Ausstellungen Wiederentdeckung eines früh (fast) Vollendeten

März 2010




























































































Ihre Meinung über E-Mail hier

 

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn erinnert in der Ausstellung "Ende schön, alles schön" an den Maler Uwe Lausen



"Wer war Uwe Lausen?" - Stellte man diese Frage heute einem durchschnittlichen Kunstinteressierten, würde man wahrscheinlich Schulterzucken ernten. Namen wie Baselitz, Richter - Gerhard oder Daniel -, Immenhof oder Rauch sind den meisten geläufig, doch Uwe Lausen ist nur den wenigsten ein Begriff. Dabei war er in den sechziger Jahren nahezu eine wenn auch umstrittene Ikone des Kunstmarktes, und nicht zuletzt sein früher Tod im Alter von 29 Jahren und die bewegten Jahre des "Deutschen Herbstes" danach haben die Erinnerung an ihn verblassen lassen. Der Kunsthalle Schirn kommt jetzt das Verdienst zu, diesen fast vergessenen Künstler aus der Versenkung hervorgeholt zu haben und ihn dem zeitgenössichen Publikum wieder nahe zu bringen.

"Ich liebe das Leben" - 1967
"Ich liebe das Leben" - 1967


Lausen kam 1941 als Sohn eines Stuttgarter Landtagsabgeordneten zur Welt. Schon früh zeigte er deutliche Anzeichen von
sprachlicher und musikalischer Hochbegabung. So spielte er angeblich hervorragend Geige und signierte bereits als Sechzehnjähriger bestechend formulierte Briefe mit "Der Autor". Die hohe Sensibilität, die meist mit Hochbegabung einhergeht, ließ ihn jedoch auch früh zum radikalen Kritiker der deutschen Nachkriegsgesellschaft werden, und schon als Jugendlicher protestierte er energisch gegen sein - liberales und antifaschistisches! - Elternhaus und seine Lehrer. Nach dem Abitur verschwand er ohne Ankündigung für längere Zeit in Marokko, um anschließend das Philosophie-Studium nach wenigen Monaten abzubrechen und nach München zu gehen. Dort fand er eher zufällig zu der alternativ-revolutionären Künstlergruppe SPUR, die lange vor den berühmten "68ern" für ein neues Gesellschafts- und Menschenbild kämpfte. SPUR brachte Lausen auf die Malerei-Spur, der er sich bis dahin weniger gewidmet hatte, und er eignete sich die malerischen Grundkenntnisse innerhalb kurzer Zeit autodidaktisch an. Dabei geriet er wegen eines recht freien Eigentumverständnisses und einer eigenen Auffassung von Kunst bald in Konflikt mit der Gruppe und begann, "auf eigene Rechnung" zu malen.

"Deutscher Killer" - 1967
"Deutscher Killer" - 1967


Als einer der ersten nahm er die damals - Anfang der 60er Jahre! - von der deutschen Szene noch skeptisch beurteilte Pop-Art ernst und entwickelte auf der Basis dieser Kunstrichtung seinen eigenen Stil. Innerhalb von neun Jahren durchlief er eine deutliche malerische Entwicklung, die ihn auch ohne Akademiestudium in kurzer Zeit auf Augenhöhe mit etablierten Künstlern seiner Zeit katapultierte. Dabei verletzte er in Bild und Wort die damals herrschenden religiösen und sexuellen Tabus und handelte sich eine Verurteilung wegen Pornographie und Blasphemie ein. Doch seine Tabubrüche entsprangen nicht einem jugendlichen Übermut oder gar reiner Provokationslust sondern einem tiefen Unbehagen an der erstarrten westdeutschen Wirtschaftswunder-Gesellschaft, die Nazis und Auschwitz vergessen hatte, deren alte Vertreter in nun "demokratisierten" Amt und Würden beließ und die sich ansonsten nur um den Konsum und um die Einhaltung verkrusteter Konventionen kümmerte.

Lausen zeigte seine ganze Verzweiflung über diese im wahrsten Sinne des Wortes gewissenlose Gesellschaft in seinen Bildern. Dabei nahm er Anleihen bei Kollegen wie Francis Bacon oder verschiedenen Vertretern der Pop-Art und mischte sie zu eigenen Werken. Schon damals gab es also einen "Fall Hegemann".

Die Bilder ersten Phase sind ausgesprochen unruhig, mit einem schnellen, fast aggressiven Strich gemalt. Lausen geht dabei über seinen Figuren, als wolle er sie auslöschen. Bereits hier spielen Aggression und Gewalt eine wenn auch latente Rolle. Diese Tendenz verstärkt sich in den - wenigen - Folgejahren. Nun steht das menschliche Fleich als zerrissene, zerstörte Materie im Mittelpunkt. Oft sind es Killer-Figuren mit Maschinenpistole, die auf ver- und entfremdende Weise Menschen morden.
Und wenn dabei Farbe statt Kugeln aus den Gewehrläufen kommt, ist das keineswegs ironisch oder gar im Sinne von "Flower Power" gemeint. Dabei herrscht teilweise eine rot-blaue Farbgebung mit ausgeprägten Streifenmustern vor, die an die US-Fahne "Stars and Stripes" erinnert. Dies kann man angesichts des damals immer härter werdenden Vietnam-Krieges und der Proteste dagegen durchaus als Absicht werten. Dabei ist Lausen nie konkret politisch. Er stellt keine bekannten Politiker oder andere Vertreter der Gewalt dar - Auschwitz! - sondern bleibt immer im Abstrakten. Gewalt an sich und eine aus seiner Sicht gewalttätige Gesellschaft erschrecken ihn, nicht einzelne, konkrete Ereignisse. Nach Angaben von Zeitzeugen hat er sich auch nie an politischen Aktionen - etwa gegen den Vietnam-Krieg - beteiligt.

"Grandiose Aussichten" - 1967
"Grandiose Aussichten" - 1967


Man spürt in dieser Phase bereits den Einfluss der Drogen, die Lausen zu sich nahm. Ob diese Sucht sich aus der besagten Verzweiflung ergab oder einfach nur aus Neugier, die dann zur Abhängigkeit führte, bleibt unklar. Seine Bilder nehmen jedoch zunehmend halluzinatorische Züge an. Die Formen lösen sich auf, menschliche Körper verwandeln sich in Dinge oder quellen aus diesen hervor wie der berühmte Geist aus der Flasche, und neue Dimensionen entstehen jenseits der Rationalität.

In der letzten Phase gewinnen Lausens Bilder wieder an Klarheit, aber durchaus nicht im Sinne einer neuen Hoffnung, sondern in Gestalt zunehmender Kälte. Große monochrome Flächen beherrschen die Bilder, auf denen einzelne Personen isoliert und fast statuarisch agieren. Die Gewalt ist nicht mehr dynamisch, sondern "a posteriori", das heißt, der Gewaltakt ist meist vorbei, die Leichen liegen auf dem Boden und der Killer lädt in aller Ruhe die Waffe nach. Tödliche Einsamkeit prägt alle diese letzten Bilder, als habe sich Lausen aus dem Drogennebel gelöst und erkannt, dass es keinen Sinn im Leben gebe. Der Freitod ist angesichts dieser letzten Bilder eine zwangsläufige Folge.

Die Kuratorinnen Dr. Pia Dornacher und Selma Niggl aus München haben die Ausstellung nicht chronologisch sondern nach Themen geordnet. So stößt man als Besucher gleich zu Beginn auf spätere Bilder mit den flächigen Motiven, und die frühen Zeichnungen und Bilder der "wilden" Phase sind in einem hinteren Raum untergebracht. Übrigens ist es interessant zu hören, dass die Stadt München immer noch nicht ihren Frieden mit diesem außergewöhnlilchen Kunstvertreter gemacht hat. Musste doch erst die Frankfurter Schirn kommen, um ihn aus der Versenkung zu holen. In München schwebt immer noch ein "haut goût" über Lausen.

Die Ausstellung ist vom 4. März 2010 bis zum 13. Juni 2010 dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen über: www.schirn.de

Frank Raudszus

Übersicht

Gästebuch

Home

Als PDF-Datei