​Klagende Klarinetten und heldische Hörner

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Beim Rheingau Musik Festival spielt die Berliner Staatskapelle Schubert und Strauss​ ​

Gegen Ende des Festivals gab sich noch einmal ein Großer des deutschen und internationalen Musiklebens die Ehre: Daniel Barenboim kam mit seiner Berliner Staatskapelle, die er als “Dirigent auf Lebenszeit” leitet, nach Wiesbaden, um dort Franz Schuberts “Achte”, die eigentlich die siebente ist, sowie Richard Strauss’ Komposition “Ein Heldenleben” zu präsentieren.

Die Staatskapelle Berlin mit ihrem Dirigenten Daniel Barenboim

Die Staatskapelle Berlin mit ihrem Dirigenten Daniel Barenboim

Schuberts 8. Sinfonie ist ein buchstäblich aus der Zeit gefallenes Werk. Die “Unvollendete”, wie sie aus nahe liegenden Gründen auch genannt wird, besteht nur aus zwei Sätzen – den ersten beiden, wie man annehmen darf – einer zwar bereits im Jahr 1822 begonnenen, aber nie fertiggestellten Sinfonie. Der Charakter dieser beiden Sätze lässt allerdings bereits erahnen, warum Schubert dieses Werk nie vollendet hat. Ncht nur die fast düstere Melancholie und die abgründige Harmonik machen dieses Werk einzigartig, sondern auch die grenzenlose Sehnsucht der Motive und Melodiebögen. So gesehen, ist diese Sinfonie gerade wegen ihrer Unvollständigkeit entgegen ihrwr Bezeichnng “vollendet”. Ihre Rezeptionsgeschichte hat sie zu einer musikalischen Ikone werden lassen, die nicht nur keiner Ergänzung bedarf sondern eine solche auch nicht verträgt.

Bereits die ersten Takte „kosteten“ Barenboim und das Orchester buchstäblich aus. Mit viel Liebe zum Detail modellierten sie die Klänge und brachten vom ersten Moment an die ganz eigene Gestimmtheit dieses Werkes zum Ausdruck. Der Gegensatz von lyrischen, sehnsuchtsvollen Klarinettenmotiven und schroffen Akkorden des Orchesters gelang besonders überzeugend dank der von Barenboim mit Bedacht gesetzten Akzente. Gerade weil diese Kontraste nicht überzogen wurden, wirkten sie glaubhaft und gewannen Tiefe. Der Aufschrei einer gequälten Seele, der dem melancholischen Beginn folgt, klang mächtig und doch gebrochen, und der Satz endete in wahrhaft aufgewühlten Akkorden, die die Verzweiflung des Komponisten zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Sinfonie überzeugend widerspiegelten. Den zweiten Satz dominierten die entsagenden Motive der Klarinette, und den gesamten Satz durchzog eine melancholische Grundstimmung, die sich im leise verklingenden Schluss zu einem Höhepunkt der Intensität steigerte.

Der Dirigent

Der Dirigent

Ganz anders präsentiert sich dagegen Richard Strauss‘  Tondichtung „Ein Heldenleben“. Dieser Künstler leidet nicht existenziell unter seiner Umwelt, sondern schleudert seinen Kritikern ein geradezu provozierendes Werk entgegen. Zwar war diese Musik offiziell als Beschreibung des Kampfes eines Künstlers gegen Widerstand und Unverstand seiner Umgebung gedacht, doch man kann darin durchaus ein selbstbewusstes Selbstporträt des Künstlers sehen. Und dabei stilisiert er nicht nur den einsamen Künstler – also sich – als einsamen Helden hinsichtlich Standhaftigkeit und Unbeirrbarkeit, sondern er karikiert auch seine (Musik-)Kritiker durch meckernde und schrill-dissonante Akkorde. Die Zeitgenossen jedenfalls dürften die musikalischen Anspielungen sofort verstanden haben. Ansonsten bedient sich Strauss in diesem Werk alle orchestralen Mittel und lässt die Klänge buchstäblich rauschen. Da kämpft der Held gegen seine Widersacher wie Alexander der Große auf dem Schlachtfeld, und da weiß er sich von einer liebenden Frau in langgezogenen lyrischen Streicherpassagen verstanden, um am Ende dem Trubel und Unverstand der Welt zu entsagen und sich in die innere Emigration zurückzuziehen.

All das brachte Barenboim ohne falsche Ironie oder gar satirische Zuspitzung zum Ausdruck. Er zeigte damit seine Hochachtung für die musikalische Leistung des Komponisten und verzichtete auf eine musikalische Karikatur des egozentrischen wenn nicht egomanischen Aspekt dieser Komposition. In Barenboims Interpretation kam auch deutlich die musikalische Verwandschaft des Komponisten mit Richard Wagner zum Ausdruck, und wer vorher nicht gewusst hatte, dass Richard Strauss seinen großen Vorgänger bewunderte, musste es hier deutlich spüren. Daniel Barenboim tat noch ein Übriges, um diese Verwandschaft zu verdeutlichen: nach dem jubelnden Beifall des Publikums bedankte er sich mit Wagners Vorspiel zu den „Meistersingern von Nürnberg“. Damit war alles gesagt, und das Publikum setzte noch eine zweite Welle begeisterten Beifalls drauf.

Frank Raudszus

Alle Fotos © RMF / Ansgar Klostermann

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