Kenah Cusanit, Babel

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Im Zentrum des historischen Romans „Babel“ von Kenah Cusanit steht die Figur des Architekten Robert Koldewey, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das antike Babylon mit Ishtar-Tor, Prozessionsstraße und dem Fundament des Turms ausgegraben hat.


Kenah Cusanit folgt Robert Koldewey im Jahre 1913 auf die Ausgrabungsstätte von Babylon, wo er als Grabungsleiter ein Team von Archäologen und einheimischen Grabungshelfern unter sich hat.


Cusanit versetzt sich in die Figur Koldewey und verfolgt seinen Blick auf die Arbeit vor Ort. Ihr geht es um die Darstellung eines Menschen, der angetrieben ist von einer Vision, weniger von wissenschaftlich akribischem Forscherdrang. Bei seiner ersten Forschungsreise an den Euphrat nimmt er die merkwürdigen Hügel wahr, die andere als bloße geographische Erscheinungsformen deuten. Koldewey aber, der über die Geschichte Babylons gelesen hat, ahnt, dass die Hügel das Geheimnis bergen, das es zu lüften gilt. Hier vermutet er gegen alle bisherigen Annahmen die Reste des Turms von Babylon. Und er wird sie finden: Der Turm war nicht rund, sondern eckig, bauliche Veränderungen, Abtragung und Neuerrichtung haben zu architektonisch ganz anderen Formen geführt, als man sie sich aus der Legendenbildung vorgestellt hatte.


Der Leser begegnet Koldewey im Grabungshaus, in unmittelbarer Nähe des Ruinenfeldes; er ist durch eine Blinddarmreizung außer Gefecht gesetzt, kann sich nicht bewegen. Trotzdem will er von einem Arzt nichts wissen, studiert aber selbst ein medizinisches Handbuch zu seinen Symptomen. Dahinter steckt seine grundsätzliche Skepsis gegenüber Experten und Wissenschaftlern. Sie sind für ihn Faktenhuber, die vor lauter Details das Ganze nicht sehen. Besonders sind ihm die Philologen ein Dorn im Auge. Zwar geben deren Textentschlüsselungen wichtige Hinweise für seine Grabungsarbeit, aber ihnen sind die Tontafeln mit den Inschriften wichtiger als die ganze Ausgrabung. Die Paläste könne man ihrer Meinung nach ganz in der Erde lassen.


Koldewey ist anders, denkt und sieht in Zusammenhängen, anstelle von Fotos macht er Aquarelle von der Gesamtsituation. Dabei versteht er mehr von der Bedeutung der geographischen Erscheinungen, als ein Foto ihm zu bieten hätte. Den Apparat beherrscht er bestens, die Anwendung überlässt er anderen.


Hindernisse kennt er nicht, sie dienen nur dazu, sich über sie hinwegzusetzen. Seine Blinddarmschmerzen halten ihn schließlich nicht davon ab, doch selbst auf das Ruinenfeld zu gehen und dort nach dem Rechten zu sehen, etwa welche Vermessungen die britische Forscherin dort unternimmt. Er vermisst nicht, er sieht. Von den Schmerzen ist keine Rede mehr.


Er versteht es, sich auf die arabische Mentalität einzulassen und erfolgreich mit den Scheichs beim Tee über Grabungsrechte zu verhandeln. Dazu muss man sich in erster Linie Zeit nehmen. Damit ist er auch der britischen und französischen Grabungskonkurrenz voraus.
Ungeduldig ist er mit unselbstständigen, ängstlichen Köpfen wie seinem Assistenten Buddensieg. So einer dient am besten zum Inventarisieren, der innere Antrieb für die große Vision fehlt ihm.


Cusanit verknüpft dieses Bild des besessenen Forschers mit einer hochinteressanten Darstellung der Ausgrabungen sowie der Geschichte Babylons und seiner Herrscher, die sich in mehreren übereinander gelagerten Ruinenschichten erforschen lässt. Wer sich für frühe Geschichte und die Wiederentdeckung ihrer Zeugnisse interessiert, wird hier sehr viel lernen und erfahren.
Die komplizierte und unübersichtliche politische Situation erschwert die Arbeit Koldeweys. Das Grabungsprojekt ist überschattet von der Furcht vor dem Ausbruch des Krieges, der alle Arbeiten stoppen würde und die Frage aufwürfe, wie man vor-her die Funde sichert und abtransportiert. Zudem muss das Wohlwollen des Kaisers, der an dem Prestigeprojekt sehr interessiert ist, aufrecht erhalten werden. Darüber hinaus sind schwierige Verhandlungen mit der türkischen Verwaltung über Rechte an den Funden und deren Aufteilung zu führen. Dabei vergisst Koldewey nicht, dass die einheimischen Grabungsarbeiter die eigentliche Schwerstarbeit leisten. Die Autorin fügt seine Zahltag-Liste mit 202 Namen ein.


Nach den ersten fünf Jahren im Orient kommt Koldewey im Jahre 1909 für ein halbes Jahr nach Berlin zurück, im Wesentlichen, um neue Gelder für sein Projekt zu gewinnen.


Er erlebt ein völlig verändertes Berlin, das in die Moderne aufgebrochen ist und von Kaiser Wilhelms Repräsentationsbedürfnis geprägt ist. Für Koldewey ist Berlin ein modernes Babylon, das ihn mit seinen breiten Ausfallstraßen an die Prozessionsstraße erinnert und dessen Stadtbahnzüge auf den Hochgleisen für ihn aussehen wie die „Streitwagen auf babylonischen Mauern“. Auch die „Möchtegernarchitektur des Historismus“ erinnert ihn an Babylon, nur mit umgekehrten Vorzeichen: „In Babylon verwendete man den Baustoff wieder, in Berlin den Baustil, und je moderner und industrieller produziert der Baustoff war, desto historischer schien man ihn verblenden zu müssen.“


In diesen Überlegungen wird der politisch kritische Koldewey sichtbar, insbesondere aber in seinem Gespräch mit dem Kaiser, in dem er auslotet, wie weit Opposition geduldet wird. In dieser Situation erweist sich Koldewey als gewiefter Taktiker, der seinen Widerspruch nur so weit ausreizt, wie er sein Anliegen nicht gefährdet. Dabei entsteht ein Bild des Kaisers, der sich blenden lässt von äußerem Glanz und der einen Despoten wie den türkischen Sultan seinen Freund nennt.


Koldewey ist jedoch nicht nur Taktiker und der von einer Idee Besessene, er ist auch Handwerker und Techniker: Aus Berlin gibt er seinem Kollegen in Bagdad genaue Anweisungen per Post zur Instandsetzung eines Bootes, das man auf dem Tigris benutzen will. Kleinste technische Details kann er aus dem Kopf beschreiben, ein Mann mit großer Vorstellungskraft.


Der Autorin gelingt es, die Vielseitigkeit dieser Forscherpersönlichkeit sichtbar zu machen, insbesondere auch deren kritische Auseinandersetzung mit der Moderne in den industrialisierten Ländern Europas. Angesichts einer so hochzivilisierten Kultur wie der Babyloniens relativiert sich die vermeintliche Fortschrittlichkeit des Westens. Der kritische Gegenwartsbezug liegt hier auf der Hand.


Sprachlich ist Cusanit anspruchsvoll mit langen, zum Teil sehr verschachtelten Satzperioden, die leider manchmal unübersichtlich werden und leicht manieriert wirken. Da hätte man sich bisweilen klarere Strukturen gewünscht.


Etwas ärgerlich ist das flüchtige Lektorat des Verlages, dem etliche Versehen oder auch sprachliche Ungenauigkeiten durchgehen.


Insgesamt aber ein sehr lesenswerter Roman, wenn man einige Längen in Kauf nimmt. Grundsätzlich stellt sich – wie bei jedem historischen Roman – die Frage, ob die Romanform dem Gegenstand gerecht wird. Als Leser wüsste man gerne, wo die Darstellung auf Quellen beruht bzw. wo die Fiktion anfängt, insbesondere wie weit Cusanits Roman-Koldewey dem historischen Koldewey entspricht bzw. wie weit diese Figur ein Entwurf der Autorin ist.

Der Roman ist im Hanser-Verlag erschienen, hat 267 Seiten und kostet 23 Euro.

Elke Trost

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