Narzisstinnen und Goldmund

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Dass Macht und Bedeutung auf Dauer auch die ausgeglichenste Psyche beschädigen, weiß man seit der Antike – Cäsar und Cleopatra lassen grüßen. Theresia Walser veranschaulicht diese Deformation in ihrem Einakter „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ anhand dreier herausragender Frauenfiguren des letzten Jahrhunderts, alle drei Ehefrauen mehr als zweifelhafter Herrscher: Imelda Marcos (Philippinen), Leila Ben Ali (Tunesien) und Margot Honecker (DDR). Theresia Walser nennt sie zwar nur bei ihren Vornamen, doch die Identitäten sind von Anfang an eindeutig.

Regisseurin Caro Thum hat dieses Stück mit knapper Bühnenausstattung um vier Personen herum inszeniert. Eine dreiteilige Sitzgarnitur im Vordergrund, eine Übersetzerkabine im Hintergrund und ein Mikrophon reichen als Ausstattung. Leila kommt im modischen Kostüm, Imelda mit voluminösem Glitzerkleid sowie turmhoher Frisur und Nicole Kersten im sozialistisch-grauen Hosenanzug.

v.l.n.r.: Gabriele Drechsel(Leila), Karin Klaein (Imelda) und Nicole Kersten (Margot)

Die drei werden zu einer Pressekonferenz eingeladen, deren Anlass und Thema nicht näher erläutert werden, da es nur um die Vorbereitung auf diese Veranstaltung geht. Von Beginn an betrachtet jede der drei Frauen die jeweils anderen beiden als vollkommen überflüssig, ja sogar störend, da es im Grunde nur um ihre jeweils eigene Rehabilitierung geht. Denn jede von ihnen fühlt sich vom sogenannten Volk wahlweise missverstanden, denunziert und verfolgt. Jede hat ihr Volk – angeblich – geliebt und den ihnen zustehenden Platz in der Gesellschaft zu Recht eingenommen. Dagegen sind die anderen beiden Frauen entweder – je nach Blickwinkel – dümmlich-dekadent oder spießig und stören die eigene Re-Inthronisierung.

Der Grad des Realitätsverlustes – lange nach dem Verlust der realen Macht – zeigt sich daran, dass Imelda (Karin Klein) Blumen und winkendes Volk vermisst, Leila (Gabriele Drechsel) aus den – statt einer jubelnden Menge! – hundert Journalisten flugs „hunderte“ macht, und Margot (Nicole Kersten) als überzeugte Sozialistin jegliche Kommunikation mit den anderen beiden ablehnt. Darüber hinaus veranschaulicht Walser den asozialen Charakter Margot Honeckers mit einer scheinbaren Kleinigkeit. Sie trinkt zu Beginn unablässig Kaffee und überlässt dem deutlich nach Kaffee verlangenden Gottfried eine leere Kanne. Diese Szene ist so konsequent gespielt, dass man als Zuschauer geradezu Aggressionen gegen Nicole Kerstens Margot entwickelt.

Würde man diese drei narzisstisch schwer gekränkten Frauen auf einer Bühne zusammenpferchen, wäre die kritische Masse in kürzester Zeit erreicht und dramaturgisch zu früh zu einer Explosion führen. Daher hat Theresia Walser einen „Bremsstab“ eingeführt, mit dem sie die dramatische Entwicklung beliebig steuern kann. Er heißt Gottfried (Matthias Znidarec) – nahe genug an „Goldmund“ – und dient als Dolmetscher, denn Leila und Imelda sprechen als weltläufige Kosmopolitinnen natürlich Englisch aber kein Deutsch, und Margot beherrscht nur letzteres. Der Zuschauer muss sich diese sprachliche Situation allerdings denken, denn die Bühnensprache ist ausschließlich Deutsch, was groteskerweise dazu führt, dass Gottfried stets von Deutsch in Deutsch übersetzt. Doch daran gewöhnt man sich erstaunlich schnell bis auf die Momente, in denen Gottfried eigene Befindlichkeiten mit seinen Übersetzungen vermengt.

v.l.n.r.: Mathias Znidarec (Gottfried), Gabriele Drechsel und Karin Klein

Anfangs glättet Gottfried lediglich Leilas und Imeldas hochmütige Sottisen gegenüber Margot und deren eigenen Ausfälle den beiden gegenüber. Da sich Leila und Imelda jedoch gegenseitig verstehen und nur mehr oder minder gehässige Spitzen gegeneinander austeilen können, entdecken sie die nichts verstehende Margot schnell als Blitzableiter für ihre eigenen Frustrationen. Diese hat keine Komplizin und befindet sich daher von Beginn an in der Defensive – wie beim Mobbing im Klassenzimmer. Sie reagiert auf diese Situation mit gesteigerter Aggression gegen die ganze Welt und speziell gegen die anderen Frauen und hebt sich diesen gegenüber durch politische Selbstüberhöhung ab. Gottfried gewinnt mit zunehmender Dauer der Diskussionen Gefallen an seiner eigenen Macht und verdreht die Aussagen der Kontrahentinnen nicht mehr nur im Sinne einer Deeskalierung, sondern gezielt durch sich langsam steigernde Verdrehungen, die letztlich den Charakter der hinter der jeweiligen Aussage stehenden Frau entlarven. Während alle drei Frauen den schönen Zeiten der Macht und Bedeutung nachtrauern, sie mit allen Fasern ihrer Körper zurücksehnen und sich die eigene Rolle schön reden, bringt Gottfried Stück für Stück ihr wahres Wesen auf den Punkt.

Stärke und Schwäche des Stücks gleichzeitig ist das Fehlen einer dramatischen Entwicklung. Die drei Frauen wiederholen sich in ihren Selbstbeweihräucherungen, den Verklärungen ihrer eigenen Vergangenheit und den Herabsetzungen der anderen beiden Frauen. Diese dramaturgischen Kreisfahrten bilden zwar metaphorisch das permanente Kreisen um sich selbst der Frauen treffend ab, führen jedoch auch zu einem gewissen Stillstand. Den überbrückt Theresia Walser zwar mit Gottfrieds kreativen Übersetzungen, die bisweilen auch einmal die Grenze zum Kalauer streifen, kann damit jedoch nur eine gewisse Auflockerung des rasenden Stillstands erreichen. Denn Gottfrieds eigentliche Rolle bleibt unklar. Als ehemaliger DDR-Zögling scheint er eigene Erfahrungen mit Margot gemacht zu haben; es bleibt jedoch offen, ob er ihr gegenüber Unterwürfigkeit, Ratlosigkeit oder gar Rachegefühle empfindet. Eine gewisse Hilflosigkeit vor allem Margot gegenüber ist nicht zu übersehen, die man auch als traumatische Erfahrung deuten könnte.

v.l.n.r.: Gabriele Drechsel, Karin Klein und Nicole Kersten

Natürlich entgeht es auf die Dauer selbst diesen egozentrischen Frauen nicht – vor allem Imelda -, dass Gottfried ihre jeweiligen Bemerkungen auf ganz eigene Weise übersetzt, und dafür rächen sie sich dann auch handfest. Zu diesem Zeitpunkt ist die Situation jedoch verbal bereits soweit eskaliert, dass aus dem Dreieck der Gemeinheit längst ein Viereck geworden ist, aus dem sich Gottfried nicht mehr lösen kann. So singt er denn auch öffentlich die „Internationale“, allerdings erst nach Margot und im Gegensatz zu ihr mit einem ironischen Unterton. Doch Theresia Walser erlaubt Gottfried nicht, zum Regisseur der Auseinandersetzung zwischen den drei Frauen zu werden. Er zieht keine Strippen, sondern verfängt sich selbst in diesen und wird in gewissem Sinne zum Spielball. Das dürfte auch dramaturgische Gründe haben, denn Theresia Walser ist bekannt dafür, Stücke mit starken Frauenrollen zu schreiben; da wäre eine dramaturgisch führende Männerrolle unpassend.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Gottfried eine vernachlässigbare Nebenfigur ist. Eher changiert diese  Rolle zwischen verschiedenen Befindlichkeiten: vom diensteifrigen Übersetzer über den schwadronierenden Anbiederer bis zum seiner eigenen Macht fast schreckhaft bewussten Intriganten. Matthias Znidarec gelingt es meisterhaft, diese Janusköpfigkeit glaubwürdig wiederzugeben, ohne den drei Hauptdarstellerinnen deswegen die „Show zu stehlen“. Gabriele Drechsel, Nicole Kersten und Karin Klein können sich an der Bühnenrampe nach allen Regeln der Bühnenkunst austoben und tun dies mit ausgesprochener Spielfreude. Gabriele Drechsel spielt das hübsche Weibchen, das den Genuss und den Glamour des tunesischen „Hofes“ liebte, gegenüber der dominanten Imelda jedoch eigensinnig-verzweifelt ihr Literaturstudium und die Zulassung zu Harvard betont. Doch zusammen mit Karin Klein kann sie auch die ganze Gehässigkeit einer verachteten Dritten gegenüber zum Ausdruck bringen. Karin Klein dagegen spielt mit weiten Gesten die „Grande Dame“, die stets zu Recht im Mittelpunkt der Welt stand und die von einer Oper über ihr Leben träumt. Mit wohl dosierten verächtlichen Gesten und knappen Bemerkungen kommentiert ihre Imelda Leilas „naive“ Selbstdarstellungen und stellt von vornherein klar, dass ihr, Imelda, der erste Rang in der Riege der drei Frauen zusteht. Nicole Kersten spielt Margot dagegen vom ersten Augenblick an als „Ungelittene“, die folgerichtig die Verhältnisse umdreht und die gesamte (kapitalistische) Welt als „ungelitten“ definiert. Das führt zwangsläufig zu einer Daueraggression, die sich in versteinerter Miene und kategorischen Feststellungen aus der Höhe der absoluten Wahrheit niederschlägt. Nicole Kersten spielt diese schwierige Rolle einer im sozialistischen Fundamentalismus versteinerten Frau mit überzeugender Eindringlichkeit. Am Schluss liefert sie auch noch die Pointe des Stücks, die wir hier jedoch nicht verraten wollen.

Das Pubikum war begeistert und spendete lang anhaltenden Beifall.

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