Vive la musique francaise!

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Bei der Festlegung des Programms für das 3. Sinfoniekonzert konnte man natürlich die politische Entwicklung in Europa nicht voraussehen, aber heute wirkt dieses Konzert wie eine aufmunternde Reverenz an die  französische Kultur und den schwer gebeutelten Präsidenten. Außerdem wollte man dem noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Vorurteil der Deutschen gegenüber der „welschen“ – vermeintlich oberflächlichen – Musik die musikalische Realität entgegensetzen.

Noch einmal die Klavier spielenden Brüder Arthur und Lucas Jussen

Darüber hinaus hatte man dieses Sinfoniekonzert eng mit dem Kammerkonzert zwei Tage vorher verzahnt. Von Maurice Ravel erklang nun die Komposition „Ma mère l´Oye“ in ihrer orchestralen Form – ein reizvoller Vergleich für alle, die die Version für vierhändiges Klavier noch im Kopf hatten. Darüber hinaus traten im Solokonzert eben die beiden Brüder Jussen auf, die das Kammerkonzert ganz alleine gestaltet hatten. Ein wenig erinnert diese Konstellation an die Einrichtung des „artist in residence“ – wenn auch nur für ein verlängertes Wochenende.

Ravels „Ma mère l´Oye“ entwickelt in der Orchesterversion natürlich ganz andere Klangfarben als auf zwei Klavieren. Der neue GMD Daniel Cohen arbeitet von vornherein die Vogelstimmen mit Flöten und Oboen heraus, lässt den kleinen Däumling quirlig umher tanzen und den bösen Oger in den Bässen drohen. Die „Schöne“ erscheint in hellen Klängen und einem kurzen Solo der Ersten Violine, das „Biest“ wieder in den tiefen Lagen. Der „Feenwald“ schließlich beginnt verwunschen, silbrig flirrend, um dann in einem breiten Rausch zu enden. Das Orchester entwickelte dabei ein breite Palette von Klangfarben und verästelten Intensitäten. Dabei wurde die Stellung Ravels zwischen Spätromantik und beginnender Moderne deutlich.

Henri Dutilleux´ „The Shadows of Time. Cinq épisodes pour orchestre“ aus dem Jahr 1997 ist eine düstere Bestandsaufnahme des 20. Jahrhunderts, wie schon der Titel andeutet. Ein tickender Rhythmus aus dem Schlagwerk symbolisiert die gnadenlos verstreichende Zeit. Dazu bewegen sich die Blechbläser am Rande der Tonalität. Der „Ariel maléfique“ – der böse Wind – pfeift in schrillen Böen durch die Streicher und Bläser und lässt sich ebenfalls historisch-politisch deuten. Im „Interlude“, dem mittleren von fünf Sätzen, singen drei junge Mädchen die refrainartig wiederkehrenden Texte „la, la, la“ – als Symbol des Gesangs an sich – und „pourquoi nous? Pourqui l´étoile?“, eine deutliche Mahnung an den „Judenstern“. Die „Vagues de lumière“ im vierten Satz senden eine strahlend helle Welle in hoher Intensität in den Saal, während das „Dominante bleu“ des fünften Satzes mit unterkühlter Trauer beginnt, dann zu einem expressiven Ausbruch anschwillt und nach einer Generalpause in einem langsamen Ausklang endet. Diese Komposition zeigt für ihr Entstehungsjahr (1997) erstaunlich tonale und strukturelle Konsistenz und würde durchaus auch ins frühe 20. Jahrhundert passen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Musik aus der Zeit gefallen ist. Sie zeigt eine intensive Präsenz und vermittelt ihre Botschaften sowohl mit harmonischen als auch mit klanglichen Mitteln auf überzeugende Weise. Das Orchester zeigte hier ein hohes Maß an Konzentration und Präzision vor allem bei den rhythmisch schwierigen Stellen – und derer gibt es viele.

Nach der Pause traten Arthur und Lucas Jussen an zwei Klavieren mit Francis Poulencs „Konzert für zwei Klaviere in d-Moll“ auf. Der erste Satz beginnt ohne Orchestervorspiel mit einem Feuerwerk der Klaviere, bei dem sich schnelle Läufe und Akkordketten abwechseln. Straffe, abwärts führende Motive und ein forciertes Marschtempo prägen diesen Satz. Die langsame Passage in der Mitte wirkt gegenüber den harmonisch eher harten Eck-Teilen ausgesprochen tonal. Die Brüder Jussen hatten hier bereits alle Möglichkeiten, ihre perfekte Technik und ihr kongeniales Zusammenspiel zu zeigen.

Der Zweite Satz beginnt mit Pizzicati und kurzen instrumentalen Einsätzen, dann folgen nach einer Pause kleine ostinate Figuren in den Klavieren. Nach einer weiteren Pause kommt die Überraschung: es erklingt reiner Mozart, der aus dem langsamen Satz einer seiner Klavierkonzerte stammen könnte. Poulenc – und seine beiden Interpreten folgten ihm dabei – nutzt diese „Rückschau“ zu einem intensiven lyrischen Ausflug in die Klassik, weitgehend unverfälscht durch moderne Harmonien.

Auch der dritte Satz erweist der Musikgeschichte seine Reverenz. Nach akkordischem Beginn und anschließenden kurzen Soli beider Pianisten schreitet die Musik in langen Akkordketten zur vorletzten Jahrhundertwende zurück und entwickelt dabei spätromantische Züge, die ein wenig an Brahms erinnern. Poulenc hat diese musikalische Rückschau mit dem Bild des „Rückspiegels“ veranschaulicht, in dem man beim Fahren immer die musikalischen Vorfahren sehe.

Die Brüder Jussen zeigten in diesem kurzen, aber vertrackten und schwierigen Stück nicht nur ihr technisches Können, sondern vor allem wieder eine sehr feine Abstimmung, die mit wenig Blickkontakt fast telepathisch erfolgt. 

Den Schluss des Konzerts bildete Claude Debussys „La mer“, die klangliche Imagination des Meeres. Im Gegensatz zu programmatischer Musik wie Smetanas“ „Die Moldau“ versucht diese Musik gar nicht erst, die natürlichen Geräusche und Bewegungen des Meeres nachzuahmen, sondern spürt dem Wesen des Meeres nach. Im ersten Satz steigen die Töne buchstäblich zart aus dem morgendlich Meer der Stille und steigern sich dann bis zum Mittag zu strahlender Präsenz. Im zweiten Satz gibt Debussy das „Spiel der Wellen“ durch eine kreative und spannungsgeladene  Unruhe in den einzelnen Instrumentalgruppen wieder. Man spürt förmlich, wie die Wellen gegeneinander laufen und der wechselnde Wind sie mal hierin, mal dorthin treibt. Im letzten Satz steigert sich die Wucht der Naturkräfte. Der Klang steigt aus der Tiefe empor, die Hörner übernehmen die Führung und bilden das Wüten des Windes nach. Zwischenzeitlich beruhigt sich das musikalisch wilde Spiel von Wind und Wellen und wird kurzzeitig zur „Meeresstille (und glücklicher Fahrt)“ und steigert sich dann wieder bis zum rauschenden Abschlussakkord.

Der neue GMD Daniel Cohen achtet mit ausgeprägter Detailtreue auf die Phrasierungen und dynamischen Entwicklungen. Der Rezensent, der die Generalprobe besuchte, konnte dies an den vielen Wiederholungen und Korrekturen ablesen. Bei jedem der vier Stücke sah Cohen nach dem Durchspielen Verbesserungsmöglichkeiten, die er dem Orchester mit intensiven Gesten erläuterte und die dieses mit hoher Aufmerksamkeit umsetzte.

Frank Raudszus

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