Gibt es „nichts Sinnlicheres als Schmerz“? Über die Lust an der Unterwerfung.

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Die Herkunft des Wortes Sadismus ist wahrscheinlich bekannter als die seines Gegenparts, des Masochismus. Nimmt ersterer Begriff Bezug auf die (selbst) berichteten Handlungen des französischen Aristokraten Marquis de Sade (1740 – 1814), so spielt letzterer auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch (1836-95) an. In seinem Roman „Venus im Pelz“ von 1870 beschreibt Sacher-Masoch die besondere Beziehung seiner Figuren Severin von Kusiemski und Wanda von Dunajew in einem fiktiven Badeort in den Karpaten. Severin sieht in der schönen, anmutigen Witwe Wanda seine Venus, verfällt ihr und will sie ehelichen. Sie bedingt sich eine einjährige Probezeit aus, in der sie auf seinen eigenen sehnlichen Wunsch hin zu seiner Herrin und er zu ihrem Sklaven wird. Das Verlangen nach Schmerz und Unterwerfung ist zentrales Element des Romans und auch der Grund dafür, dass das Buch in Deutschland Mitte des letzten Jahrhunderts auf den Index gesetzt wurde.

Der US-amerikanische Dramatiker und Drehbuchautor David Ives bearbeitete „Venus in Fur“ für den Broadway, wo der Einakter 2011 Premiere feierte. Der Regisseur Klaus Lavies adaptierte das Zwei-Personen-Drama nun für das Darmstädter TIP-Theater im Pädagogkeller.

Abendstimmung. Regisseur Thomas (Harald Preis) sucht die Hauptdarstellerin für die „Venus im Pelz“ und ist ermattet von stundenlangen, jedoch ergebnislosen Castings. Da platzt verspätet eine weitere Schauspielerin herein, die mit scheinbarer Einfältigkeit, aber Vehemenz auf einer Anhörung für die Rolle besteht. Wanda (Stephanie Wolff) beweist Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit – schließlich lässt sich Thomas doch auf eine weitere Probe des Stücks ein.

Die unterschiedlichen Rezeptionsmöglichkeiten schlagen die Schauspieler selbst vor – Wanda geht davon aus, für einen „Sado-Maso-Porno“ vorzusprechen, während Regisseur Thomas das Stück zunächst als Liebesgeschichte bezeichnet – beides ist wahr. Im Verlauf der Probe verändern sich die Machtverhältnisse. Ist Regisseur Thomas zu Beginn noch barsch und ablehnend, während sie um eine Chance für ein Vorsprechen bettelt, übernimmt sie zunehmend die Macht. Sie gewinnt an Souveränität und Dominanz, er ergibt sich lustvoll in Submission.

Die häufigen Wechsel zwischen der „realen“ Situation des Vorsprechens und den verkörperten Protagonisten lassen die Grenzen verschwimmen. Die Doppelrollen verschmelzen, die Verwandlung der Charaktere findet auf mehreren Ebenen statt. Durch ihr intensives Spiel, unterstützt durch die Intimität des Pädagogtheaters, ziehen die beiden Schauspieler das Publikum in ihren Bann.

Und es gibt noch eine aufschlussreiche dritte Beziehungsebene zwischen den beiden Akteuren: Im „echten“ Leben war Harald Preis der Lehrmeister, der Stephanie Wolff im Schauspiel ausbildete. Sie entschied sich erst vor wenigen Jahren und aus einem Beruf ohne jeden Kulturbezug, ihrer Leidenschaft für das Theater nachzugehen und die umfangreiche Ausbildung zu durchlaufen. In ihrem Spiel zeigt sich, dass sie damit ihrer Berufung gefolgt ist. Sie wechselt mühelos zwischen der Rolle der Wanda im Casting und der Wanda im Karpatenbad hin und her und hat eine beeindruckende Präsenz auf der Bühne. Harald Preis überzeugt in seiner Doppelrolle als Thomas und Severin, indem er die innere Zerrissenheit seiner Figuren aufgrund verbotener Lust und heimlicher Sehnsüchte zum Ausdruck bringt.

Wem „Shades of Grey“ zu seicht und massentauglich war, dem könnte diese Heranführung ans Thema gefallen. Schon im Programmheft ist zu Recht ein ähnlicher Hinweis zu finden.

Anna Hinrichsen

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