Ein ganzes Orchester aus zwei Instrumenten

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Der Geiger Frank-Peter Zimmermann und der Pianist Martin Helmchen sind seit Jahren zwei Schwergewichte – im übertragenen Sinne! – des internationalen Musikbetriebs. Jetzt haben die beiden beschlossen, in einem gemeinsamen Projekt alle Violinsonaten von Ludwig van Beethoven einzuspielen. Am 22. August fand im Rahmen des Rheingau-Musik-Festivals das erste Konzert dieses Projekts im Kurhaus Wiesbaden mit drei Sonaten statt: Nr. 8 op. 30 Nr. 3, Nr. 9 op. 47 und Nr. 10 op 96. Die beiden Musiker beginnen ihr Projekt also mit Beethovens späteren Werken dieser Gattung.

Es stellt sich jedoch die Frage, warum die Verantwortlichen ausgerechnet den Friedrich-von-Thiersch-Saal im Kurhaus Wiesbaden für das Konzert ausgewählt hatten. Dieser Saal eignet sich vor allem für sinfonische Konzerte, für Kammermusik fehlt ihm jedoch die notwendige Intimität. Wahrscheinlich war der erwartete Publikumszuspruch der Grund für diese Wahl, bietet doch kein anderer Saal der Spielstätten dieses Festivals annähernd viele Plätze. Doch leider hatte man sich verrechnet, denn in den Zuschauerreihen klafften unübersehbare Lücken. Offensichtlich reichte die Zugkraft der Namen (leider) nicht, um die Skepsis eines breiten Publikums gegenüber dieser fast schon als eklektisch eingestuften Kammermusik-Gattung zu überwinden. Dabei ist erstaunlich, dass einzelne Solisten – vor allem am Klavier – diesen Saal mit einem entsprechenden Programm – Beethoven, Schubert – mühelos auslasten. Man denke da nur an Grigorij Sokolov.

Frank Peter Zimmermann, Violine / Martin Helmchen, Klavier im Kurhaus Wiesbaden
(c) RMF / Ansgar Klostermann

Wie dem auch sei: wer auf den Besuch dieses Konzert verzichtet hatte, hat auf jeden Fall ein musikalisches Erlebnis versäumt, denn Frank-Peter Zimmermann und Martin Helmchen gaben sich nicht mit einer herkömmlich-eingängigen Interpretation zufrieden, sondern gingen von Anfang an aufs Ganze. Man spürte, dass sie sich im Vorfeld ein gemeinsames „Beethoven-Bild“ erarbeitet hatten, das sie an diesem Abend in einer ausgesprochen stimmigen Art präsentierten.

Die Sonate Nr. 8 op. 30,3 in G-Dur begann geradezu furios. Aus diesem Auftakt entsteht ein temperamentvolles Frage-Antwort-Spiel zwischen den beiden Instrumenten, das die beiden mit packendem Zugriff inszenierten. Dabei arbeiteten sie mit ausgeprägten Ritardandi und dynamischen Wechseln sowie wohl gesetzten Pausen. Den ersten Satz prägten von Beginn an Tempo und Energie bei höchster Präzision. Den zweiten Satz, als Menuett ausgewiesen, interpretierten sie zügig und bestimmt. Mit einer ausgeprägten und wohldosierten Dynamik erzeugten sie eine hohe Spannung, die bis zum Schluss anhielt. Der dritte Satz stürmte vom ersten Takt an vorwärts. Auch hier machten die beiden Musiker keine Kompromisse an eventuelle andere Hörgewohnheiten des Publikums, sondern präsentierten Beethoven „pur“, wie sie ihn verstehen. Lyrische Momente wird man auch in den langsameren Passagen vergeblich suchen. Langsames Tempo bedeutet bei diesen beiden Interpreten stets erhöhte Spannung und Intensität. Dadurch verliert diese Musik jeglichen Unterhaltungscharakter, wenn sie ihn denn je gehabt hat. Nebenbei kann man sie nicht hören; sie verlangt die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer.

Diese Charakeristik steigerte sich noch bei dern Sonate Nr. 9 op. 47 in A-Dur, der sogenannten „Kreutzer-Sonate“. Die Violine beginnt fast schon zart mit einem ersten Thema, das Piano steuert dazu einige sparsame Akkorde bei. Langsam steigert sich diese scheinbar karge Musik zu hoher Spannung, bis nach einer lang gezogenen Pause das Hauptthema im „Presto“-Tempo einsetzt. Auch in dieser Sonate setzten die beiden Interpreten von Beginn an kompromisslos auf Tempo und Geradlinigkeit. Mit starken dynamischen Kontrasten verliehen sie der Musik ein geschärftes Profil. Die plötzlichen Verlangsamungen gewannen dabei wahrhaft abgründigen Charakter. Martin Helmchen intonierte vor allem die absteigenden Läufe in geradezu überfallartiger Manier mit scharfen Kanten. Im zweiten Satz konzentrierten sich die beiden nach der ruhigen Thema-Vorstellung auf die sorgfältige Ausgestaltung der unterschiedlichen Variationen. Der Finalsatz begann dann mit einem wahren Donnerschlag des Flügels, und im weiteren Verlauf verliehen wiederum die kurz und energisch angeschnittenen Akkorde sowie die ausgereizten Fermaten dem Satz Kontur und Spannung.

Nach der Pause erklang mit der Sonate Nr. 10 op. 96 ein viel späteres Werk, das erstaunlicherweise ganz andere Eigenschaften aufwies. Wäre Beethoven bei der Komposition dieses Werks nicht erst 42 Jahre gewesen, könnte man von Altersweisheit sprechen. Der erste Satz beginnt eher freundlich und eingängig, ohne scharfe Kontraste und Tempowechsel. Langsam steigert sich die Intensität, vor allem bei den Wiederholungen des Themas im Wechsel der beiden Instrumente. Ruhig, fast nachdenklich interpretierten die beiden Musiker den ersten Satz. Dieser Stil setzte sich im zweiten Satz – Adagio espressivo – fort und entwickelte fast schon elegische Züge. Diese Sonate bietet im Gegensatz zu den vorangegangenen ein zusätzliches, wenn auch kurzes Scherzo, dessen versetzte Rhythmen Helmchen und Zimmermann kurz und knackig intonierten. Der Finalsatz beginnt wieder ruhig und ausgeglichen und entwickelt nur langsam Lebhaftigkeit. Dann übernehmen ostinate Figuren das Kommando, die sich im Wechsel aufbäumen und dann wieder absteigend abklingen. Der Satz entwickelt sich dann zu einem geradezu stürmischen Finale, bei dem in typisch Beethovenscher Manier mehrere Pseudo-Schlussakkorde erklingen, nur um danach wieder in einen weiteren und oft zarten Neubeginn überzugehen. Wer die Sonate nicht kannte, hatte bereits einige Male die Hände zum Schlussbeifall geöffnet, nur um sie wieder zu schließen.

Frank-Peter Zimmermann und Martin Helmchen entwickelten im Rahmen dieser drei Violinsonaten tatsächlich orchestralen Klang, und man hatte selten den Eindruck, dem Zusammenspiel von nur zwei Instrumenten zu lauschen. Vor allem Helmchen nutzte die Klangmöglichkeiten des Flügels voll aus, während Zimmermann in dieser Hinsicht instrumentell etwas beschränkt war. Der Klangrausch und die kompromisslose musikalische Energie gingen jedoch nie auf Kosten der Transparenz oder der Präzision, sondern standen in jedem Augenblick im Dienste des Werks und des Bildes, das sich diese beiden Ausnahmemusiker von dem Komponisten gemacht haben.

Der Schlussbeifall fiel dann so kräftig aus, dass die beiden Musiker noch eine Zugabe nachreichten.

Frank Raudszus

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