Gotthard Bonell: Irrlichter

Print Friendly

Variationen zu Müllers und Schuberts „Winterreise“.

irrlichtZum Schubert-Jahr hat der Innsbrucker Haymon-Verlag eine Preziose herausgegeben. In dem Band „Irrlichter“ verbindet der Künstler Gotthard Bonell drei mediale Ebenen zu einer ganzheitlichen Darstellung von Schuberts „Winterreise“. Der großformatige Band enthält im ersten Teil alle 25 Texte des Liederzyklus und anschließend ebenfalls 25 Radierungen, die einzelne Strophen oder Textzeilen der Lieder als Motto heranziehen. Auf einer beigefügten CD hat Bonell, der neben darstellender Kunst auch Gesang studiert hat, die „Winterreise“ zusammen mit dem Pianisten Norman Shetler eingespielt. Schuberts Liederzyklus ist geprägt von Abschied, Resignation und Todesbereitschaft. Bereits die Texte Müllers strahlen diese Stimmung intensiv aus, und Schuberts Vertonung steigert die Wirkung ins Abgründige. Die zusätzlichen Radierungen Bonells sind vor allem deshalb ein Gewinn, weil der Künstler seine eigene sängerische Begegnung mit Text und Musik in Bilder umsetzen kann. Dabei widersteht er der Versuchung, Lied für Lied wiedererkennbar zu illustrieren. Zwar greift er immer wieder Textpassagen aus den Liedern auf, hält sich jedoch bewusst nicht an die Reihenfolge der Lieder, um eine vorschnelle Identifikation der Grafiken mit einzelnen Liedern zu vermeiden. Ihm geht es vielmehr darum, mit seinen weitgehend abstrakten Motiven die wesentlichen Stimmungsmomente Erstarrung, Abschied und Fremdheit („Fremd bin ich eingezogen…“) zu interpretieren. Der Betrachter sollte deshalb zwar Hören und Sehen durchaus „multimedial“ kombinieren, aber nicht unbedingt im Takt der Lieder weiterblättern. Dieser Ansatz war offensichtlich auch der Grund, die Radierungen nicht einzeln neben die Texte zu stellen. Für den Rezipienten – ist er Leser, Hörer oder Betrachter? – ist auch die intensive Beschäftigung mit nur einer Darstellung sinnvoll, ja ratsam. Ob zusammen oder nacheinander aufgenommen, dieses multimediale Werk übt eine starke Wirkung aus. Doch sei auch leise Kritik angemerkt: Der Bariton Bonell präsentiert den Liederzyklus bisweilen etwas zu distanziert, die Schubertsche Verzweiflung und Resignation dringt nicht durch seine gleichmäßige, fast sonor-forsche Stimme. Dies fällt besonders bei den Liedern dunkler Stimmungsfarbe auf. Sicher trägt auch die teilweise etwas unsensible und statuarische Klavierbegleitung zu diesem distanzierten Eindruck bei. Man hat die „Winterreise“ schon endzeitlicher und verzweifelter gehört.

Einzelne Druckfehler und Abweichungen von den gesungenen Texten hätten sicher leicht vermieden werden können, stören jedoch den Gesamteindruck des Werks nur unwesentlich. Ein umfangreiches Nachwort vermittelt detaillierte Informationen über die Radierungen und Intentionen Bonells sowie eine ganzseitige Biografie des Künstlers. Man hätte sich jedoch zusätzlich auch eine kurze Vorstellung des Pianisten und eine musikgeschichtliche Würdigung der „Winterreise“ gewünscht. Nicht jeder Betrachter/Hörer ist schließlich Schubert-Experte.

Wer Schubert liebt oder einen Schubert-Liebhaber zu beschenken hat, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Die „Winterreise“ gewinnt durch Bonells multimediale Darstellung neue Dimensionen.

Frank Raudszus

, , ,

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar