Peter Hailer inszeniert in Darmstadt Alistair Beatons Satire „König der Herzen“

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Intrigen um Macht, Tod und Liebe  

Peter Hailer inszeniert in Darmstadt

Alistair Beatons Satire „König der Herzen“

Ronja Losert (Nasreen Sazwari, stellvertretende Leiterin eines islamischen Kulturzentrums), Simon Köslich (Prinz Richard, Thronfolger), Matthias Kleinert (Nick Bailey, Premierminister) Michael Raab, der Übersetzer dieses Stücks, kann kein Kartenspieler sein. Als solcher wüsste er, dass „King of Hearts“, der Originaltitel des Stücks, im Englischen den „Herzkönig“ eines Kartenspiels bezeichnet. Darüber hinaus verweist die Symbolik dieser Karte auf Tod durch eine unglückliche Liebe und Wiedergeburt durch eine neue Liebe. Damit schafft der Name dieser Spielkarte eine Verbindung zum Inhalt des Stücks, denn auch in diesem geht es um den Tod und die Liebe.

Das Stück ist in der Personenkonstellation eng an die aktuelle Situation in England angelehnt. Der König ist erst in vorgerücktem Alter auf den Thron gekommen und bereits nach kurzer Zeit bei einem Reitunfall tödlich verletzt worden, so dass man stündlich mit seinem Ableben rechnet. Der Premierminister Nick Bailey(Matthias Kleinert) ist sofort auf den Landsitz geeilt, um die erforderlichen Maßnahmen bei einem Thronwechsel zu ergreifen. Wahltaktisch geschickt hat er den Oppositionsführer ebenfalls dorthin eingeladen, um sich angesichts der tragischen Situation den Ruf eines überparteilichen Staatsmannes zu sichern, während der Oppositionsführer Clarke (Andreas Manz-Kozár) dem tief emphatischen Auftritt des Premieres nur zähneknirschend zuschauen kann. Der Premierminister ist ein echtes Alphatier und versäumt keine Gelegenheit, Clarke auf die Machtverhältnisse hinzuweisen, mal flapsig, mal jovial, mal bissig, und Clarke schluckt diese Kröten mit rachelüsterner Duldermiene.

Die beiden heiratsfähigen Prinzen – wie im „echten Leben“ – sind bereits im Anflug. Thronfolger Richard (Simon Köslich) gilt als ehrgeizig und verantwortungsbewusst, sein Bruder Arthur (Antonio Lallo) dagegen – auch hier ist eine gewisse Analogie zur Realität nicht zu verkennen – hat sich vor allem als Weiberheld, Säufer und Kiffer profiliert. Für den pragmatischen Premier Bailey ist es nur eine Frage von Stunden, bis die lebenserhaltenden Systeme abgestellt werden und Richard inthronisiert wird. Da platzt der Chef der Leibgarde (Gerd K. Wölfle) mit der Information herein, die CIA habe durch Abhören der königlichen Telefone herausgefunden, dass Richard heimlich mit einer jungen Frau muslimischen Glaubens liiert ist. Ob bereits der Autor diese Informationsquelle in das Stück geschrieben oder ob Regisseur Hailer den Text sozusagen aktualisiert hat, muss hier offen bleiben; auf jeden Fall löste dieser Satz entsprechende Lacher im Publikum aus.

Matthias Kleinert (Nick Bailey, Premierminister), Klaus Ziemann (Marcus Linklater, Erzbischof von Canterbury), Katharina Hintzen (Annie Brett, Referentin und Redenschreiberin des Premierministers), Tom Wild (Toby Frost, Persönlicher Referent des Premierministers), Andreas Manz-Kozár (Stephen Clarke, Oppositionsführer), Simon Köslich (Prinz Richard, Thronfolger), Ronja Losert (Nasreen Sazwari, stellvertretende Leiterin eines islamischen Kulturzentrums) Bailey betrachtet die Situation konsequent aus einer machiavellistischen Perspektive. Wie werden die Wähler auf diese Liaison reagieren, Wähler, deren Reizschwelle durch Armutseinwanderung, Terrorakte – Londoner U-Bahn 2005! – und islamische Ghettos sowieso schon strapaziert sind? Da der König automatisch der höchste Vertreter der anglikanischen Kirche ist, sind katholische Thronanwärter und katholische Ehepartner von vornherein ausgeschlossen. Über Muslime steht jedoch nichts in den Regeln, wie der verschlafene Bischof von Canterbury feststellt. In dieser Figur (Klaus Ziemann) karikiert Beaton auf ziemlich bissige Weise die anglikanische Kirche. Der Bischof versteht meist nur die Hälfte der Probleme und Lösungsvorschläge und konterkariert die Absichten des Premiers mehr aus halbdementer Naivität denn aus einer grundsätzlichen Anschauung heraus. In einem Anfall von Ehrlichkeit bekennt er seinen Unglauben und plädiert mehr konfus-idealistisch als fundiert für eine multikulturelle Kirche. Als ihm von den Politikern Widerstand entgegenschlägt, zieht er sich konsequenterweise zu einem Mittagsschlaf zurück.

Auch der Oppositionsführer kommt nicht gut weg. Er stimmt den Absichten des Premiers aus denselben wahltaktischen Gründen zu und versucht dabei ständig, sich zum Partner auf Augenhöhe in einem staatstragenden Politikerduo zu stilisieren Dabei fährt ihm aber der Premier durch bissige Bemerkungen und den Ausschluss von einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Thronfolger in die Parade. Clarke, frustriert durch diese deutliche politische Ausgrenzung, lauert nur auf eine Gelegenheit, die Achillesferse des Premiers zu entdecken und sie kräftig zu zwicken.

Katharina Hintzen (Annie Brett, Referentin und Redenschreiberin des Premierministers), Klaus Ziemann (Marcus Linklater, Erzbischof von Canterbury), Andreas Manz-Kozár (Stephen Clarke, Oppositionsführer), Matthias Kleinert (Nick Bailey, Premierminister)Das besagte Gespräch erweitert sich jedoch um zwei Augen, da Richard auf der Teilnahme seiner muslimischen Verlobten Nasreen besteht. Dabei zeigt sich Richard als unbeugsamer Gegner, der weder auf den Thron noch auf seine Frau verzichten und sogar zum muslimischen Glauben übertreten und überhaupt das gesamte politische und religiöse System in England reformieren will. Natürlich sind Premier und Oppositionsführer entsetzt und malen sich schon die Schrecken der nächsten Wahl aus. Dass Nasreen eine sehr vernünftige, tolerante und überdies noch studierte junge Frau ist, irritiert die beiden Politiker noch mehr. Als sie herausfinden, dass der Thronfolger vor dem 25. Lebensjahr zu einer Hochzeit die Genehmigung des regierenden Königs benötigt, schwenken sie unisono um und verbieten das Abschalten der lebenserhaltenden Systeme, um auf diese Weise Zeit zu gewinnen.

Weiteres wollen wir in dieser Rezension nicht verraten, um interessierten Lesern nicht die Spannung zu rauben. Das Stück endet dann zwar mit einer Pointe, aber einer sehr bitteren, die kein gutes Licht auf die Politiker wirft. Regierende wie Opposition sind sich am Ende einig, auch illegitime – oder gar illegale – Mittel zu nutzen, um diese Heirat zu verhindern. Die Erhaltung der Macht auf der einen und die Erringung derselben auf der anderen Seite stehen absolut im Mittelpunkt. Emotionale Rücksichten und ethische Bedenken spielen dabei keine Rolle mehr.

Alistair Beaton hat offensichtlich keine gute Meinung von Politikern, die für ihn sämtlich durch die Macht korrumpiert sind. Man sollte diese Kritik jedoch nicht auf England beschränken, und das tut auch Beaton nicht. Als Engländer mit Sinn für „fair play“ handelt er seinen Exkurs über die Intrigen der Macht oder die Macht der Intrigen zwar am Beispiel seines eigenen Landes ab, meint damit aber letztlich die Welt.

Neben den beiden politischen Hauptpersonen und der Kirche greift er auch noch einige andere Institutionen und Rollen im politischen Spiel an. Die britischen Geheimdienste werden in Randbemerkungen als stümperhafte Lehrlinge ihrer amerikanischen Aufseher CIA u.a.m. charakterisiert, und der Chef der königlichen Leibwache ist mit seiner überschaubaren Intelligenz und rambohaften Vorgehensweise eher eine traurige Witzfigur. Die Pressesprecherin des Premiers (Katharina Hintzen) ist eine eiskalte, auch mal vorlaute junge Dame, die Geruch und Geschmack der Macht bereits ausgiebig genossen hat und zielsicher an ihrer Karriere arbeitet, indem sie die beiden Politiker mehr oder minder geschickt gegeneinander ausspielt und den verhassten – weil schwulen? –  persönlichen Referenten des Premiers (Tom Wild) bei jeder Gelegenheit angreift oder sich über seine sexuelle Neigung auslässt. Dieser schießt entsprechend zurück, lebt seine Neigungen mehr oder weniger offen aus und setzt sie schließlich gezielt für eine perfide Intrige ein. Die beiden Prinzen sind bei Alistair Beaton einfach zwei unterschiedliche junge Männer, der eine – Arthur – mit viel Sinn für die einfachen Genüsse des Lebens, der andere – Richard – mit viel Idealismus und wenig Sinn für die hässlichen Kompromisse des politischen Alltags. Der Privatsekretär des Königs schließlich (Harald Schneider) hasst die machtgierigen Politiker, lässt diese Abneigung jedoch nur zwischen den Zeilen einer formvollendeten, wenn auch steifen Sprache durchschimmern, und kennt nur seine Loyalität zu der königlichen Familie.

Die Darsteller verleihen dieser Satire Tempo und Glaubwürdigkeit. Matthias Kleinert ist ein so pragmatischer wie zynischer Premierminister, Andreas Manz-Kozár der Gegenentwurf als wachsweich lavierender Oppositionsführer Clarke. Katharina Hintzen spielt die Pressesprecherin mit der richtigen Mischung aus Frechheit und Anpassungsfähigkeit, Tom Wild ihren Gegenspieler Toby Frost mit einer Tendenz zum Schrägen und Exaltierten. Klaus Ziemann ist ein schon ein wenig seniler Bischof von Canterbury und Harald Schneider ein nur auf die Ehre des Königshauses fokussierter Privatsekretär. Simon Köslich und Antonio Lallo haben mit den beiden Prinzen eher eindimensionale Rollen, füllen sie aber gut aus. Ronja Losert spielt die Muslima Nasreen mit einem deutlichen Strich gegen alle Vorurteile als selbständige, vernünftige junge Frau. Gerd K. Wölfle ist ein sehr engagierter Chef der Leibgarde mit einer begrenzten Auffassungsgabe.

Das Publikum spendete allen Akteuren kräftigen Beifall.

Weitere Aufführungen am 15. und 31. Dezember sowie am 5. und 8. Januar

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller
 

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