Der Körper als Gefängnis

Print Friendly

Maura Morales war zwei Jahre lang Mitglied des Darmstädter Tanztheaters. Mittlerweile ist sie zur – selbst tanzenden – Choreographin avanciert und hat die „Cooperativa Maura Morales“ gegründet, mit der sie tänzerische Gastspiele an verschiedenen Orten gibt. In diesem Rahmen ist sie mit ihrer Choreographie „Exceso de la nada“ („Überfluss des Nichts“) für zwei Aufführungen an das Staatstheater Darmstadt zurückgekehrt.

Maura Morales vor einem Video

Die Bühnenausstattung der Kammerspiel ist denkbar einfach: ein einsamer Blecheimer steht vorne rechts, drei schräge Wellblechplatten hängen von der Decke und deuten primitive Behausungen an. Im Hintergrund steht ein hölzerner Schaukelstuhl zwischen zwei raumhohen weißen Vorhängen.

Das Programmheft gibt die Linie der Choreographie vor: die deutsche Übersetzung des zu Beginn aus dem Off vorgetragenen Textes weisen unmissverständlich auf die desolaten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Cuba hin. Die von Linken gerne autosuggestiv beschworene Besserung der Verhältnisse verweist Morales mit klaren Worten ins Reich der Legende.

Zu dem spanischen Text fallen einzelne Wassertropfen von dem Wellblechdach in den von einem einzelnen Licht angestrahlten Eimer und signalisieren die Trostlosigkeit der Wohnverhältnisse. Dazu erscheinen auf den Vorhängen Videoprojektionen der Brandung, die unaufhörlich den Strand hochläuft. Die bildliche Metapher der vom Meer umgebenen Insel ist eindeutig und enthält dabei ein ironisches Zitat der Tourismuswerbung. Eine ähnliche metaphorische Wirkung entwickelt der Schaukelstuhl, in dem sich Maura Morales, langsam aus dem dunklen Hintergrund auftauchend, hinkauert. Auch er ist beliebtes Symbol für ein genügsames Volk, das sich in Gestalt alter Männer gerne mit einem zufriedenen Lächeln in ihm wiegt. Doch – die Verhältnisse, die sind nicht so.

Das zeigt Maura Morales mit ihren verzweifelten Bemühungen, sich aus der Enge des – cubanischen – Schaukelstuhls zu befreien. Ihre Drehungen und Windungen zeigen die Verzweiflung darüber, an diesen Aufenthaltsort gefesselt zu sein. Dazu ertönt anfangs die Geräuschkulisse einer Straßenszene mit spanischen Gesprächsfetzen, später ein rhythmisch unterlegter Gesang, der gar nichts von der Heiterkeit des „Buenavista Social Club“ an sich hat.

Später löst sich Maura Morales und setzt ihre Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt auf der offenen Bühne fort. Dazu wickelt sie sich in den Gazevorhang auf und präsentiert sich dem Publikum gesichtslos, so wie es die einfachen Menschen Cubas durch die gleichmachende und repressive Politik der cubanischen Regierung aus ihrer Sicht längst geworden sind. Zu Videos über Jubelparaden der Regierung übt sie sich im Marschieren, Gehorchen, Jubeln, Grüßen und Schießen.

Langsam steigert sich diese Verzweiflung zu einer ausgeprägten Wut über die physischen wie psychischen Einengungen, die Maura Morales auf ihren Körper projiziert. Sie versucht sich mit immer extremeren Körperverwindungen gegen diese Einengung zu wehren, endet dabei jedoch in erschöpfter Verzweiflung und lässt den Kopf weinend auf die Schulter eines Zuschauers in der ersten Reihe sinken. Kurz glaubt man sogar an einen authentischen Zusammenbruch des Menschen Maura Morales, doch es gehört zu ihrer Choreographie. Sie sucht – ausgerechnet! – Kühlung durch das vom Dach in den Eimer getropften Wassers, baut ihre Widerstandskraft wieder bis zum offenen Aufruhr auf und schreit Parolen über – für? gegen? – Fidel heraus, verkriecht sich zum Schluss jedoch halb nackt und verzweifelt unter dem Schaukelstuhl.

Maura Morales leistet in dieser einstündigen Performance sowohl physisch als auch psychisch Außerordentliches. Von Anfang an wirkt ihre Körpersprache nicht nur authentisch und glaubwürdig, sondern geradezu existenziell. Selten strahlt ein Lächeln über ihr Gesicht, und wenn, dann mit einem bitteren Zug um die Mundwinkel. Als geborene Cubanerin gestattet sie sich keine Kompromisse an das Cuba-Bild gerade in künstlerischen und alternativen Kreisen. Die Menschen dort sind nicht arm aber glücklich, sondern verzweifelt und ohne Hoffnung. Die einzige Geborgenheit vermittelt die Familie, wie Videos von Maura Morales in den Armen ihrer Mutter und im Kreise ihrer engsten Freunde (oder Verwandten?) zeigen.

Das Publikum zeigte sich von dieser Tanz-Performance tief beeindruckt und spendete lang anhaltenden Beifall.

Frank Raudszus

, ,

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar