Koinzidenz von Kultur und Sport

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Das Eröffnungskonzert des diesjährigen Rheingau-Musik-Festivals fand genau an dem Tage statt, an dem die Fußballnationalmannschaft ihr kritisches Spiel gegen Schweden bestehen musste. Wegen des Spielbeginns um 20 Uhr hatte die Festival-Leitung das Konzert konsequenterweise auf 17 Uhr vorverlegt und anschließend für ausgewählte Gäste sogar noch ein „Public Viewing“ im Laiendormitorium des Klosters Eberbach angeboten. Auf diese Weise waren schon einmal Kultur und Sport an diesem Tage in Eintracht vereint.

Der Bratschist Antoine Tamestit und Dirigent Eliahu Ingbal

Doch ebenso wie den Sport trafen auch die Kultur an diesem Tage unvorhergesehene Ausfälle.Beim Rheingau-Musik-Festival war der Hausdirigent des hr-Sinfonieorchesters, Andrès Orozco-Estrada, kurzfristig durch Krankheit ausgefallen. Glücklicherweise war der langjährige Leiter des hr-Sinfonieorchesters Eliahu Ingbal, mittlerweile stolze 82 Jahre alt, willens und in der Lage, das Eröffnungskonzert zu leiten. Angesichts der Diskussionen in der Öffentlichkeit über die angeblichen Zumutungen einer Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 oder gar mehr hat diese Tatsache geradezu Symbolcharakter, denn die Leitung eines so anspruchsvollen Konzerts mit kürzester Vorbereitungszeit stellt neben den rein fachlichen Voraussetzungen höchste Anforderungen an die physische und geistige Verfassung des Mannes (oder der Frau) am Dirigentenpult.
Um es vorweg zu sagen: Eliahu Ingbal meisterte diese Aufgabe, als zähle er 52 und nicht 82 Jahre, und fühlte sich in dieser so kurzfristig angenommenen Rolle offensichtlich pudelwohl.

Das diesjährige Rheingau-Musik-Festival steht unter dem Motto „Freundschaft“, wobei sich das u.a. auf die tatsächliche Freundschaft zwischen Festival-Gründer Michael Herrmann und Leonard Bernstein bezieht, der in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Das Eröffnungskonzert spiegelt diesen Begriff jedoch kaum, denn eine persönliche Freundschaft zu Hector Berlioz (1803-1869) oder Giacomo Puccini (1858-1924) ist theoretisch und eine Freundschaft zwischen den beiden Komponisten zumindest praktisch unmöglich. So musste dieses Konzert also außerhalb des Festival-Mottos stattfinden, was ihm aber nicht zum Nachteil gereichte.

Am Anfang stand Berlioz´ Sinfonie „Harold in Italien“, deren Satzbezeichnungen programmatische Züge tragen – Harold in den Bergen, Marsch der Pilger, Serenade eines Bergewohners an seine Geliebte, Gelage der Räuber – und entfernt an Beethovens „Pastorale“ erinnern. Bei der Entstehung von „Harold in Italien“ war Beethoven erst sieben Jahre tot und seine „Sechste“ gerade einmal ein Vierteljahrhundert alt.

Inhaltlich hat sich Berlioz bei diesem Werk jedoch an Byrons Gedicht „Child Harold´s Pilgrimage“ orientiert und sowohl die Melancholie, die Sehnsucht und andere Gefühlsaufwallungen der frühen Romantik in Töne gesetzt. Das mächtig instrumentierte Werk wandert durch die verschiedensten Gefühlswelten von der zarten Liebe über die unterwürfige Gottesverehrung und die – typisch romantische – Überhöhung der Natur bis hin zu den Abgründen der menschlichen Seele in der metaphorischen Gestalt des alle konventionellen Grenzen sprengenden Räubers.

Eliahu Ingbal entlockte diesem Werk seinen zutiefst romantischen Kern, indem er alle emotionalen Schattierungen klanglich vorbehaltlos ausmalte. In dem hallenden Raum der Basilika kamen diese rauschenden Klänge besonders zum Tragen und füllten jeden Winkel. Außerdem fiel das Echo der steinernen Wände nicht negativ ins Gewicht, weil es hier nicht um fein ziselierte Klänge einzelner Instrumente sondern um den Klangrausch ging. Da musste der Solo-Bratschist Antoine Tamestit schon alles aus seinem Instrument herausholen, um nicht in der Klangfülle unterzugehen. Doch auch er meisterte diese Herausforderung dank perfekter Technik und einem stets aufmerksamen Eliahu Ingbal hervorragend.

Nach der Pause wurde dann die Basilika ihrer geistlichen Aufgabe gerecht, denn mit Puccinis „Messa di Gloria“ kam eine uralte liturgische Musikform zu Gehör, die bei Puccini – wie übrigens auch bei Verdi – immer wieder unüberhörbaren Operncharakter annimmt. Dramatik, weit ausholende musikalische Gesten und majestätisches Voranschreiten prägen diese Messe mehr als die konzentrierte Verinnerlichung, wie man sie von nord- und mitteleuropäischen Komponisten wie Bach, Händel oder Haydn kennt. Das wiederum passte mit der Betonung der Emotionen recht gut zu Berlioz´ Sinfonie, womit dann doch zumindest die „Freundschaft im Geiste“ gefeiert wurde.

Als Sänger der Solopartien hatte man den italienischen Tenor Massimo Giordano und den chinesischen Bassbariton Shenyang gewinnen können, beide hochkarätige Künstler mit breitem Repertoire und beeindruckender internationaler Präsenz. Ihre ausgesprochen präsenten Stimmen widerstanden dem Hall der Basilika und dem kraftvollen Orchester ohne Probleme und gingen auch im gesanglichen Zwiegespräch mit dem Chor des MDR nicht unter. Dieser Chor beeindruckte durch seine Präzision – vor allem in den mehrstimmigen Passagen – und seinen vollen, warmen Klang, der ein starkes Pendant zu dem instrumentalen Klangraum des Orchesters bildete. Durch das ganze Werk zog sich ein dynamisches Element, dass die liturgischen Texte mit menschlichen Emotionen auflud, ohne die geistliche Komponente zu sehr zu vernachlässigen. Eliahu Ingbal ging die Gratwanderung zwischen geistlichem Werk und Oper ohne Berührungsängste an und interpretierte das Werk als eine bewusste Grenzüberschreitung zwischen göttlicher und menschlicher Welt.

Der Beifall des Publikums zog sich angesichts des bevorstehenden Schicksalspiels der Nationalmannschaft erstaunlich lange hin, nur auf dem anschließenden Marsch zu den Parkplätzen fielen die schnellen Schritte auf.

Frank Raudszus

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