Herfried Münkler: „Der Dreißigjährige Krieg – Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648“

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Wir haben an dieser Stelle bereits ausführlich das Buch des englischen Historikers Peter H. Wilson über den Dreißigjährigen Krieg besprochen. Daher erübrigt es sich an dieser Stelle, den Inhalt des hier vorliegenden Buches zusammenzufassen. Beide Autoren gehen konsequent chronologisch vor und lassen keines der wichtigen Ereignisse dieses epochalen Krieges aus. Doch aus dieser Gegenüberstellung ergibt sich ein reizvoller Vergleich der beiden Werke, der zeigt, wie unterschiedlich zwei kompetente Wissenschaftler das selbe Thema interpretieren, ohne die Fakten in irgend einer Weise zu verbiegen.

Während Wilson den Schwerpunkt auf die Fakten legt und diese – etwa die Schlachten – bis in ihre Einzelheiten zerlegt, interessieren Münkler mehr die jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und vor allem psychologischen Hintergründe. Zwar beschäftigt sich auch Wilson mit der Motivationslage der wichtigen Führungspersonen dieses Krieges, doch stets mehr auf der Basis der verfügbaren Fakten und Dokumente als Münkler. Hier sieht man die unterschiedlichen Schwerpunkte der beiden Autoren: Wilson ist Historiker und fragt nach dem, „was geschah“, während Münkler als Politikwissenschaftler stets nach den Motiven und Zielen der handelnden Personen fragt.

Wallenstein ist dafür ein exemplarisches Beispiel. Münkler sieht den kaiserlichen General als ersten modernen „Kriegsunternehmer“. Im Gegensatz zu den „beamteten“ Heerführern wie Tilly hat er schon früh die finanzielle Abhängigkeit des Kaisers von den Kurfürsten erkannt und daraus das Geschäftsmodell „alles aus einer Hand“ erkannt und umgesetzt. Er organisierte nicht nur die Anwerbung und den Aufbau eines Heeres, sondern übernahm auch die  Finanzierung im Sinne eines Generalunternehmers auf eigenes Risiko. Gleichzeitig bot er dieses Heer unter seiner Führung dem Kaiser auf der Basis eines Gegengeschäfts an: neben der Bezahlung des vorfinanzierten Heers erhielt er als Honorar den Titel eines Herzogs samt Ländereien. Nach dem Namen der ihm übertragenen Ländereien – Friedland – wurde er auch „der Friedländer“ genannt. Münkler charakterisiert Wallenstein als den ersten modernen Kriegsunternehmer, der den Krieg nicht aus ideologischen oder – wie Tilly – religiösen Gründen führte, sondern als Geschäft mit dem klaren Ziel des persönlichen Macht- und Gelderwerbs. Dass er seine Dienstleistungen nur dem Kaiser und nicht der Gegenpartei anbot, lag wohl daran, dass er diesen bis zu seinem eigenen frühen Tod durch Ermordung den solventesten Kunden sah. Die historische Ironie wollte es, dass ihn ausgerechnet die eigene Seite umbrachte. Der Kaiser fürchtete seine zunehmende Unabhängigkeit, die zusammen mit seiner militärischen Macht eine echte Bedrohung darstellte, und die anderen Kurfürsten sowie die Generalität hassten und fürchteten ihn als Konkurrenten und potentiellen Herrscher. Münkler sieht in Wallenstein den typischen Aufsteiger, der sich wegen seiner (militärischen und politischen) Erfolge für unangreifbar hält und nicht die Gefahr des tödlichen Neids im eigenen Lager sieht. Dabei hält er es durchaus für möglich, dass Wallenstein auch mit dem Gedanken eines Seitenwechsels gespielt hat, doch nach Gustav Adolfs Tod in der Schlacht von Lützen war kein potenter Geldgeber mehr in Sicht.

Dieser – Gustav Adolf – ist die zweite große Persönlichkeit, der Münkler über die historischen Fakten hinaus besondere Aufmerksamkeit schenkt. Seine Motivation für den Feldzug in Deutschland rekrutiert sich seiner Meinung nach aus zwei Quellen: einerseits sah er in der durch die militärischen Erfolge des kaiserlichen Heeres sich ausbreitenden Restitution des Katholizismus bis in den Norden eine Gefahr für den Protestantismus der skandinavischen Länder, vor allem Schweden. Andererseits erkannte er jedoch auch die machtpolitischen Risiken. Die skandinavischen Länder betrachteten die Ostsee als ihr Revier. Nach dem desaströsen Ausscheiden des dänischen Königs aus dem Krieg unter Gebiets- und Machtverlust blieb nur noch Schweden als Garant für die Behauptung der südlichen Ostseeküste. Dass Schweden damit auch die Rolle des ungeliebten weil von Dänemark beherrschten Vasallen abschütteln konnte, ist für Münkler jedoch eine mindestens ebenso starke Motivation.

Doch Schwedens Problem bestand in den unzureichenden finanziellen Mitteln für einen längeren Krieg. Daraus entwickelte der Charismatiker Gustav Adolf laut Münkler die militärische Strategie des „alles oder nichts“. Mit energischen und konzentrierten militärischen Aktionen konnte er sich Territorien einverleiben, die anschließend durch Tributzahlung oder Plünderung die Unterhaltung des Heeres und die Fortführung des Krieges ermöglichten. Seine oft hervorgehobene militärische Kühnheit war demnach sozusagen eine Flucht nach vorne, die auch lange Zeit funktionierte. Dies lang nicht zuletzt daran, dass er als Heerführer in vorderster Front mitkämpfte und seine Soldaten mitriss. Diese vertrauten auf ihn – nicht zuletzt  wegen seiner Erfolge. Allein seine militärische Reputation rettete ihn vor mancher Niederlage, weil der Gegner sich nicht traute, eine objektive Chance zum Sieg zu nutzen. Gustav Adolfs Tod hatte dann auch einen Bruch der schwedischen Siegesserie zur Folge, die erst mit der französischen Unterstützung wieder einsetzte.

Den Franzosen – und hier vor allem Richelieu – widmet sich Münkler ebenfalls ausführlich und untersucht ihre strategischen Optionen. Die zwei spanischen Fronten – bei den Pyrenäen und in den Spanischen Niederlanden – betrachtete Richelieu auch ohne Krieg als hohes Risiko. Das umso mehr, als er für Frankreich die Rolle eines hegemonialen Schiedsrichters in Europa anstrebte. Dazu musste er jedoch die spanische Klammer beseitigen. Durch lange innere Unruhen geschwächt, konnte sich Frankreich in den ersten zehn Jahren nicht aktiv – das heißt: militärisch – in den Krieg einschalten. Aus dieser Schwäche machte Richelieu durch geschickte Politik eine Stärke. Obwohl konfessionell den Habsburgern in Wien und Madrid nahestehend, zog Frankreich in der Person Richelieus die machtpolitische Karte und unterstützte die Gegner des Kaisers. Das rettete die Schweden nach Gustav Adolfs Tod vor dem Verlust ihrer Position in Deutschland.

Um diese Themen- bzw. Personenkreise dreht sich Münklers Buch über lange Strecken. Im Gegensatz zu Wilson beschäftigt er sich kaum mit den frühen Kaisern Rudolf und Matthias, und auch Ferdinand II. ist bei ihm eher eine historische Figur denn ein Mensch mit Motiven, Strategien und Zielen. Das mag daran liegen, dass dieser Kaiser keine ausgeprägten Gedanken zu diesen Fragen geäußert hat; schließlich war er Repräsentationsfigur, die politische und militärische Aktionen anderen überließ. Das lag jedoch auch an seiner Abhängigkeit von der Zustimmung der Kurfürsten und den Subsidien der Spanier, ohne die er den Krieg nie so lange hätte durchhalten können. Erst Ferdinand III. füllte seine Position selbstbewusster aus, was sich schon in seiner Eigenschaft als Heerführer in der Schlacht von Nördlingen (Sieg über die Schweden) und seinen späteren politischen Entscheidungen ausdrückte. Münkler zeigt am Beispiel von Ferdinand III. deutlich, dass ein Kaiser mehr tun konnte, als seine Vorgänger konkret taten. Dass Ferdinand III. schließlich doch der große Verlierer des Westfälischen Friedens war, kann man so gesehen als Ironie der Geschichte betrachten. Mangelndes Kriegsglück in den letzten Kriegsjahren dank wankelmütiger Bundesgenossen und wenig kompetenter Heerführer sowie die organisatorische Schwerfälligkeit der Reichsstruktur ließen Ferdinand III. am Schluss mit leeren Händen dastehen.

Auch die Verhandlungen in Münster und Osnabrück beleuchtet Münkler mehr aus strategisch-politischer denn aus faktischer Perspektive. Hier arbeitete er die Entscheidungswege und die Schwierigkeiten der Kompromissfindung deutlich heraus. Die groteske Situation, dass die Verhandlungen anfangs lange wegen protokollarischer Probleme stockten, ist nach den Verheerungen des Krieges heute nur noch schwer zu verstehen. Münkler zeigt, dass einerseits die Verhandlungspartner auf unterer Ebene einfach am Protokoll vorbei zu verhandeln begannen, und dass bestimmte Personen, so ein Vertreter des Papstes, als Vermittler eine wichtige Rolle spielten und den Weg zum Westfälischen Frieden ebneten.

Zum Schluss hängt Münkler noch ein Kapital über die Analogien zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der heutigen Situation an, das ihm einige Kritik eingebracht hat. Da er jedoch explizit eine lineare Übertragbarkeit ablehnt und nur die Ähnlichkeiten hervorhebt, leuchtet diese Kritik nicht ganz ein. Damals wie heute überdecken machtpolitische Motive die religiösen Ursachen. Auf der anderen Seite heizen die religiösen Motive die Auseinandersetzungen intensiv an, ja, sie werden geradezu gezielt als Brandbeschleuniger eingesetzt. Darüber hinaus ähneln sich die militärischen Strukturen darin, dass nicht mehr national geführte Heere gegeneinander kämpfen, sondern „exterritoriale“ Gruppen wie der IS, die syrischen Rebellen oder die Hizbollah. Auch die mehr oder minder verdeckte Teilnahme externer staatlicher Akteure – Iran, Russland, Saudi-Arabien – ähneln der Situation im Dreißigjährigen Krieg. Es bleibt jedoch unklar, was Münkler mit diesen unbezweifelbaren Analogien bezwecken will. Die Erkenntnis als solche ist zwar erhellend, doch erwächst daraus keine Handlungsanweisung, da sich die Geschichte letztlich doch nicht wiederholt. Ein Westfälischer Frieden wie 1948 lässt sich aus diesen Analogien nicht stricken.

Münkler hat mit diesem Buch eine außerordentlich erhellende Analyse eines europäischen Traumas vorgelegt, das sich vor allem in der deutschen Geschichtsschreibung niedergeschlagen hat. Er verzichtet jedoch aus nahe liegenden Gründen darauf, aus diesem Trauma die deutsche Katastrophe des 20. Jahrhunderts abzuleiten. Die entsprechenden Erklärungen oder gar Apologetiken aus der Mitte des 20. Jahrhunderts sind nicht seine Sache und finden deswegen auch keine Erwähnung.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag erschienen, umfasst 974 Seiten und kostet 39,95 Euro.

Frank Raudszus

 

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