Yasmina Reza: „Glücklich die Glücklichen“

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Ein sarkastisches Vexierspiel der Beziehungen.

Buchumschlag

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Yasmina Reza ist bekannt für ihre messerscharf analysierenden Beziehungskomödien, die – wie etwa „Der Gott des Gemetzels“ – bisweilen bis an den Rand der Tragödie gehen. Weniger bekannt ist den meisten Theaterbesuchern jedoch ihr Prosa-Werk, das ähnliche Züge aufweist wie die Theaterstücke. Die schonungslose Entlarvung menschlicher Beziehungsprobleme und Schwächen steht im Mittelpunkt dieser Bücher, ohne dass Yasmina Reza deswegen in kalten Zynismus oder moralisierende Polemik verfällt. Eine weltkluge Ironie ist der dominierende Wesenszug, und die kann sich auch einmal zu bitterem Sarkasmus aufschwingen.

In „Glücklich den Glücklichen“ portraitiert die Autorin ein gesellschaftliches Geflecht verschiedener Familien, die alle miteinander über freundschaftliche, verwandschaftliche oder erotische Bande verbunden sind, ohne dass alle Beteiligten von allen Querbeziehungen wissen. Das Buch besteht aus einundzwanzig weitgehend voneinander unabhängigen Episoden, die jeweils aus der Perspektive einer der achtzehn Protagonisten  geschildert werden. Dabei beziehen sich diese kurzen Geschichten auch wieder auf einzelne der anderen Beteiligten, aber stets aus einer anderen Sicht.

Der Roman beginnt furios mit einem grotesken Einkaufsdrama im Supermarkt, bei dem sich ein Ehepaar in den Dreißigern wegen Kleinigkeiten beinahe endgültig verkracht, wobei der vom erzählenden Ehemann falsch eingekaufte Käse nur den Funken am Pulverfass der Ehe darstellt. Danach folgt als Kontrast die Einsamkeit einer alleinstehenden Frau um die sechzig, die sich mit niemandem streiten kann. Die Ehefrau aus der ersten Szene schildert die halb verkorkste Ehe aus ihrer Sicht anhand einer abendlichen Schlafzimmerszene, wobei die diffusen Frustrationen  des Ehemanns sich in kindischer Trotzhaltung niederschlagen. In weiteren Szenen kommen die Eltern der jungen Frau zu Wort, er ein ehemaliger hoher Beamter, der schon seit Jahren das aktive Interesse an seiner Frau verloren hat, sie eine immer mehr in mausgrauer Bedeutungslosigkeit versinkende Haushälterin ihres eigenen Mannes.

Die scheinbar so glücklich verheirateten Freunde des jungen Ehepaares haben ihre ganz eigenen, in gewissem Sinne peinlichen Probleme, und der erfolgreiche Arzt, in dessen Wartezimmer sich einige Protagonisten treffen, geht nachts im Bois de Boulogne auf die Suche nach arabischen Strichjungen. Seine Sprechstundenhilfe verliebt sich in den Sohn einer Patientin, und der todkranke alte Jude, ebenfalls Patient, ist wiederum mit dem Vater der jungen Ehefrau aus dem Beginn befreundet. Ein professioneller Kartenspieler kennt gleich mehrere der Protagonisten und hat ihnen auch Geld abgenommen, eine Schauspielerin um die Dreißig tröstet sich über den schnöden Abgang des von ihr begehrten Mannes mit Wodka hinweg, und eine andere Frau sieht sich von ihrem Liebhaber, einem hochrangigen Politiker, derartig hintergangen, dass sie all ihre abgeklärte und vermeintlich professionell-emotionslose Contenance verliert.

So geht der Reigen weiter über den Liebhaber der gestressten jungen Ehefrau, die diesen aber durchaus nicht als alternativen Ehemann betrachtet, den Sohn des Kartenspielers, der nicht mit Frauen umzugehen weiß, bis zu der Geliebten und der Ehefrau eben dieses Kartenspielers, die beide nicht glücklich mit ihm werden. Ein unerwarteter Tod eines der Beteiligten führt noch einmal alle zu einer für den Leser fast komischen Beerdigung zusammen, denn dieser kennt nun all ihre Geheimnisse und sieht ihre Bemühungen um den äußeren Anschein mit einer gewissen – wenn auch bitteren – Belustigung.

In gewisser Weise erinnert dieser Roman an Schnitzlers „Reigen“, wenn auch die Szenen nicht rein paarweise aufgebaut sind und sich nicht immer um Sexualität drehen. Doch auch bei Yasmina Reza sehnen sich alle nach Wärme, Zuneigung und Liebe, aber keiner von ihnen ist willens oder in der Lage, selbst mit diesen Werten in Vorleistung zu treten, da jeder die Bloßstellung fürchtet. So begrenzt man den Seitensprung oder die außereheliche Affäre bewusst auf das Sexuelle, und vor allem die Männer stellen geradezu plakativ das Berufliche über das Private, Emotionale. Der Schein der individuellen Autonomie ist wichtiger als die menschliche Nähe, und wo diese einmal sich zu ergeben scheint, springen die Beteiligten fast erschrocken auseinander und beteuern sich gegenseitig ihre Unabhängigkeit.

Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis lässt Yasmina Reza ihre Figuren nie zu lächerlichen Karikaturen verkommen, sondern gesteht ihnen stets ihre Menschenwürde zu. Jeder von ihnen hat das Zeug zu einem gelungenen Leben mit familiärer Nähe, doch die Eitelkeiten und Ängste verhindern einen unverkrampften und offenen Umgang miteinander. Eine Lösung für dieses Problem hat Yasmina Reza nicht; sie sieht sich als Beobachterin, nicht als Therapeutin.

Der Roman „Glücklich den Glücklichen“ ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 978-3-446-24482-5 erschienen, umfasst 175 seiten und kostet17,99 €.

Frank Raudszus

 

 

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