François Lelord: „Hector und die Suche nach dem Paradies“

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François Lelord hat in seiner „Hector“-Serie Kindheit und Jugend des Protagonisten mit den jeweiligen, altersbedingten Problemen und Herausforderungen geschildert. Nun ist Hector erwachsen und kommt als junger Arzt an eine psychiatrische Klinik. Schnell verliebt er sich in die bildhübsche Ärztin Clotilde, die jedoch auch von anderen umschwärmt wird und sich eher kühl zeigt.

Als sich psychische Auffälligkeiten mit religiös-mystischen Hallizunationen innerhalb weniger Tage häufen, stellt sich der Tee eines chinesischen Gastarztes als Quelle heraus. Beunruhigt von der Wirkung dieses Tees, reisen mehrere Klinikärzte, darunter Hector und Clotilde, nach Nepal, um dort den Arzt aufzusuchen und das Geheimnis zu lüften.

Vordergründig ist diese Geschichte ein Thriller im Kleinformat, aber Lelord ist nicht der Autor, der sich mit „Sex & Crime“ begnügen würde. Er hat stets wichtigere, tiefer zielende Anliegen. In diesem Roman geht es ihm um die beiden Religionen des Katholizismus und des Buddhismus, die über den Tee des chinesischen Arztes und die katholische Ärztin Clotilde miteinander verbunden werden. Schnell zeigt sich, dass die scheinbar spannende Geschichte um den Tee nur ein Rahmen ist, innerhalb dessen Lelord einen Einstieg in die vergleichende Religionswissenschaft findet. So diskutieren schon zu Beginn Hector, Clotilde und ein Kollege auf einer Party(!) intensiv über positive und negative Gottesbeweise, Theodizeen und den Manichäismus. Schon hier verzichtet Lelord großzügig auf eine lebensnahe  Schilderung zugunsten seiner religionsphilosophischen Überlegungen.

Das geht in diesem Stil weiter. Während der Reise nach Nepal müssen die Reisenden nicht nur schwierige Situationen überstehen, sie geraten auch in jeder (un)passenden Situation in heftige religionswissenschaftliche und philosophische Diskussionen. So interessant und tiefgehend diese Themen auch sein mögen, wirken sie im Kontext dieser vordergründigen Geschichte doch ziemlich aufgesetzt. Man fühlt sich nie in das Umfeld mehrerer junger Leute mit ihren erotischen Sehnsüchten versetzt, sondern eher in ein religionswissenschaftliches Proseminar, in dem die einzelnen Themenkreise sukzessive und mit der entsprechenden Terminologie abgearbeitet werden.

Natürlich versucht Lelord, die Handlung aufzulockern und zu säkularisieren. So führt er eine buddhistische junge Frau ein, die (buddhistische) Nonne werden will und – natürlich – bildschön ist. Auch die Gefährtin eines zugekifften jungen Norwegers ist nicht nur hübsch, sondern auch an dem jungen Arzt interessiert. Getreu dem Motto „Sex sells“ gewährt Lelord seinem Helden mit jeder der drei Damen eine erotische Nacht, die jedoch für die beiden religiösen Damen jeweils nur ein Ritual und für die Kiffer-Freundin eher eine Abwechslung darstellt. Clotilde und die Nepalesin verabschieden sich von der säkularen Welt in dienende und asketische Berufungen, und die dritte kehrt zu ihrem Kiffer zurück, der sich dann noch als Kernphysiker entpuppt.

Lelord nimmt die religiösen Belehrungen bzw. Ausführungen nicht nur ernst, er hinterfragt sie auch nicht aus einem säkularen Verständnis heraus, sondern setzt sie absolut. Seine starke Frauen sind für sich schon Beweis für die Existenz göttlicher Wesen im Sinne der herkömmlichen Kirche. Kritische Distanz oder gar Ironie kommen ihm nicht in den Sinn. Nur den Kernphysiker lässt er zum Schluss ein paar skeptische Anmerkungen über die Größe des Weltalls, Lebensbedingungen und Multiversen machen, die man mit gutem Willen als Alternative zu religiösem Glauben betrachten kann. Doch im Kontext dieses Romans ist eher der Kernphysiker der ironisch hinterfragte Außenseiter als die gläubigen Damen.

Über Religion sollte man nicht streiten, heißt es, und das wollen wir hier auch nicht. Doch der Ansatz, die religiösen Betrachtungen in eine weltliche Geschichte einzubetten, funktioniert nicht, weil beide Seiten dabei zu kurz kommen. Die Religion zu schematisch und die Geschichte nicht unbedingt glaubwürdig.

August Zirner verleiht dem Hörbuch jedoch durch seine sensible und variable Lesung soviel Leben, dass man lange Zeit über die inhaltlichen Brüche der Geschichte hinwegsieht.

Frank Raudszus

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