Erich Hackl: „Am Seil“

Print Friendly

Lucia Heilmann schreibt: „Reinhold ist der Held meiner Geschichte. Nur seinetwegen erzähle ich sie.“ Worum geht es?

Im Wien der späten 30er Jahre hat sich ein halb pazifistischer, halb kommunistischer Freundeskreis gegründet, ohne das Bedürfnis, sich einer Partei anzuschließen. Regina gehört dazu, und Reinhard Duschka, um den es in der weiteren Erzählung geht, stößt ebenfalls zu dieser Gruppe. Reinhold hat an der Wiener Kunstgewerbe.Schule studiert und macht sich bald mit einem kleinen metallverarbeitenden Betrieb selbständig. Regina bringt ein Mädchen zur Welt, will aber den dazu gehörigen Vater nicht heiraten. Sie geht arbeiten, während ihr Vater die Kleine betreut.

Das Leben geht seinen Gang, bis 1938 die Nazis in Wien immer dominanter werden. Regina als Jüdin wird von der Gemeinde Wien entlassen, die Tochter Lucia aus der Volksschule gejagt und muss in eine Schule für Judenkinder gehen. Im Jahr 1939 schließlich – eine Woche vor dem Einmarsch der Deutschen in Polen – wird der Großvater von den Nazis abgeholt und verhaftet. Die Todesmeldung kommt dann einen Monat später aus Buchenwald ohne Angabe von Gründen.

Für Regina und Lucia wird die Situation immer gefährlicher. Immer mehr Juden werden verhaftet. Deshalb nimmt Regina Reinholds Angebot an, sich mit ihrer Tochter Lucia in seinem Betrieb zu verstecken. Vier lange Jahre lang werden die beiden in einem engen Verschlag hausen, immer in der Ansgt vor der Entdeckung.

Lucia erinnert sich bruchstückhaft an diese nur schwer erträgliche Zeit. Fotos helfen ihr bei der Erinnerung, so dass der Autor Erich Hackl tagebuchartig über diese vierjährige Versteckspiel berichten kann. Täglich muss für Essen gesorgt werden, und die Notdurft muss in Kübeln verrichtet werden. Doch Reinhold ermöglicht den beiden Versteckten sogar, sechs Mal die Woche – von Montag bis Samstag – heimlich in seinem Betrieb mitzuarbeiten.

Hackl berichtet nicht nur über die Nazizeit in Wien, sondern er spannt einen weiten Bogen bis in die Gegenwart, wobei der selbstlose Retter Reinhold als Held in Erinnerung bleibt. Ihm wird sogar in Yad Vashem eine Medaille samt Urkunde überreicht.

Das Buch ist im Diogenes-Verlag erschienen, umfasst 113 seiten und kostet 20 Euro.

Barbara Raudszus

,

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar