Ausstellungen Faszinierende Kunst zwischen den Stühlen

Juni 2010

























































































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Die Kunsthalle Schirn zeigt in der Ausstellung "Zelluloid - Filme ohne Kamera" handgemachte Bewegtbilder



Der Maler nimmt die Realität über die Linsen seiner Augen wahr und hält sie über den Umweg des Gehirns, der Hand und des Pinsels auf der Leinwand fest. In den Kaleidoskopen des 19. Jahrhunderts hatte man bereits erste Bewegtbilder entwickelt, bei denen auf Glas gemalte Bilder mit einer drehbaren Scheibe per Kurbel nacheinander an einer einfachen Optik vorbeigeführt wurden. Manchmal sieht man diese frühen "Kinematographen" noch in Museen. Nachdem dann Daguerre das Abbild der Realität durch eine künstliche Linse auf eine lichtempfindliche Platte geführt und dort sozusagen "eingebrannt" hatte, waren auch die Grundlagen für echte Bewegtbilder gelegt. Aus der Fotographie entstanden die ersten Filmkameras, die diesen Einzelprozess in einer schnellen Folge reproduzierten und durch Abspielen des "Filmbandes" über eine Kombination von Lampe und Linse auf einer entsprechenden Fläche den Eindruck einer kontinuierlichen Bewegung erzeugten. Die einzelnen Bilder konnten dabei entweder Fotos aus dem realen Leben oder von Zeichnungen sein, wie es zum Beispiel bei Zeichentrickfilmen à la Walt Disney der Fall war (und noch ist).

Einzelbild aus Stan Brakhages "Existence"
Bildfolge aus Stan Brakhages "Existence"


Natürlich kennt jeder durchschnittlich gebildete Leser diese Vorgänge und wird deren Beschreibung an dieser Stelle als eher trivial empfinden. Wir wollen mit dieser geradezu holzschnittartigen Unterscheidung von Malerei, Fotografie und Film jedoch den Standort der in dieser Ausstellung gezeigten Kunstrichtung deutlich machen. Denn hier geht es weder um die Aneinanderreihung von Standfotos noch um fotografierte Situationszeichnungen, die einen konsistenten Ablauf ergeben, sondern hier dient das Medium Film, sprich das "Zelluloid", als Grundlage einer ganz eigenen filmischen Kunst.

Bereits im frühen 20. Jahrhundert, als der Stummfilm seine ersten Triumphe feierte und der Tonfilm noch in den Startlöchern saß, machten sich einzelne Künstler Gedanken über eine ganz eigene Nutzung der neuen Technik, so etwa der Neuseeländer Len Lye (1901-1980) oder der Schotte Norman MacLaren (1914-1987). Sie nahmen sich das Grundmaterial des Films vor, den perforierten Filmstreifen, und bearbeiteten ihn direkt mit verschiedenen Techniken. So entfernte man zum Beispiel die chemische Emulsion vollständig, um auf dem transparenten Film Einzelbilder zu malen, die man dann abspielen konnte. Oder man kratzte vorsichtig punktuell und nach künstlerischen Kriterien einzelne Farbschichten heraus - etwa wie beim Kupferstich - und erzielte bei der Projektion entsprechende Licht- und Farbeffekte. Das zufällige oder gezielte Besprengen mit Säuren, die einen Teil der Emulsion entfernten und damit Licht und Farbtupfer erzeigten, stellte eine andere Möglichkeit dar.

Einzelbild aus Hy Hirschs "Scratchpad" von 1970
Einzelbild aus Hy Hirshs "Scratchpad" von 1970

Allen diesen Techniken lag die selbe Absicht zugrunde: mit kreativen manuellen Techniken eine Abfolge von Enzelbildern zu erzeugen, die beim Abspielen auf einem Projektor einen - meist abstrakten - Film erzeugten. Die Darstellung einer konkreten Geschichte - das wichtigste Ziel des klassischen Films - stand dabei nicht im Vordergrund und war auch wegen der Komplexität zu aufwändig. Außerdem wäre man mit einer solchen Absicht dem Zeichentrickfilm zu nahe gekommen, der damals (und teilweise auch noch heute) zu einer eher niederen Kunstsphäre gehörte. Vielmehr faszinierte die Künstler das dynamische Farb-, Flächen- und Linienspiel, das sie mit der klassischen Malerei und selbst der Fotografie nicht erreichen konnten. Manche versuchten dabei, mathematisch konstruierte Abläufe darzustellen, etwa Hans Richter im Jahr 1921, oder impulsiv-kreative Form- und Farbfolgen zu realisieren, wie Len Lye mit seinem berühmten und hitzig diskutierten Werk "A Colour Box" aus dem Jahr 1935.



Seitdem haben sich viele Künstler mit diesem Thema beschäftigt und die unterschiedlichsten Techniken entwickelt. Die Kunsthalle Schirn hat jetzt die "filmischen" Werke von einundzwanzig Künstlern in dieser Ausstellung zusammengestellt und zeigt sie in einem
jeweils eigenen "Minikino" pro Künstler. Nach dem - leider vom Blatt gelesenen - Fachvortrag während der Pressekonferenz zeigten viele der Anwesenden - so auch der Rezensent - eine gewisse Skepsis mit dem Unterton "Was soll denn die manuelle Bearbeitung eines Films, der sowieso schon als veraltetes Medium gilt?". Doch der Besuch der Ausstellung belehrte die Skeptiker schnell eines Anderen und Besseren. Diese Filme, oder besser "Video-Clips", verbreiten eine ganz eigene künstlerische Atmosphäre, die mal an van Gogh, mal an Paul Klee, und dann wieder an Breughel erinnert. Die im Einzelnen bedeutungslosen Farbflächen entwickeln in ihrer dynamischen Anordnung ein ganz eigene Aussage, so etwa "The Dante Quartett" von Stan Brakhage von 1987, die Dantes Höllenbild überzeugend widerspiegelt.

Einzelbild aus José Antonioi Sistiagos "...Atmosfera"
Einzelbild aus José Antonioi Sistiagas "Impresiones en la Atmósfera"


Andere wieder - etwa Hy Hirsh (1911-1961) - nehmen sich bereits belichtete und "bedeutungsgeladene" Filme vor und überarbeiten sie mit den verschiedensten chemischen oder mechanischen Mitteln, so dass die ehemals triviale Handlungsdarstellung ins Zeichenhafte transzendiert. Aufbrechen der Bildkonstellation, Auflösen von Gegenständen und Personen, Changieren der Farben bis zum Verlöschen und Überlagerungen von künstlichen Mustern verfremden den ursprünglichen Film bis zur Unkenntlichkeit und lassen daraus ein neues Kunstwerk entstehen, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann. Dann wieder gibt es Clips, die an frühe Computerspiele erinnern, so wenn in Norman MacLarens "Dots" aus dem Jahr 1940 sich kleine und große blaue Punkte und Flächen vor einem roten Hintergrund bekämpfen wie "Cookie Monster". Der Baske José Antonio Sistiaga wiederum erweckt in seiner Bilderfolge "Impresiones en la Atmósfera" mit beeindruckenden Farb- und Flächenwirbeln einen überzeugenden Eindruck der urweltlichen Bedingungen in heißen Galaxien und interstellaren Gaswolken hoch über unserer Atmosphäre.

So könnte man von Film zu Film weiterschreiten und die Besonderheiten jedes einzelnen Künstlers detailliert herausstellen. Wir glauben jedoch, dass eine verbale Beschreibung dieser Ausstellung - wie bei allen künstlerischen Darbietungen - den unmittelbaren Eindruck nur sehr eingeschränkt wiedergeben kann. Wir empfehlen daher jedem an Kunst allgemein und Film im Speziellen Interessierten, sich diese Ausstellung anzusehen. Allerdings sollte man sich klar darüber werden, dass man nach dem Genuss aller 21 Filmkunstwerke - unter Umständen mehrfach genossen - die Ausstellungshalle etwas überdreht oder "meschugge" verlässt. Wer die Welt der Musik-Clips à la MTV kennt, muss sich diese in ihrer Hektik und Selbstbezüglichkeit noch mehrfach verstärkt vorstellen, und für Vertreter der älteren Generation ist schon ein einstündiger Genuss von MTV-Clips eine Herausforderung. Allerdings kann man sich in der Schirn damit trösten, dass hinter den Clips kein Marketingapparat der Musikindustrie steht, der uns etwas verkaufen will. So genießt man die Elaborate des "direct film", wie man diese Gattung auch nennt, doch mit einigem Behagen und ohne jedes schlechte Gewissen.

Die Ausstellung ist vom 2. Juni bis zum 29. August dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen über: www.schirn.de

Frank Raudszus

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