Paul Kirchhof: „Beherzte Freiheit“

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Um es gleich es vorab klarzustellen: bei dem Autor dieses Buches handelt es sich nicht um den Schriftsteller Bodo Kirchhoff, sondern um den ehemaligen Richter des Bundesverfassungsgerichtes und Professors Paul Kirchhof. Diese Klarstellung wird manchem trivial erscheinen, doch da beide Autoren in der Öffentlichkeit eine gewisse Prominenz genießen, sind Verwechslungen durchaus möglich und wahrscheinlich. Paul Kirchhof hatte vor eineinhalb Jahrzehnten Angela Merkel mit einem einfachen Steuerkonzept im Wahlkampf unterstützt, wurde jedoch vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder verächtlich als „der Professor aus Heidelberg“ denunziert, worauf Angela Merkel das durchaus revolutionäre Konzept aufgab.

Nach Emeritierung und Pensionierung hat sich Paul Kirchhof der politisch-aufklärerischen Literatur verschrieben. Er sieht in diesem Buch offensichtlich seine Aufgabe, der Gesellschaft einen verantwortungsvollen und selbstbestimmten Umgang mit der Freiheit beizubringen. Die pädagogische Absicht ist dabei unübersehbar und entwickelt dabei über weite Strecken paternalistische Züge.

Kirchhof holt weit aus und bemüht die gesamte abendländische Philosophie und – eingeschränkt – auch die Religion. Er beginnt mit dem befreienden Aspekt der Freiheit – Freiheit von Fremdherrschaft.  Bereits im ersten Kapitel definiert er den Staat als Garant, aber auch als Gegner der individuellen Freiheit. Dabei vermeidet er offene Kritik an konkreten Verhältnissen oder gar Missständen, sondern mahnt in solchen Fällen eher andeutend denn anklagend Änderungen an. Bei der Freiheit innerhalb der Staatsgrenzen verweist er jedoch auf ein grundsätzliches Problem bei „offenen Grenzen“, wie sie gerade diskutiert und teilweise gefordert werden: Freiheit bedeutet auch Sicherheit, zum Beispiel bei einem Flüchtling vor weiterer Verfolgung. Im Falle offener Grenzen kann jedoch der Verfolger dem Flüchtling unbehindert folgen und gefährdet dadurch dessen Sicherheit. Diese fast in Nebensatzform geäußerte Feststellung enthält natürlich einigen Sprengstoff, den Kirchhof jedoch nicht zündet.

Ähnliches gilt für die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft. Lakonisch weist Kirchhof den Anspruch auf absolute Freiheit in diesen beiden Bereichen zurück und verlangt vor der Erhebung dieses Anspruchs die Vorlage konkreter Konzepte. Auch dieses Thema ist ein heißes Eisen, das er jedoch ebenfalls nicht weiter ausführt. 

In diesem Stil geht es weiter. In einem ausführlichen Kapitel handelt er die Freiheitsidee im Verfassungsstaat ab, beginnt dabei mit den Epikureern und Stoikern der Antike, nimmt die Idee – nach dem dunklen Mittelalter – in der frühen Neuzeit wieder auf und schließt den Diskurs im heutigen deutschen Rechtsstaat ab. Dabei wird seine staatstragende Grundhaltung deutlich – bei einem ehemaligen Bundesrichter naheliegend.

Doch auch das Ertragen der Ungewissheit schreibt er seinen Mitbürgern ins Stammbuch. Die verfassungsmäßige Freiheit garantiert kein ewiges Wohlergehen, sondern stellt lediglich die Rahmenbedingungen – soweit politisch und wirtschaftlich möglich – zur Verfügung. Das Trio „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution wird bei ihm – wie auch in Frankreich – zu „Freiheit, Gleichheit, Sicherheit“, da man Brüderlichkeit weder definieren noch verordnen kann. Die Gleichheit beschränkt er eindeutig auf die Chancengleichheit und erteilt der faktischen materiellen Gleichheit eine deutliche Absage. Für ihn ist eine „Gleichheit“ nur durch Unterscheidungen möglich.

Auch mit den Naturgesetzen setzt sich Kirchhof auseinander. So lehnt er das von dem US-Wissenschaftler Libet empirisch belegte Phänomen begrenzter menschlicher Entscheidungskraft aufgrund automatischer körperlicher Entscheidungen aus einer idealistischen Perspektive ab, ähnlich einer Reihe von Theologen und Philosophen, schafft mit diesem Willensakt aber die Tatsache nicht aus der Welt. Hier erinnert er unbewusst an Morgensterns ironischen Vers „…weil nicht sein kann, was nicht sein darf“. Mit seinen Ausführungen zum Naturrecht landet er schließlich beim Volksentscheid, dem er als Vertreter einer repräsentativen Demokratie zumindest skeptisch gegenüber steht.

In einem längerem Exkurs über die Kultur als Feld elementarer Freiheitserfahrung beschwört er die Wurzeln des bürgerlichen „Schönen, Guten und Wahren“, um von dort über die Befreiung des modernen Menschen von der „banausischen“ Arbeit zur janusköpfigen Lebensvereinfachung durch den PC (Computer!) zu kommen. Überzogene Schönheitsideale und Überlegungen zu „Schein und Sein“ schließen ein Kapitel ab, das zwar nichts faktisch Falsches behauptet, aber sich fast schon in Altherrenweisheit über Ästhetik und künstlerische Ideale auslässt. Eine kritische Analyse dieser komplexen Themen lässt sich nicht in einer(!) Seite unterbringen, und so bleibt es bei der Kurzform des bürgerlichen Bildungsglaubenssatzes.

Über die „Qualifizierung“ des Menschen für die Freiheit – hier diskutiert er Begriffe wie Verantwortung, Wettbewerb und Egozentrik – kommt er zum Forscherdrang, dem er am liebsten eine freiwillige Beschränkung auferlegen würde. Auch hier gilt, dass er das äußerst komplexe Thema der Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung – Stichworte „Kernspaltung“ und „Gentechnik“ – nicht inhaltlich am Gegenstand diskutiert, sondern mit einer paternalistisch-pädagogischen Mahnung in wenigen Zeilen abhandelt. Dieses Verfahren zieht sich durch das ganze Buch. Kirchhof breitet sein gesamtes philosophisches und vor allem ethisch-normatives Wissen aus, das er in intensiver Lektüre erworben hat. Dabei entwickelt er jedoch keine neuen Perspektiven oder Ansichten, sondern wiederholt nur die – mehr oder minder – bewährten Ansichten seiner Vorbilder. Der Duktus seiner Ausführungen ist dabei von einer paternalistischen Art, die ein wenig an einen Lehrer vor einer Grundschulklasse oder – freundlicher ausgedrückt – an einen emeritierten Professor vor Seniorenstudenten der Philosophie erinnert. Bildungsvermittlung rangiert vor kritischem Denken, und das Bestehende ist zu wertvoll, als dass man es hinterfragen sollte. Dabei spricht Kirchhof aus einem offensichtlich vollen Herzen, das mit jeder Faser hinter dem Gesagten steht. Nur ist dies nicht unbedingt originell, sondern erinnert eher an einen Lebensratgeber für Gebildete.

Kirchhofs Stil unterstützt diese inhaltliche „Lehrtätigkeit“. So belegt er jede Aussage mit einer Reihe von Beispielen, als traue er seinen Lesern das Verständnis der Aussage nicht zu. Ein Beispiel aus dem letzten Kapitel, das sich mit den „Freiheitsräumen einer technisch veränderten Welt“ beschäftigt: „Der Mensch lebt aus seinen Erfahrungen, verallgemeinert die darin enthaltenen Lebensklugheiten, entwickelt sie zu Handlungsanweisungen, um die vor ihm liegende Zukunft nach diesen Regeln zu bewältigen“. Das ist eindeutig und unmittelbar nachvollziehbar. Doch dann erläutert er diese Aussage wie folgt: „Die Erfahrungen des Kochs führen zu Kochrezepten, die er an andere weitergibt. Die Praxis des Arztes entwickelt Heilempfehlungen, die er in Zukunft stetig anwendet und dadurch Krankheiten heilt. Der Kaufmann formuliert nach seiner Praxis einen Vertragstypus, er einen angemessenen Interessenausgleich zwischen Verkäufer und Käufer in seiner Branche und für sein Produkt gewährleistet. legt diesen Vertrag in Zukunft seinen Geschäften zugrunde.“ Und das ist nicht das Ende der beispielhaften Unterfütterung einer leicht verständlichen Feststellung.

Diese Art von Redundanz durchzieht das gesamte Buch. Dahinter steht die wohlmeinende Absicht, auch Lesern mit einem geringerem Wissens- und Bildungshintergrund die Ausführungen des Autors nahe zu bringen. Die pädagogische Absicht ist unübersehbar und im Prinzip auch zu begrüßen, doch an vielen Stellen übertreibt Kirchhof es damit. Die bittere Ironie dürfte dabei sein, dass diejenigen, die er damit ansprechen will, das Buch wahrscheinlich kaum lesen, die tatsächlichen Leser sich jedoch bei der Lektüre leicht genervt fühlen.

Man muss dem Autor ehrenhafte Absichten zugute halten, und sein breites Wissen kommt ohne jegliche intellektuelle Eitelkeit zur Geltung. Doch eine etwas dichtere Schreibweise sowie der Verzicht auf thematische Überlappungen hätten dem Buch sicher gut getan.

Das Buch ist im Herder-Verlag erschienen, umfasst einschließlich Anmerkungsteil und Register 367 Seiten und kostet 26 Euro.

Frank Raudszus

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