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Retrospektive
eines Egozentrikers |
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Das Frankfurter Städel-Museum zeigt eine
umfassende Werkschau von Ernst Ludwig Kirchner |
Den Eingangsbereich der Ausstellungsräume zieren bei dieser Ausstellung keine Bilder sondern Aussprüche des Protagonisten. Einer davon lautet: "Die Fabrikmarke meiner Kunst ist E.L. Kirchner und nichts weiter.....und es ist bis heute keinem eingefallen, mich Expressionist zu nennen" Zeugt schon diese Bemerkung von einem nicht geringen Selbstbewusstsein, so steigert sich dies noch in Bemerkungen wie "Dix ist ekelhaft, weil gar keine Kunst, ebenso Beckmann unmöglich." oder "Klee umgeht die Schweirigkeiten, Marc ist überhaupt indiskutabel. Kitsch à la Kandinsky", die in machem an den literarischen Kollegen Thoams Bernhard erinnern. Als Überleitung zur Ausstellung bietet sich der Tagebucheintrag vom Dezember 1925 an: "Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel". Man sieht, hier spricht kein introvertierter Künstler, der mit dem Leben nicht fertig wird, sondern ein Egozentriker, der sich an nichts und mit niemandem messen lassen will. ![]() "Artistin Marcella", 1910 Die "Kraft seiner Bilder" kann man nach dreißig Jahren zum ersten Mal wieder im Städel erfahren. Kirchner hatte zum Städel eine besondere Beziehung oder besser das Städel-Museum zu ihm. In dem Chemiker Carl Hagemann hatte der 1880 geborene Kirchner Anfang des 20. Jahrhunderts einen bedeutenden Förderer, der viele seiner Werke aufkaufte und sie später dem Städel-Museum vermachte. Mit diesem Fundus konnte das Städel dann eine erste große Kirchner-Ausstellung realisieren. Kirchner wendete sich schon früh von dem akademischen Malstil seiner Zeit mit der naturgetreuen Wiedergabe vorgegebener Modelle ab und gründete mit anderen Malern die Künstlervereinigung "Brücke", die sich die Reduktion des künstlerischen Prozesses auf das Wesentliche eines Motivs vornahm. Damit trug er wesentlich zu dem Stil bei, den die Fachwelt "Expressionismus" nennt, den er aber ablehnte, da er sich nicht in eine extern vorgegebene Kategorie einordnen lassen wollte(s. oben). Während des Ersten Weltkrieges durchlebte er eine gesundheitliche und geistige Krise, die er erst nach dem Krieg in diversen Sanatorien auskurierte. Seine wichtigste Schaffensperiode lag in den zwanziger Jahren und dann bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Im Jahr 1937 fiel sein gesamtes Werk unter die "entartete Kunst" und verschwand aus den Museen und Ausstellungsräumen. Dabei gelang es einigen mutigen Kunstfreunden, Kirchners Werke vor der Vernichtung zu retten. Kirchner selbst lebte seit 1917 in der Schweiz und war daher vor Nachstellungen der deutschen Machthaber sicher. Nach dem Anschluss Österreichs nahm er sich aus Angst vor einem Weitermarsch der Deutschen in die Schweiz das Leben. Dabei gelang dem ewigen Exzentriker das Kunststück, sich zwei Mal (!) ins Herz zu schießen. Eine besondere Marotte des Künstlers war sein Pseudonym Louis de Marsalle. Unter diesem Namen kommentierte Kirchner als angeblicher Kunstkritiker nicht nur eigene Werke sondern griff vor allem seiner Meinung nach falsche Ansichten anderer Kritiker über seine Arbeiten an. Das unerwartet hohe Interesse der Öffentlichkeit an diesem eigenwilligen Kritiker bis hin zu wiederholt vorgebrachten Interview-Anfragen zwang Kirchner schließlich, Louis de Marsalle eines tragischen weil plötzlichen Todes sterben zu lassen. ![]() Selbstportrait Kirchners Werke zeichnet eine zunehmende Abstrahierung menschlicher und natürlicher Formen aus. Erinnern seine frühen Werke noch in ihrer ungezügelten Pinsel- und Farbführung an van Gogh, so löst er sich später immer mehr von der Gegenständlichkeit und betont die Bildkomposition und den inneren Ausdruck der Farben. So sieht man Frauenakte völlig in kräftigem Gelb oder Grün und Personengruppen in Rosa. Eine "Heuernte" zeigt blau-graues Heu, und die "Chemnitzer Fabriken" erzeugen giftig-gelbe Rauchschwaden. Das Bild "Straßenbahn und Eisenbahn" von 1914 zeichnet eine großstädtische Kälte aus, die bereits auf das späte 20. Jahrhundert verweist. Das "Brandenburger Tor" aus dem Jahr 1926 zeigt ein blaues Titel-gebäude mit gleichfarbigem Platz davor und drumherum kräfiges Grün. In einem der letzten Bilder aus dem Jahr 1938 präsentiert Kirchner ein satt-gelbe Schafherde vor einer wieder blau-grauen Berglandschaft. Die Ausstellung führt den Besucher durch den einführenden Zitate-Raum in eine erste Bildersammlung, die hauptsächlich aus Selbstportraits und anderen selbstreferentiellen Bildern besteht. Dies ist sozusagen die Selbstdefinition des Künstlers, zu der auch die Frauen gehören, die sich jedoch stets dem Kirchnerschen Kunstanspruch unterzuordnen hatten. Anschließend folgen mehrere in einem lockeren Kreis angeordnete Räume mit der chronologisch aufgebauten Werkesammlung. Darunter befinden sich viele großformatige Bilder, bei denen teilweise das Problem besteht, dass Kirchner sie beidseitig bemalt hat und man damit nur eins von zwei Bildern ausstellen kann, obwohl beide vorhanden sind. Ein tageweiser Wechsel wäre zwar möglich, würde aber einem konsistenten Ausstellungskonzept widersprechen. Daneben sind auch kleinere Zeichnungen - teilweise Skizzen zu größeren Gemälden -, Holzschnitte und Skulpturen ausgestellt. ![]() Mitteltafel aus dem Tryptichon "Badende
Frauen"
Kirchner hat viele seiner Bilder bewusst zurückdatiert, um dem Verdacht der Beeinflussung durch andere Zeitgenossen aus dem Wege zu gehen. Das erschwert die chronologische Zuordnung zumindest für den Betrachter, und selbst die Experten mussten weitere Kriterien heranziehen, um die Bilder zeitlich richtig einzuordnen. Dadurch ergibt sich für die Besucher die irritierenden Situation, dass sich die datierte Signatur und die Bildbeschreibung in dieser Hinsicht zum Teil deutlich unterscheiden. Da half der entsprechende Hinweis im Vortrag des Kurators Dr. Felix Krämer bei der Pressekonferenz doch merklich. Die Ausstellung musste auch andere Widrigkeiten in Kauf nehmen. So wirkte sich der Ausbruch des isländischen Vulkans (hier keine Benennung wegen orthographischer Unsicherheit) auch auf diese Ausstellung dahingehend aus, dass einige Bilder aus den USA nicht rechtzeitig zur Eröffnung eintrafen. Bei der Pressekonferenz ersetzten Packpapierflächen mit aufgeklebtem Foto des jeweiligen Bildes den vorgesehenen Platz; spätestes zum Montag nach der Eröffnung sollen jedoch alle Exponate wie geplant hängen. Die Ausstellung umfasst mehr als 170 Exponate, die teilweise aus dem reichen Fundus des Städel selbst (s. oben), teilweise von namhaften Leihgebern aus aller Welt stammen. Die Bedeutung Kirchners aber vor allem die Bedeutung des Städels in diesem Zusammenhang machten es offensichtlich selbst hartleibigen Sammlern nahezu unmöglich, die Ausleihe abzulehnen. Welch ein Glück! Die Ausstellung ist vom 23. April is zum 31. Mai dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 21 Uhr, vom 1. Juni bis zum 25. Juli 2010 dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Weitere Informationen über: www.staedelmuseum.de Frank Raudszus |
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