Adolf Muschg: „Heimkehr nach Fukushima“

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„Heimkehr“ an den verstrahlten, todbringenden Ort, das klingt absurd. Zu einem so unwirtlichen Ort kann es keine Heimkehr geben.
In seinem neuen Roman „Heimkehr nach Fukushima“ geht es Adolf Muschg um die Frage, was Heimkehr an einen solchen Ort heißen kann, aber auch was Heimkehr überhaupt bedeutet.

Paul Neuhaus, 62, studierter Architekt, aber als freier Schriftsteller von ererbtem Vermögen lebend, wird von japanischen Freunden nach Japan eingeladen. Seizõ Irie, der Bürgermeister einer kleinen, inzwischen angeblich dekontaminierten Gemeinde im weiteren Umkreis des havarierten Kernkraftwerks von Fukushima, will sein Dorf wieder zum Leben erwecken. Seizõ Irie will dort eine internationale Künstlerkolonie entstehen lassen, um so auch die ehemaligen Dorfbewohner zu animieren zurückzukehren. Damit ist er einer der wenigen, die wie die Regierung die Angst der Menschen zu beschwichtigen versuchen.
Paul unternimmt diese Reise allein ohne seine Lebensgefährtin Suzanne, die mit ganz anderen Projekten beschäftigt ist und sich der Gefahr einer Verstrahlung nicht aussetzen will. Pauls Reise ist nicht nur eine Reise in die beschädigte Welt von Fukushima, sondern auch in die ganz andere Welt der japanischen Lebensart, insbesondere der menschlichen Beziehungen und Bindungen.

Das Leben von Paul und Suzanne ist das zweier unabhängiger Intellektueller, deren Beziehung durch die Freiheit von Nähe und Ferne bestimmt ist. Nichts ist verpflichtend, Begegnungen sind flüchtig oder intensiv, man begegnet sich zwischen verschiedenen Projekten in dem von Paul entworfenen „Doppeldecker“, einem Haus aus zwei miteinander verbundenen Glaskuben, das luftig auf Stelzen gebaut ist, am Fuße des Schwarzwalds mit Blick auf die Vogesen. Alles ist leicht, aber kühl. Die Wohnbereiche von Paul und Suzanne sind getrennt, man geht „zu ihr“ oder „zu ihm“, ein „Wir“ erscheint als Einengung. Suzanne kommt zu einem kurzen Besuch, es verwundert aber nicht, dass sie ohne Abschied abreist.

Ganz anderes begegnet Paul bei Ken Tenma und seiner Frau Mitsuko, deren Ehe zwar aus vernünftigen Überlegungen geschlossen worden ist, die aber von starker innerer Verbundenheit zeugt. Hinter der für den Europäer Paul zunächst befremdlichen Höflichkeit der Ehepartner untereinander verbirgt sich eine tiefe Verpflichtung für den anderen, dessen Gefühle in jeder Situation respektiert werden. Bindung, nicht Freiheit, bestimmt die Beziehung.
Paul erfährt das noch einmal während der Fahrt in das Gebiet um Fukushima, die mit er Mitsuko unternimmt. Sie führt ihn durch den verlassenen Ort, zeigt ihm das Haus, in dem sie aufgewachsen, das jetzt von Wildschweinen übernommen worden ist. Alles, was einmal Kultur und Dorfleben war, ist verschwunden. Nur ein Bauer ist geblieben, der seine Tiere nicht verhungern lassen will. Die Vision des Bürgermeisters, hier wieder Dorfleben entstehen zu lassen, gründet auf der Überzeugung, dass der Verfall der Dorfgemeinschaft ein größeres Übel ist als die Gefahr der Verstrahlung.

Paul wird in dieser scheinbar so gefühlskontrollierten Welt von der erotischen Verführungskraft und Sinnlichkeit Mitsukos überrascht. In der beschädigten Welt Fukushimas ist Liebe möglich, ein symbolischer Akt für die Möglichkeit der Heimkehr in das Dorf. Heimkehr hat jedoch noch weitere Dimensionen. Mitsuko wird nach dem Liebeserlebnis zu ihrem Mann heimkehren, das ist ihre Verpflichtung, sie wird ihn bis zu seinem Tod begleiten.

Heimkehr wird es auch für Paul geben: Er wird das Haus kaufen, das für die Künstlerkolonie vorgesehen ist, er wird Japanisch lernen, er wird heimkehren.
Paul liest während der Japanreise die Stifter-Erzählung „Nachkommenschaft“. Diese Erzählung entwirft ein Bild von familiärer Bindung und Zugehörigkeit, aus unserer westlich-europäischen Sicht eine aus der Zeit gefallene Erzählung. Oder nicht? Muschg entlässt den Leser mit der Frage, ob die unverbindliche Freiheit der Beziehung von Paul und Suzanne wirklich eine Lebensperspektive ist, zumal es keine Kinder gibt, also keine Zukunft.

Und Muschg macht neugierig auf die Stifter-Erzählung, die sich am besten gleich im Anschluss liest. Muschg hat den Leser mit seiner wunderbaren, schnörkellosen Sprache schon eingestimmt.

Das Buch ist im C.H.Beck Verlag erschienen, umfasst 244 Seiten und kostet 22 Euro.

Elke Trost

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