Ausstellungen Ein Ingenieur der Farben

Februar 2010
























































































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Die Frankfurter Kunsthalle Schirn präsentiert unter dem Titel "Figur im Raum" den Maler Georges Seurat



Seit wir Computer nutzen, kennen zumindest die der Technik Kunden den Begriff "Pixel". Dieser beschreibt einen einzelnen Bildpunkt innerhalb einer Grafik und ist selbst ohne jede semantische (=künstlerische) Bedeutung. Erst die Menge im Farbton abgestufter Pixel ergibt im Auge des Betrachters ein sinnvolles Bild. Geht es bei  Schwarzweiß-Bildern lediglich um  den "Schwarzwert" eines Pixels, so setzt sich ein Farbbild auf dieser Ebene immer aus punktförmigen Pixeln der Grundfarben zusammen. Die unterschiedliche Präsenz dieser Grundfarben innerhalb eines "Dreierpixels" (RotGrünBlau) erst erzeugt den jeweiligen Farbeindruck.

"Ler Baignade, Asnières", 18183
"Les Baignade, Asnières", 1883


Diese Farblehre verbreitete sich Mitte des 19. Jahrhunderts (wenn auch ohne Computer) und fand zum ersten Mal ihren Niederschlag in der Maltechnik von Georges Seurat (1859-1891). Ihm widmet jetzt die Kunsthalle Schirn am Frankfurter Römerberg eine eigene Ausstellung. Dabei übernimmt die Kunsthalle die Ausstellung vomr Kunsthaus Zürich, dessen Direktor Christoph Becker in Frankfurt die einleitenden Worte nach der Begrüßung durch Direktor Max Hollein sprach. Auf unterhaltsame Weise schilderte er die Jagd nach Leihgaben, die oftmals mit geduldigem Ausharren auf Stehempfängen und dem Verzicht auf jegliches Drängen verbunden ist. Doch meistens trifft er bei seinen vorsichtigen Anfragen auf offene Ohren, und so manches Mal spielt auch die Eitelkeit eine Rolle, wenn Sammler A erfährt, dass Sammler B bereits zwei Leihgaben zugesagt hat. Auch Anekdoten knüpfen sich an die Vorbereitung einer solchen Ausstellung, so, wenn die Ehefrau eines Sammlers ein Bild im Wert von  gut einer halben Million Euro an der Kasse des Kunsthauses in einer Tüte hinterlegt und der Ansprechpartner von dort nur einen lapidaren Hinweis auf eine vermeintlich zweitrangige Sendung erhält. Nun, glücklicherweise ist auf diesem Wege kein Bild verloren gegangen, sondern alle zugesagten Leihgaben haben ihren Platz in der Ausstellung gefunden.

Leider konnte die Schirn nicht alle Exponate der Züricher Ausstellung übernehmen, sei es, dass die Leihgeber nur für eine Ausstellung zugesagt hatten oder der Zustand bzw. die Empfindlichkeit - besonders bei Zeichnungen - eine längere "Tournee"  nicht angesagt erschienen ließen. So gibt es einige Unterschiede, die aber vermutlich für die Mehrheit der zukünftigen Besucher, die nicht in Zürich waren, keine Rolle spielen. Von den großen Werken ist lediglich eins vertreten ("Le Cirque"), die anderen, wie "Un Dimanche à la Grande Jatte", sind aus verschiedenen nicht näher erklärten Gründen nicht transportfähig und mussten daher in ihren Heimatmuseen verbleiben.

"Le Cirque", 1890/91
"Le Cirque", 1890/91

Doch zurück zu Georges Seurat: aus wohlhabendem Elternhaus stammend, zeigte er schon früh zeichnerische Begabung und Motivation und begann auch als junger Mann eine akademische Ausbildung. Die brach er jedoch nach seinem Militärdienst - der wohl nicht ursächlich war - ab, da er dort vornehmlich antike und historische Vorbilder nachempfinden und kopieren musste. Fortan widmete er sich seiner künstlerischen Ausbildung
autodidaktisch und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang intensiv mit den oben erwähnten Farbtheorien verschiedener Wissenschaftler und Kunsttheoretiker. Der Besuch einer Impressionisten-Ausstellung mit Werken von Monet und Pissarro im Jahre 1879 - Seurat war gerade zwanzig Jahre alt - beeindruckte ihn tief, und diese Kunstrichtung wurde daraufhin zur Grundlage seiner weiteren Entwicklung. Bald empfand er die Malweise des "geschwungenen Pinsels" bei den Impressionisten als zu ungenau und oberflächlich und entwickelte aufgrund seiner wissenschaftlichen Studien seinen später "Pointillismus" genannten Stil. Dabei setzte er ein Bild  - wie bei modernen Digitalfotografien - Punkt für Punkt aus einzelnen "Öl-Pixeln" zusammen. Je näher man solch einem Bild kommt, desto mehr löst es sich auf in nichtssagende Farbtupfer, doch je weiter man sich entfernt, desto deutlicher schält sich ein Gesamteindruck heraus. Dabei behalten die Bilder immer etwas Verschwommenes, Irreales, wie wir es von bewusst grob gerasterten künstlerischen Fotos kennen. Die Bilder geben nicht prall-konkret eine scheinbar selbsterklärende Realität wieder sondern das wahre Wesen hinter dieser. Aufgrund ihres verborgenen Charakters bleibt diese Wahrheit jedoch stets ambivalent und lässt mehrere Schlüsse zu. Es ist wie mit einer verschleierten Frau: man ahnt den Menschen hinter dem Schleier, erhält verschiedene Signale auf ihr Wesen, kann das Rätsel jedoch nie entschlüsseln. Seurats Bilder vermitteln eben diesen Eindruck: Distanz und Unruhe zugleich.

"Le Chenal de Gravelines", 1890
"Le Chenal de Gravelines", 1890


Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die Anordnung der "Figuren im Raum" - daher der Titel der Ausstellung -, bei der diese grundsätzlich beziehungslos nebeneinander zu existieren scheinen und sich als Gesamtheit einem unbekannten Dritten außerhalb des Bildes zuwenden. Dieser Blick nach außen markiert eine Sehnsucht nach etwas anderem als dem Gegebenen und  gleichzeitig das mangelnde Wissen um dieses Andere. Auch die Einzelportraits oder Skizzen von Personen zeigen diese meist abgewandt ohne sichtbaren Gesichtsausdruck, als ob sich diese Menschen bewusst vor der Welt isolierten und nur für sich lebten. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino greift dieses Unbehagen der dargestellten Personen in seinem Essay zum Katalog explizit auf und versucht anhand der starren Gestalten von Seurat eine historisch-pyschologische Analyse, deren Lektüre sich auf jeden Fall lohnt.

Georges Seurat war kein Bohémien sondern eher ein professioneller Künstler, der auf Anerkennung geradezu pochte und auf den Verkauf seienr Bilder nicht angewiesen war. Seine gute finanzielle Ausstattung seitens des Elternhauses gestatte ihm ein standesgemäßes Leben, und in manchen Aspekten erinnert er an seinen schreibenden Zeitgenossen Marcel Proust, der ja bekanntlich eine Zeit lang sogar dandyhafte Züge aufwies. Gegen Ende der achtziger Jahre ging Seurat über zu weiträumigen, extrem pointillistischen Landschaftsbildern, die - im Gegensatz zum "Dimanche à la Grande Jatte" - keine Menschen mehr enthielten. Wie erstarrt steht dem Betrachter eine Hafen- oder Seelandschaft gegenüber, deren einzige Lebenszeichen kleine Segel ferner Boote sind, die sich nur beim enstprechenden Abstand zum Bild als solche erkennen lassen. Doch für Seurat repräsentieren diese Boote nicht menschliche Präsenz sondern nur farbliche Punkte auf einem ansonsten leeren Meer. Auch hier könnte man - frei nach Genazino - verschiedene Interpretationen an das leere, (scheinbar) unendliche Meer und die Bedeutungslosigkeit des kleinen, von Menschen gemachten und betriebenen Bootes anstellen. Wir wollen hier jedoch darauf verzichten und lieber den Besuch dieser Ausstellung empfehlen, die mit rund sechzig Gemälden, Skizzen und Zeichnungen einen umfassenden Eindruck von diesem zu früh (an Diphterie) verstorbenen Maler vermittelt.

Die Ausstellung ist vom 4. Februar 2010 bis zum 9. Mai 2010 dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen über: www.schirn.de

Frank Raudszus

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