Da Capo – ein rasanter „Cult“

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Wie alle Betreiber von Varietés steht auch James Jungeli unter dem Druck, seinem verwöhnten Publikum jedes Jahr etwas völlig Neues und „nie Gesehenen“ zu bieten. Das stößt natürlich auf die Grenzen des menschlichen Körpers, dessen Leistung man auch bei bestem Willen nicht beliebig steigern kann. Irgendwann setzen sich doch die Gesetze der Physik durch. Umso erstaunlicher ist es, dass James Jungeli jedes Jahr das Kunststück gelingt, durch geschickte Arrangements den Eindruck einer stetigen Steigerung zu erwecken.

Das Gesangspaar Lutz Thase und Karina Klüber

In diesem Jahr lautet das Motto der Veranstaltung „Cult“, das man durchaus selbstreferentiell in dem Sinne deuten könnte, dass James Jungelis „Da Capo“ in Darmstadt längst zu einem Kult avanciert ist. Pünktlich zum 1. Advent pilgern die Darmstädter wieder zum Karolinenplatz, um den Nervenkitzel der Akrobatik in den luftigen Höhen des Zeltes zu genießen.

Die Premiere begann dank der üblichen Anlaufschwierigkeiten der Gastronomie etwas verspätet, dann aber gleich mit vollem Einsatz. Eine rundum erneuerte Sound-Anlage sorgt für eine intensive und doch präzise Beschalluung, und sowohl das warme Wetter als auch die kräftige Heizung stellten sicher, dass sich an diesem Abend niemand eine Erkältung zuzog. Eher entledigte man sich der Jacke.

Der sprachlose Komiker Jean Filion

Den Moderator der Show könnte man auch als rhetorisches Maschinengewehr bezeichnen. Erasmus Steins frecher und mit vielen Anspielungen durchsetzter Redeschwall bringt das Publikum schnell auf Betriebstemperatur, und ehe die junge Frau im Publikum es bemerkt, ist sie schon zur Komparsin im Spiel des Conferenciers geworden. Sein komödiantisches Pendant ist – logischerweise – ein sprachloser Artist im grauen Anzug, der gekonnt den hilflosen und stets scheiternden Clown spielt. Mit wenigen Lauten buhlt Jean Filion um die Sympathie des Publikums, doch seine Kunststücke scheitern – natürlich gezielt – auf komischste Weise. Dennoch beginnt er jedes Mal von neuem, und dann und wann gelingen ihm tatsächlich überraschende Kunststücke, die das Fiktionale des Scheiterns beweisen.

Die ersten Artisten stürmen die Bühne zu ausgesprochen rhythmischer Musik, die von einer Damenband präsentiert wird. Die bunt gekleidete Geigerin (Olena De Silva) und ihre Punkschwester an der Rockgitarre (Yuliia Korolova)sind durchaus keine musikalische Attrappen, wie man aus größerer Nähe selbst feststellen kann. Diese Band liefert Musik und Tanz als Gemeinschaftswerk und gestaltet den Abend wie ein Volksfest oder  – eben! – wie einen Kult. Der Rhythmus und die rockigen Tänze erinnern fast an Strawinskys „Sacre du Printemps“, wenn auch die Musik etwas varieté-kompatibler ist.

Bei der Akrobatik am Tuch beeindruckt Oksana Bereziuk vor allem mit dem freihändigen Spagat hoch unter dem Zeltdach. und die drei Matrosen Serhii Zelenskyi, Mykola Malikov und Anton Ostupok zeigen auf dem Trampolin, wie hoch die Wogen das Schiff und seine Mannschaft schleudern kann.

Die kunstvolle Figuren des „Trio Cappuccino“

Auch für die etwas besinnlicheren Emotionen ist gesorgt. Musical-Darsteller Lutz Thase tritt zusammen mit seiner Kollegin Karina Klüber zwischen den akrobatischen Vorführungen in einer rührenden Geschichte um einen privat gescheiterten Lichttechniker auf. Er muss einen angeblichen Beleuchtungsfehler beheben und trifft dabei auf die junge Frau, die bei ihm „Erste Lebenshilfe“ leistet, ihn wieder aufrichtet und ihm am Schluss in die Arme fällt. Im Duett singen die beiden über die Wechselfälle des Lebens.

Doch ehe es zu rührselig wird, mischt eine fetzige „Hula-Hoop“-Truppe unter  Myroslava Rozhko das Zelt auf, und anschließend bringt unser sprachloser Komiker Jean Filion das Publikum durch ausgefallene Jongleurkunststücke zum Lachen. Geschickt verbindet er das clowneske Scheitern mit kurz aufleuchtenden Beweisen seines Könnens. Das ist ja die stille „Tragik“ aller Clowns, dass es immer schiefgehen muss…..

Der Balance-Künstler Dmytro Fomenko

Die Bodenakrobatik des anschließend auftretenden Paares grenzt mit ihren fließenden Bewegungen an modernes Tanztheater, ohne dass darunter der artistische Aspekt leidet, und die beiden Kraftsportler am Hochseil strotzen nicht nur vor Muskulatur, sondern scheinen mit ihren waagerechten Figuren am Seil die Gesetze der Schwerkraft zu widerlegen. Der Durchschnittsbürger wehrt sich buchstäblich gegen die Erkenntnis, dass solche sportlichen Kunststücke überhaupt möglich sind, muss sie aber sehenden Auges akzeptieren.

Auch die Akrobatik der Damengruppe „Trio Cappucchino“ (Hanna Patchenko, Kateryna Temnokhud und Sandra Veronika Uedraoho) lässt sich sehen, und das nicht nur wegen der farbigen Kostüme und der gertenschlanken Körper. Sie zaubern eine Kunstfigur nach der anderen auf das ringsum angestrahlte Rund der Manege. Ähnliches gilt für Diana Bondarenko und  Alla Chebanova am Trapez, die scheinbar schwerelos zu agieren scheinen und sich zu hoch über dem Boden in den schwierigsten Figuren umeinander, übereinander und nebeneinander winden.

Diana Bondarenko und  Alla Chebanova am Trapez

Angesichts dieses Feuerwerks an artistischen Schwierigkeiten kommen die beiden Komödianten als Entspannungsübung mehr als gelegen. Schließlich muss man die angehaltene Luft auch wieder einmal ablassen, und das kann man am besten beim Lachen. Das bleibt dann jedoch wieder im Halse stecken, wenn man den Balanceakt von Dmytro Fomenko auf übereinander gestapelten Rollen verfolgt. Die einzelnen Rollen sind um 90 Grad versetzt, so dass der Artist die Bewegungen in allen vier Richtungen – vor und zurück, links und rechts – ausgleichen muss. Wieder hält man die Luft an, bis er schließlich triumphierend von der wackligen Säule springt.

Das Ganze wird permanent von dem pulsierenden, raumfüllenden Musik der Live-Band begleitet, die sich bei ihrem Spiel im Publikum verteilt – zumindest die Geigerin und die Rock-Gitarristin – und damit den Live-Charakter bestätigt.

Mit „Cult“ hat James Jungeli auch in diesem Jahr wieder ein zugkräftiges und keine Sekunde langweiliges Programm auf die Beine gestellt, dass den Eintrittspreis mehr als rechtfertigt.

Frank Raudszus

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