Optische Täuschungen und Vexierspiele

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Wer das berühmte Bild der surrealistisch sich endlos im Kreis drehenden Treppe von M.C. Escher kennt, wird sich in dieser Ausstellung daran erinnert fühlen. Victor Vasarely, der französische Maler ungarischer Abstammung, hat Zeit seines Lebens die Vieldeutigkeit geometrischer Formen in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt und dabei bewusst Werke geschaffen, die den Betrachter verwirren und zu einem andauernden Kampf zwischen Auge und interpretierendem Gehirn führen. Man kann Vasarely (1906 – 1997) zu Recht als „Jahrhundertkünstler“ bezeichnen, zwar nicht in dem Sinne des bedeutendsten Malers seines Jahrhunderts, jedoch im Sinne einer Präsenz während dieser gesamten Epoche. Doch die durchaus aufregenden und schrecklichen Ereignisse dieser Zeit haben in seinem Werk keine unmittelbaren und schon gar keine plakativen Spuren hinterlassen.

Die Wand aus dem Speisesaal der Bundesbank

Zeit seines Lebens hat er sich mit – zwei- und dreidimensionalen – Formen beschäftigt und ihre Kombinierbarkeit untersucht. Dabei hat er seine Formensprache auf wenige geometrische Elemente reduziert – Kreis, Rechteck, Dreieck – und diese zusammen mit der Farbe in immer wieder neuen Kombinationen angeordnet. Besonders fasziniert hat ihn dabei offensichtlich die dreidimensionale Wirkung bestimmter Kombinationen, die beim menschlichen Betrachter sofort Interpretationen hinsichtlich der realen Welt auslösen. Da werden mit Rechtecken gleichmäßig strukturierte Flächen durch geometrische Veränderungen mit förmlich herausquellenden Wölbungen versehen. Andere geometrische Artefakte lassen sich dank abgeschrägter Formen und unterschiedlicher Farben als dreidimensionale Gebilde – etwa abstrahierte Hochhäuser – deuten, wobei Auge und Gehirn je nach spontaner Assoziation des Betrachtenden eine Sicht von oben oder von unten suggerieren. Dabei kippt die Wahrnehmung bei vielen Bildern in kurzen Zeitabständen um, da sich beide Deutungen durch bewusste Brechungen widersprechen. Dem menschlichen Gehirn gelingt es daher trotz intensiver Bemühungen nicht, den für die Weltdeutung so wichtigen konsistenten Deutungsrahmen zu definieren.

„Cheyt-Pyr“, 1970/71

Die Ausstellung konzentriert sich nicht auf eine bestimmte Phase im Schaffen Vasarelys, sondern breitet eine breite Palette seines gesamten künstlerischen Schaffens vor dem Publikum auf. Dabei sind die Kuratoren Martin Engler und Jana Baumann in umgekehrter chronologischer Reihenfolge vorgegangen. Im Eingangsbereich des ersten Teils der Ausstellung begrüßen den Betrachter drei Wände des Speisesaals der Bundesbank, die jeweils aus einfarbigem Hintergrund – Silber, Gold und Schwarz – und darauf nach einem streng strukturierten Muster angebrachten farbigen Rundscheiben bestehen. Die Mitte dieser „Rauminstallation“ zieren dreidimensionale Gebilde, die entfernt an Lego-Bauten erinnern, aber ebenfalls einem streng komponierten Konzept aus Formen und Farben folgen.

In den darauf folgenden Räumen findet man, sorgfältig getrennt nach künstlerischen Attributen wie Layout, Farbgebung und Komposition, Werke mit allen Schattierungen optischer Irritationen, die ihre ganze Komplexität und innere Rätselhaftigkeit erst auf den zweiten und dritten Blick freigeben. Im ersten Augenblick sieht so manches Werk harmlos wie eine Schülerarbeit aus, um dann langsam die komplexen geometrischen Abhängigkeiten zu offenbaren. Dabei sind die meisten optischen Effekte auf eindeutige mathematische Algorithmen zurückzuführen. Dies hat Vasarely oft Kritik und latente Aberkennung des Kunstbegriffs eingebracht, doch in Wirklichkeit war er seiner Zeit voraus. Mit seinen mathematisch-optischen „Spielereien“ nahm er die damals nur in Ansätzen erkennbare Ära der Digitalisierung voraus. Heute sind seine geometrischen Strukturen Bestandteil aller Computerspiele und auch der „Digitalen Kunst“, die sich jedoch verständlicherweise in dem vom handwerklich-schöpferischen Topos dominierte Kunstbetrieb nur zögernd durchsetzen kann.

Im zweiten Teil, der ein Stockwerk höher installiert ist, führt die Ausstellung in Vasarelys frühere Schaffensperioden zurück. Man sieht hier deutlich, wie sich  seine Formensprache langsam aber stetig entwickelt, verfestigt und vor allem verdichtet hat. Beinhalten die frühen Werke noch wenige Formen, die miteinander um die Vorherrschaft streiten und sich gegenseitig be- und verdrängen, so nimmt die Zahl der Elemente im Laufe der Zeit deutlich zu und gesteht der individuellen Form eine immer geringere Präsenz zu. Damit könnte man Vasarelys Entwicklung auch als Metapher der gesellschaftlichen Situation deuten, die auch von einem Verlust des Individuums zugunsten des Kollektivs geprägt ist. Müssen zu Beginn noch einzelne Formen um ihren Stellenwert auf einem „Bild“ mit anderen Formen konkurrieren, so fügt sich zum Schluss das – nun kleine! –  Einzelelement in die schiere Fülle anderer Elemente ein und schafft mit diesen zusammen ein ständig wechselndes, bisweilen geradezu pulsierendes Gesamtbild.

Zèbres, 1932-1942

Man kann sich vor diesen Vexierbildern förmlich verlieren – zeitlich und geistig -, denn sie verunsichern auf die Dauer allein durch ihre Menge den auf Eindeutigkeit getrimmten menschlichen Geist. Gleichzeitig öffnen sie eine neue Welt der Ambiguität und erzeugen eine kreative, bisweilen nahezu bedrohliche Unsicherheit. Nichts in dieser Welt ist so, wie es scheint, suggerieren diese Bilder.

Vasarely folgte mit dem Ansatz des kleinteilig-kombinierten Werkes einem gesellschaftlichen Impetus, der darauf hinauslief, dem Kunstwerk die Aura des Hehren und Unverständlichen zu nehmen und ihm einen „egalitären“, von breiten Schichten nachvollziehbaren Charakter zu verleihen. Die Kombinierbarkeit von vielen kleinen Elementen zu einer eindrucksvollen Gesamtwirkung ist  nicht nur als künstlerisches Stilmittel transparent, sondern transportiert auch eine eindeutige gesellschaftliche Botschaft. Ob diese in dem gewünschten Maße angekommen und verstanden worden ist, war und ist bis heute ungewiss.

Näheres über die Ausstellung ist der Webseite des Städelmuseums zu entnehmen.

Frank Raudszus

 

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