Kurt Bayertz: „Der aufrechte Gang – Eine Geschichte des anthropologischen Denkens“

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Dass wir Menschen – im Gegensatz zu den (meisten) Tieren – auf zwei Beinen gehen und damit die vorderen Extremitäten für anderweitige Tätigkeiten verwenden können, scheint uns eine geradezu banale Tatsache zu sein, über die man sich keine längeren Gedanken macht. Zwar wissen wir, dass diese Tatsache auf die Evolution zurückzuführen sind und wir letztlich von den Tierwelt abstammen, aber auch diese Erkenntnis berührt uns nicht mehr besonders.

Da erstaunt es, dass sich ein ausgewiesener philosophischer Denker dieses Themas annimmt und es zum Gegenstand eines eigenen Buches macht. Kurt Bayertz lehrt in Münster praktische Philosophie (was immer man darunter versteht) und geht in seinem Buch der Sicht auf die Zweibeinigkeit des Menschen durch zweieinhalb Jahrtausende nach. Dabei geht er zwar auch auf die Evolution und ihre biologischen Aspekte ein, sein Schwerpunkt liegt jedoch auf den intellektuell-philosophischen Betrachtungen dieser herausgehobenen Stellung des Menschen in den verschiedenen Epochen.

Bei Platon beginnt er und zitiert dessen logisch durchdachte Definition des Menschen als „zweibeiniges, ungefiedertes Wesen“. Zwar kannte Platon die Konkurrenz der Vögel als Zweibeiner, jedoch nicht den Pinguin, wie Bayertz trocken bemerkt. Für die Antike war die Welt statisch und von Anfang an als sinnvolles Gesamtsystem mit dem Menschen als höchstem Wesen angelegt. Der aufrechte Gang entsprach dem der Götter und sein Zweck lag darin, dass der Mensch mit erhobenem Kopf den Himmel und die Gestirne an ihm betrachten und bewundern konnte. Die für den Menschen vorgesehene Ausnahmestellung forderte von diesem natürlich ein entsprechendes Verhalten, das letztlich in der Loslösung von „niederen“ irdischen und körperlichen Bedürfnissen bestand. Das reine Denken war das Ziel eines erfüllten menschlichen Lebens. In diesem Zusammenhang geht Bayertz auch ausführlich auf die philosophischen Richtungen der Stoiker und der Epikureer ein, wobei er verdeutlicht, dass die antike Philosophie die Stoiker eindeutig über die Epikureer stellte. Eine Diskussion, ob der aufrechte Gang die Intelligenz hervorgebracht habe oder jene diesen, erübrigte sich wegen des statischen Charakters der Welt.

Die christliche Kirche übernahm aufgrund der biblischen Schöpfungsgeschichte den teleologischen Charakter der antiken Sicht auf den aufrechten Gang. Allerdings hatte hier der monotheistische Gott den Menschen mit seinem aufrechten Gang geschaffen. Auch hier wird diese Körperhaltung bereits metaphorisch interpretiert, indem eine „aufrechte“ und gottesfürchtige Haltung gefordert wird. Detailliert geht Bayertz auf die Ausführungen der Kirchenväter Gregor von Nyssa und Augustinus  sowie des späteren Thomas von Aquin ein, die sich alle mehr oder minder deutlich mit dem aufrechten Gang und dessen menschlich-religiösen Aspekte auseinandersetzten. In diesem Zusammenhang erwähnt Bayertz auch die Schlange aus dem Sündenfall, die nach damaligem Verständnis sich Eva noch zweibeinig näherte und erst von Gott – explizit! – zum kriechenden Wurm degradiert wurde. Diese elementare Bibelstelle zeigt mehr als deutlich den Wert, den die Kirche bis in die Neuzeit hinein dem aufrechten Gang eingeräumt hat.

Dass die Moderne – mit der Renaissance beginnend – dem aufrechten Gang einen ganz anderen und neuen Stellenwert einräumt, liegt auf der Hand. Hier kam zum ersten Mal der mechanische Aspekt zum Vorschein, und die frühe Anatomie betrachtete den Menschen als Maschine, die nicht für den zweibeinigen Gang gedacht war. Verschiedene Autoren haben – ungeachtet der metaphorischen Bedeutung des aufrechten Ganges – auf die mangelhafte Konstruktion des Menschen für den aufrechten Gang hingewiesen, die letztlich zu einer ganzen Reihe chronischer Krankheiten und Gebrechen geführt habe. Das geht so weit, dass heutige Zeitgenossen es im Rahmen entsprechender prothetischer Hilfen durchaus für möglich halten, dass der Mensch in ferner(?) Zukunft wieder eine andere Gangart wählen könnte.

Parallel dazu betonten mehr und mehr Philosophen, vor allem während der Aufklärung, den metaphorischen Aspekt des aufrechten Ganges, unter ihnen Kant und vor allem Voltaire. Hier galt das „Aufrechte“ nicht mehr als göttlicher Abglanz und als Versuch, sich dem Göttlichen zu nähern, sondern als Protest gegen weltliche und klerikale(!) Herrscher. Hier kam dann auch – etwa bei Voltaire – bissige Ironie zum Einsatz. Dagegen war Herder – trotz seiner unbestrittenen aufklärerischen Ansichten – noch einer der letzten, der in seinen „Ideen“ mit hohem Pathos und im christlichen Glauben vom Wesen des Menschen – und seinem aufrechten Gang – schwärmte.

Der elementarste Bruch mit den herkömmlichen Vorstellungen erfolgte jedoch mit Darwins Evolutionslehre. Der Gedanke der „Kontingenz“ (Zufall) brach mit sämtlichen teleologischen und theologischen Ansichten von zweitausend Jahren. Entsprechend begeistert oder feindselig waren die Reaktionen. Plötzlich war der Mensch nicht mehr von Anbeginn ein fest definiertes Wesen in einer Menge ähnlicher, aber niedrigeren Geschöpfe, sondern er hatte sich aus diesen in einem lagen Selektionsprozess entwickelt, der sich aus den zufälligen Änderungen der Umweltbedingungen ergeben hatte. Die Erkenntnisse, dass alles genauso gut ganz anders hätte kommen können und der Mensch damit nicht „per definitionem (deorum)“ das höchste aller möglichen Lebewesen war, stellte das Weltbild von Kirche und anderen Autoritäten auf den Kopf, vom einfachen Bürger ganz zu schweigen. Der Autor verdeutlicht in diesem Kapitel die Herausforderung an den Menschen, sich fortan auf die eigene Kraft und Vernunft verlassen zu müssen, da es offensichtlich keine steuernde höhere Instanz gibt. Dabei zitiert er eine Reihe von Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts, die sich mit dieser Herausforderung auf verschiedene Weise auseinandergesetzt haben. So ist denn auch eines der letzten Unterkapitel im Sinne des Buchtitels mit „Der Wille zur Selbstaufrichtung“ übertitelt.

Den Abschluss dieses Buches bildet ein Kapitel über einige Randthemen, so eine Diskussion über die evolutionäre Reihenfolge von Aufrechtgehen und Intelligenz, die Bedeutung der Werkzeug- (und Waffen-!)Herstellung,  die Verbindung von Gehen und Sprechen – erst die aufrechte Haltung erlaubte so etwas wie Artikulation – sowie über die Auswirkung der aufrechten Haltung auf die Sexualität. Den Schlusspunkt bildet eine Betrachtung über den langen Weg des „aufrecht Gehens“ von der Metaphysik zur Metaphorik. Ein „aufrechter“ Geist setzt aufrechtes Gehen voraus.

Das Buch ist im  Verlag C.H. Beck erschienen, umfasst einschließlich umfangreicher Anmerkungen und Register 415 Seiten und kostet 14,95 Euro.

Frank Raudszus

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