Peter Sloterdijk: „Der Weltinnenraum des Kapitals“

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Eine ungewöhnliche Sicht auf fünf Jahrhunderte (Welt-)Geschichte.

05_weltinnenraumPeter Sloterdijk, Professor für Philosophie und Geschichte in Karlsruhe, hat sich in den letzten Jahren einen Ruf als „Querdenker“ erworben. Seine Kritiker ziehen ihn des öfteren mangelnder – philosophischer? – „political correctness“, da er sich nicht in den ruhigen Fahrwassern der herkömmlichen Philosophie bewegte. Auch in seinem neuesten Buch, „Der Weltinnenraum des Kapitals“ betitelt, scheut er sich nicht, seinen Zunftkollegen einige unbequeme Wahrheiten zu sagen und das philosophische Pferd, wenn auch nicht vom anderen Ende, so doch anders aufzuzäumen.

Das beginnt schon mit seiner entlarvenden Feststellung, dass sich die heutige Philosophie mit keinem Wort zu aktuellen historischen Ereignissen und Trends wie z.B. der Globalisierung äußert und dass auch führende philosophische Wörterbücher keine der politischen und gesellschaftlichen Schlagwörter der letzten fünfzig Jahre aufführen. Die Auswirkungen von Medien und Telekommunikation scheinen an dieser Zunft vollständig vorbeigerauscht zu sein, was er auf intellektuellen Hochmut, vereint mit Weltfremdheit, zurückführt.

Sloterdijk geht dann das Thema Globalisierung frontal mit einer so überraschenden wie einleuchtenden Feststellung an: die Globalisierung hat für ihn in den fünf Jahrhunderten zwischen 1492 und 1945 stattgefunden und hat zu dem heute existierenden „Global Age“ geführt, das sich durch seinen statischen Charakter auszeichnet. Mit dem Abschluss dieser Phase ist für den Autor auch das Ende der „klassischen“ Geschichte gekommen; wir befinden uns also in einer „posthistorischen“ Ära. Die exakten Eckdaten der Globalisierungsphase beruhen ebenfalls auf harten Fakten: als Kolumbus Richtung Westen nach Indien aufbrach, stand dahinter zum ersten Mal die feste Überzeugung, dass man aufgrund der Kugelgestalt der Erde auch westwärts nach Osten gelangen kann. Das Ende dieser Phase markierte die Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg, womit wegen erfolgter Verteilung aller „leeren Räume“ auch die Phase imperialer Ausdehnung beendet war. Zwar standen sich anschließend nahezu fünfzig Jahre lang zwei imperiale Großmächte gegenüber, aber denen stand nicht mehr die Option der Aneignung großer Teile der Erdoberfläche zur Verfügung – es sei denn auf Kosten eines alles vernichtenden Nuklearkrieges – sondern lediglich die Ausdehnung ihres Einflussbereichs in Randbereichen.

Die Phase der Globalisierung führt Sloterdijk auf das schlichte Faktum der „Möglichkeit“ zurück. Als die Europäer einmal erkannt hatten, dass sie aufgrund überlegener militärischer und zivilisatorischer (nicht unbedingt kultureller!) Fähigkeiten In der Lage waren, sich „entdeckte“ Länder anzueignen, taten sie dies auch. Wie immer man das auch im Nachhinein moralisch bewertet, ist angesichts der historischen Abläufe gegenstandslos. Ein Schuldbewusstsein konnte sich angesichts des allgemein verbreiteten und fest gegründeten Überlegenheitsgefühls der Europäer erst gar nicht entwickeln. Vor allem die katholische Kirche sanktionierte durch ihren Missionsgedanken – oft genug mit äußerster Härte umgesetzt – diese Vorgehensweise. Da hatten es dann spätere, nicht so katholisch gesinnte Länder wie England oder die Niederlande nicht so schwer, in die Fußstapfen der Iberer zu treten. Diese immerwährende Ausdehnung musste jedoch auf einer Kugel zwangsläufig früher oder später zu einem Ende führen, und dann begannen jegliche Handlungen dieser Arten zu erheblichen Rückwirkungen auf die Handelnden zu führen. Man denke nur an die blutige Auflösung der britischen oder französischen Kolonialreiche. Heute sind alle Parteien derartig vernetzt, dass sich ein selbst stabilisierender Zustand herausgebildet hat. Das Ende des Ostblocks ist ein weiterer Schritt auf dem Wege zum „geschichtslosen“ Endzustand.

Im heutigen „globalen Zeitalter“ gibt es laut Sloterdijk also keinen – zu erobernden – „Außenraum“ mehr, vom unbewohnten Weltall einmal abgesehen. Die Welt ist zum „Innenraum“ zusammengeschnurrt, und dieser wird vom Fluss des Kapitals zusammengehalten und in seiner Struktur definiert. Sloterdijk benutzt den Term „Kapital“ jedoch nicht – wie viele „politisch korrekte“, da linke Philosophen – in denunzierender oder entlarvender Form, sondern lediglich als Beschreibung eines Zustandes. Fasziniert und für den Leser bestechend analysiert er die Folgen des freien Kapitalflusses, der zunehmend das Leben der Bewohner dieses „Weltinnenraums“ bestimmt. Dabei bezieht er sich sowohl auf Dostojewski, der den „Kristallpalast“ der Londoner Weltausstellung als ein „Gettho des Konsums“ brandmarkte, als auch auf Rilke, der die Pariser Passagen ähnlich kritisch betrachtete. Sloterdijk nimmt den Begriff des „Kristallpalasts“ auf und wendet ihn auf die westlichen Industriestaaten an, die sozusagen einen „Kokon“ um ihre Bewohner gesponnen haben, innerhalb dessen die Insassen zunehmend von Lebensrisiken „entlastet“ werden. Der „Weltinnenraum“ ist für Sloterdijk ein einziger Entlastungsraum, dessen Ausweitung auf die gesamte Weltbevölkerung nicht grundsätzlich abgelehnt, aber aus praktischen Gründen nicht durchführbar ist. Inwieweit dieser Entlastungszustand – auf Kosten Dritter? – moralisch und politisch akzeptabel ist, steht für Sloterdijk dahin. Ihm ist erst einmal die Analyse der Situation wichtig. Allerdings verweist er auf die wütenden Proteste und Eindringversuche an der Peripherie des Kristallpalastes, die in ähnlicher Form vor eineinhalb Jahrtausenden das römische Weltreich zu Fall brachten.

Abschließend widmet sich Sloterdijk noch der „neo-imperialen“ Rolle der USA, die mit ihren weltweiten unilateralen Aktionen sozusagen die Geschichte wieder auferstehen lassen wollen. Er führt diese Haltung der USA auf ihren Entstehungsmythos – Landnahme, Optimismus, Freiheit des Einzelnen, religiöser Missionierungsdrang – zurück und verweist auf die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die USA, die als erste und lange (bis ins 20. Jahrhundert) der imperialen Ausdehnung entsagten, in der Spätzeit der Geschichte eben diese ureuropäische – und dort ad acta gelegte – Strategie übernommen haben. Einige erstaunliche, teils erhellende, teils fragwürdige Erkenntnisse zum Terrorismus und seinen Folgen ergänzen das Buch. Hier hätte der Autor sicher noch tiefer schürfen können, doch dieser letzte Teil liest sich sowieso wie ein Annex und wirkt der über weite Strecken großartigen Schilderung des Prozesses der Globalisierung wie nachträglich zugesetzt; als ob dem Autor nachträglich eingefallen sei, dass er doch noch etwas über die Sonderrolle der USA sagen müsse.

Das Buch setzt sich von anderen philosophischen Werken (Adorno!) wohltuend durch seine nicht nur verständliche sondern geradezu packende und unterhaltsame Sprache ab. Philosophischen Insidern mag dieses eher als Makel erscheinen (s.o.), der Leser jedoch dankt es dem Autor durch Lesetreue. Das soll jedoch nicht zum Fehlschluss führen, das Buch ließe sich leicht „konsumieren“. Allein schon die intellektuelle Dichte von Sloterdijks Stil zwingt nicht nur zum aktiven „Mitdenken“ sondern auch zum Innehalten und Rekapitulieren des Gesagten. Wer sich auf dem Gebiet der zeitgenössischen Welterklärung auf dem Laufenden halten will, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41676-6x erschienen und kostet 24,80 €.

Frank Raudszus

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