Vom Wahn der Wirklichkeit

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Das Landestheater Detmold präsentiert „Raus aus dem Swimmingpool – rein in mein Haifischbecken“

Wir alle sind Teil eines Systems, nämlich unserer Gesellschaft und Sozialisation. In dieser sehen wir oder viele sich nur zu gern als Leidtragende bestimmter Situationen. Aber ebenso sind wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit selbst an wenigen oder vielen Stellen in einer sehr aktiven Rolle. Das heißt nichts anderes, als dass das gesellschaftliche Treiben Auswirkungen auf uns hat, denen wir uns ausgesetzt fühlen. Gleichzeitig sind wir mit unserem Handeln aber auch ein aktiver Teil dieses Treibens und produzieren somit Auswirkungen auf uns und andere.

Moana, Boris, Christiane (v.l.n.r.)

Der Einakter „Raus aus dem Swimmingpool – rein in mein Haifischbecken“, inszeniert von Charlotte van Kerckhoven, dreht sich genau um diese Eigenwahrnehmung von Menschen, aber eben auch um ihre aktive Rolle im weltlichen Geschehen. Wir finden eine nicht ganz gewöhnliche aber durchaus teilrealistische Familiensituation vor. Tochter Moana (Marie Luisa Kerkhoff) hat es in ihren jungen Zwanzigern schon zur Unternehmensberaterin gebracht und dreht dort vermeintlich das große Rad. Sie ist damit dem Anspruch ihres Vaters gefolgt, der immer sagte „schöne Frauen sind kluge Frauen“. Ihr Vater ist offensichtlich ein sehr leistungsgetriebener Mensch, hingegen ist er wohl kein großer Moralist. Erst kürzlich, so heißt es, verließ er seine Frau und Moanas Mutter Christiane, um mit deren Pflegetochter als Paar zusammenzuleben. (Der Vater spielt selbst keinen aktiven Part im Stück). Mutter Christiane (Kerstin Klinder) ist Nachrichtensprecherin. Sie bezeichnet sich als Journalistin in alter Familientradition und sieht diesen Beruf moralisch höher an als den Ihrer Tochter, für die sie sich eine andere Karriere gewünscht hätte. De facto liest sie aber seit 20 und mehr Jahren nur fertige Texte ab und ist weit weg von den ihr Leben an kriegerischen Fronten einsetzenden Reportern, die sie verehrt. Eben dies hält ihr ihre Tochter bei Kritik an ihrer Person und Karriere entgegen.

Moana ist mit ihrem Langzeitfreund Boris wieder bei ihrer Mutter eingezogen, um sie in der schwierigen Lebensphase zu unterstützen. Boris (Stephan Clemens) ist Flugbegleiter und gibt der familiären Konstellation noch etwas Schwung. Unendlich unglücklich scheint er mit seinem Beruf und seiner Situation nicht zu sein, aber zunehmend genervt vom endlos-heimatlosen Umherirren und den rüpelhaften Fluggästen. Das offensichtlich größte Unglück empfindet Christiane in den Zwängen ihres rein fremden Text aussprechenden‘ Daseins. Sie wünscht sich sehnlichst, einmal der Welt mitzuteilen, was sie wirklich denkt. Dicht gefolgt oder möglicherweise selbst unwissend bereits überholt von Moana, die zunehmend an ihrem eigenen und dem Leistungsanspruch ihres Chefs zu scheitern droht. Sie ist völlig von der Richtigkeit Ihres Lebensweges überzeugt, merkt aber gerade, dass ihr der Boden unter den Füßen zu entgleiten beginnt.

Boris und Nikita (von links)

Und dann kommt es zum großen Knall! Christiane schreit ihre Wahrheit in den Nachrichten in die Welt hinaus und ruft zum Massensuizid auf. Moana sieht ein auf sie zukommendes Auto als Chance zur Flucht und wirft sich auf die Straße. In letzter Sekunde erscheint aus dem Nichts Nikita (Lukas Schrenk) und zerrt Moana auf den rettenden Bürgersteig. Sie kommt mit zwei gebrochenen Armen davon. Nikita erscheint auch Christiane und stützt sie nach Ihrem Jobrauswurf im Alkoholrausch. Letztlich ist Nikita auch für Boris da, der sich melancholisch in seinem Dasein wälzt. Nikita ist für alle da – scheinbar gleichzeitig – und rettet auch noch Leben. Aber wer ist Nikita? Als die drei merken, dass Nikita ihnen allen erschien und half, wollen sie ihn erkennen und verstehen. Bestenfalls möchte ihn jeder für sich retten. Aber da ist Nikita plötzlich entschwunden.

Und die Moral von der Geschicht? Es sei natürlich jedem selbst überlassen, das zu interpretieren. Aber ja, wir sind nicht nur Opfer, sondern wir befördern, was uns und anderen leiden schaffen mag. Wir sprechen möglicherweise Dinge aus, die wir nicht selbst denken aber glauben, sie sagen zu müssen. Wir setzten uns Ansprüche, die manchmal unrealistisch sein mögen und von denen nur wir selbst glauben, dass sie auch andere an uns stellen. Ohne zu erkennen, dass niemand überhaupt das Recht hätte, solche Ansprüche an uns zu stellen. Wir sollten auf uns und andere aufpassen, dass wir das Leben positiv bestreiten. Denn das Glück eines Schutzengels mag nicht jedem zu Gute kommen.

Malte Raudszus

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