Tanz und Gesang um Auf- und Abstieg

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Seit Jahren liest man in der Kulturpresse Klagen über die elitäre Welt des bildungsbürgerlichen Theaters. Nicht ganz zu Unrecht beklagen die Kritiker, dass sich im Theater eine bestimmte Schicht selbst reproduziere, nämlich das sogenannte „Bildungsbürgertum“. Selbst aggressive Gegeninstitutionen wie die Berliner Volksbühne leiden darunter, dass ihr Publikum hauptsächlich aus (linken) Intellektuellen, solchen, die sich dafür halten, und arbeitslosen Schauspielern bestehe. Breite Kreise der Bevölkerung zeichnen  sich weiterhin durch ein „theaterfernes“ Leben aus, ob aus Schwellenangst oder schlicht aus Desinteresse, sei dahingestellt. Deshalb versuchen viele Theater seit einigen Jahren, diese publikumsdemographische Asymmetrie durch neue Programmideen aufzuheben. Klassiker bringt man gerne betont ironisiert oder gar als „Punk“-Stücke, und die klassische Spartentrennung löst man auf in „Cross Over“-Produktionen, die ein neues, breiteres Publikum in die Theater locken sollen. Die Berliner Volksbühne ist damit gerade grandios(?) gescheitert, in Darmstadt hat man bisher in dieser Hinsicht eine eher halbherzige Politik betrieben. Nach den Misserfolgen gerade im Sprechtheater in der ersten und zweiten Saison der derzeitigen Intendanz hat man das Kernstück des alten Theaters wieder belebt, sucht jedoch weiterhin nach neuen Möglichkeiten der Breitenwirkung.

Ensemble und Opernchor

Fußball war lange Zeit der absolute Antipode des (intellektuellen) Theaters und diente gerne als Karikaturfläche. Dagegen konnten selbst die „Outings“ bekannter Intellektueller wie Dieter Hildebrandt als Fußball-Fans nichts ändern. Doch: „Tempora mutantur – et theatrum mutatur in illis“! So hat sich das Staatstheater vor einiger Zeit entschlossen, ein Musical über den lokalen Fußballverein Darmstadt 98 in Auftrag zu geben. Ziel war offensichtlich, 98er-Fans in Scharen ins Staatstheater zu locken und dabei den einen oder die andere zu Dauergästen zu machen. Dass das nicht jedem Abonnementsinhaber gefällt, wird den Verantwortlichen klar gewesen sein, aber damit muss man leben können.

Der Inhalt dieses „Aus Tradition anders“ übertitelten Musicals beruht auf dem Dokumentarfilm „Darmstadt und der große Fußball“, der sich mit der ersten Bundesligasaison des Vereins in der Saison 1978/98 befasst. Damals gelang den „Feierabend-Fußballern“ aus Darmstadt der Aufstieg in die Bundesliga, die sie allerdings wegen ihrer Weigerung, sich professionellen Maßstäben zu beugen, nach einem Jahr wieder verließen. Sowohl Trainer als auch Spieler übten damals normale Berufe aus und frönten dem Fußball nur abends und an den Wochenenden.

Als Rahmen für das Musical dient der Aufstieg der „Lilien“, wie sie in Darmstadt heißen, in die zweite Liga im Jahr 2014. Nach 1:3 verlorenem Hinspiel in Darmstadt siegte der SV98 im Rückspiel in einem dramatischen Spiel völlig unerwartet mit 4:2. Aufnahmen aus diesem Spiel dienen zu Beginn als Hintergrund-Video und lassen Frau Heiner, ehemalige Besitzerin eines Cabarets, wehmütig an die Zeit vor fast vierzig Jahren zurück denken. Das Cabaret gibt es längst nicht mehr, die damaligen Spieler sind längst im Ruhestand, und die damaligen (vereins)politischen Größen liegen ebenso lange auf dem Friedhof. So beamt sich Fräulein Heiner innerlich in die damalige Zeit zurück und erweckt Oberbürgermeister wie Vereinspräsident wieder zum Leben. Mit Letzterem war sie damals kurz liiert, aber er wollte sich halt nicht von seiner Frau trennen.

Frederike Haas (Fräulein Heiner) und Ensemble

Drehbuchautor und Regisseur Martin G. Berger baut die Handlung auf wenigen Kernrollen auf. Da ist einmal der Mathelehrer, der nebenbei in der gerade in die Bundesliga aufgestiegene Mannschaft des SV98 spielt, sowie seine Frau, die gerne wieder arbeiten würde. Doch ganz im Stil der siebziger Jahre verbietet er ihr diesen Ausflug ins Berufsleben, da er „ja wohl genug verdiene, um eine Familie zu ernähren“. Das daran schließlich die Ehe scheitert, merkt er zu spät. Weiterhin ist da der Schüler – des erwähnten Mathelehrers –  und 98er-Fan, der mit einer sich zunehmend linksradikal entwickelnden Mitschülerin liiert ist, sich aber wegen der unterschiedlichen Weltanschauung von ihr entfernt. SV98 gegen RAF! Und dann sind da noch Oberbürgermeister, Vereinspräsident und Trainer, alle drei mit echten Namen, die gemeinsam versuchen, das Abenteuer Bundesliga in die Wege zu leiten und zu überstehen. Als Nebenrollen treten noch die Spieler der Mannschaft auf, soweit möglich den damaligen Spielern nachgebildet, sowie weitere Angehörige und viele Fans. Letztere stellt der Opernchor des Staatstheaters, der sich hier als Fans in allen Schattierungen von Euphorie und Frust austoben darf. Dazu erscheinen auf großen Video-Leinwänden Ausschnitte aus den SV98-Spielen der damaligen Bundesligasaison, was für echte Fans natürlich ein besonderer Leckerbissen ist.

Mit diesen personellen und technischen Zutaten zieht der Regisseur nun ein mal dramatisches, mal sentimentales Spiel um das Schicksal des Vereins, der Spieler und der Verantwortlichen auf, jeweils einschließlich Auswirkungen auf ihr privates Umfeld. Das ist besonders in der ersten Hälfte recht temporeich und witzig, und auch gesungen wird nicht schlecht. Streckenweise ist es auch ein wenig sülzig, wenn zu tief in Beziehungskisten gewühlt wird, dann wieder wird der Bogen mit linksradikalen Ausflügen à la RAF und Terroristenwohnungen etwas weit gespannt.

Nico Went, Dennis Weißert, Jasmin Eberl und Mitglieder des Opernchores

Aber das muss man alles nicht ganz so ernst nehmen. Schließlich geht es hier nicht um ein politisches oder psychologisches Problemstück, sondern um eine Fußballmannschaft, die eigentlich von vornherein zum Misserfolg verdammt ist und das auch weiß. Dieses Musical zeigt deutlich die ambivalente Einstellung aller Beteiligten, die zwar wissen, dass ohne echtes Profitum kein Blumentopf zu gewinnen ist, andererseits dann doch wieder auf das Wunder hoffen. Das tritt dann natürlich nicht ein.

Der glückliche Zufall wollte es, dass die Premiere ausgerechnet an dem Tage stattfand, an dem die 98er, die derzeit wieder einmal im Abstiegskampf stecken, durch einen Heimsieg wieder Hoffnung schöpfen konnten. Entsprechend gut gelaunt rauschten die Fans in blauen Trikots und/oder mit blau-weißen Schals ins Foyer des Staatstheaters und waren auch während der Aufführung gut bei der Sache. Wer weiß, wie sie reagiert hätten, wenn an diesem Tage der Abstieg besiegelt worden wäre….

Das Stück wird außerhalb Darmstadt sicher keine große Resonanz finden, und sowohl Zugereiste als auch Besucher Darmstadts werden dem Musical wegen des ausgeprägten Lokalkolorits nicht viel abgewinnen können. Doch für viele Darmstädter, vor allem für Fans des SV98, ist es ein großer Spaß, und vielleicht finden manche von ihnen über dieses Musical auch Zugang zu anderen Produktionen des Staatstheaters und werden zu langjährigen treuen Besuchern.

Man sollte dieses Stück nicht überbewerten, aber auch nicht mit einer abwinkenden Handbewegung darauf reagieren. Dem Premierenpublikum hat es jedenfalls gut gefallen, geht man vom kräftigen Schlussbeifall aus.

Frank Raudszus

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