erlösen, aber Gelegenheit dazu böte sich eben nur alle sieben Jahre bei einem Landgang. Einmal wieder ist diese Zeit verstrichen, als der Fliegende Holländer schon hoffnungslos und resigniert auf den Seemann Daland trifft. Daland jedoch ist von seinen reichen Schätzen beeindruckt, und schon nach kurzer Zeit möchte er ihm seine Tochter Senta als Frau anbieten. Der Fliegende Holländer ist kein Unbekannter, und so schwelgt Senta selbst bereits seit geraumer Zeit in Träumen von ihm und seinem traurigen Schicksal. Noch unwissend darüber, dass Ihr Vater dem Holländer begegnet ist, schmiedet sie den Plan, ihn durch ihre ewig treue Liebe von seiner Heimatlosigkeit zu erlösen. Es kommt zum Treffen der beiden, und schnell entwickelt sich ihre ungewöhnliche Liebesgeschichte. Nur Erik (Robert Künzli), Sentas Jugendfreund und aus seiner Sicht ihre große Liebe, opponiert vehement und droht, den Traum platzen zu lassen.

Das Libretto erzählt eine Geschichte voller Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen. Die eigentliche Hauptfigur in Aktion ist nicht unbedingt der Holländer, sondern viel mehr die unscheinbare Senta, die sich schon vor dem Kennenlernen in seine Aura und sein Schicksal verliebt hat. Sie trifft letztlich die Entscheidung für ihn, denn der Holländer würde bereitwillig jede Frau nehmen – und hat dies in der Vergangenheit bereits mehrfach erfolglos getan –, die ihn möglicherweise durch ihre ewige Treue von seiner Verdammung erlösen könnte. Kay Metzger setzt dies in seiner Inszenierung sehr geschickt aber auch unzweifelhaft klar um. Das Bühnenbild (Petra Mollérus) zeigt die Bar eines altehrwürdigen Kinos, in der Senta sitzt und das Filmplakat „Fluch der Meere“ mit großem Liebeskummer betrachtet. Es zeigt den Holländer. So geschieht es dann, dass dieser sich von seiner Fiktion befreit und in der Bar zur Realität wird, wo er auf Daland und später Senta trifft. Aber wird er tatsächlich erlöst und kann dauerhaft ein normaler Bürger sein? Senta leitet die Transformation zum gewöhnlichen Mannsbild bereits ein, in dem sie seine Seemanskleidung peu-a-peu durch konventionelle ersetzt und ihn zum Gesellschaftsspiel an den Tisch bringt. Für den Zuschauer muss diese Verwandlung nahezu kafkaesk wirken. Stellt sie doch eine sehr mühsame und schwere Biegung der Persönlichkeit des Holländers in kürzester Zeit dar. Der Name „Fliegender Holländer“ ist hier schon in wenigen Augenblicken keine passende Bezeichnung mehr.

Erik und Senta

Das Orchester unter der musikalischen Leitung durch Mathias Mönius untermalt die Oper mit außergewöhnlicher Qualität, verbleibt aber in der Präsenz zumeist hinter der Bühnenaufführung. Möglicherweise könnte das Wechselspiel zwischen der Bühnendarstellung und dem musikalischen Klang noch weiter mit Spannung gefüllt werden, wenn das Orchester gelegentlich stärker in der Vordergrund treten würde. Die Spieldauer von 2 Stunden und 15 Minuten ohne Pause verlangt dem Publikum ein wenig Durchhaltevermögen ab. Für eine Wagner-Oper ist dies aber sicherlich noch ein sehr überschaubarer Zeitraum, und der Spannungsbogen bleibt durchgehend erhalten. Das Publikum bedankte sich anschließend bei  Sänger(inne)n und Orchester mit einem sehr kräftigem Applaus und einigen Bravo-Rufen.

Malte Raudszus

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