Ausstellungen Lückenfüller im Sommerloch

Juli 2010








































































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Die Kunsthalle Schirn zeigt die Doppel-Ausstellung "Neues Wohnen" und "Projektion"



Wenn ein Konzept aus sich selbst heraus nicht genug Aussagekraft entwickelt, bemühen die Schöpfer gerne "höhere" Autoritäten, um es mit Bedeutung aufzuladen. Schirn-Kurator Matthias Ulrich bemüht in seinem Programmbeitrag zu Mike Bouchets (Teil-)Ausstellung "Neues Wohnen" keine Geringeren als Martin Heidegger und Michel Foucault als "Kronzeugen" für philosophisch-soziologischen Strukturen von Bouchets Werk.

Holzstapel aus "Sir Walter Scott"
Holzstapel aus "Sir Walter Scott"


Worum geht es? Der US_Amerikaner Mike Bouchet beschäftigt sich seit längerem mit modernen Wohnformen sowie deren gesellschaftlichen Randbedingungen und Abhängigkeiten. Für die Biennale in Venedig hatte er ein typisches amerikanisches Fertighaus in Holz - Marke "Sir Walter Scott" - als schwimmendes Zeichen der modernden Konsumgesellschaft auf der Lagune platziert. Dass dieses Exponat bereits am zweiten Tag zur Hälfte unterging, war nicht geplant, trug aber die Bedeutung erhöhenden Symbolwert sowie zum Bekanntheitsgrad bei. Anschließend hat er das Haus zersägen lassen und die Reste in mehreren Stapeln als Skulpturen in einem Raum der Schirn auf speziellen Teppichen angeordnet. Die Teppiche nehmen dabei gemäß Foucault (s. oben) die Rolle eines "mobilen Garten im Raum" ein. Bouchet musste (?!) die Fertigstellung der Skulptur(en) explizit feststellen, da es offensichtlich keinerlei messbare Kriterien dafür gab.

Bouchet vermischt generell gerne die Fiktion mit der Realität, so, wenn er in einem fiktiven Reisebüro echte Tickets verkauft oder als konzeptionellen Teil einer Ausstellung selbst gemixte Getränke veräußert. Doch an diese Aktivitäten erinnert in der Schirn nur der zweite Raum, der wie ein durchschnittliches Arbeitszimmer möbliert ist, hier jedoch den Charakter einer Installation einnehmen soll. Auch hier ist der ausdrückliche Hinweis auf den "Kunstcharakter" dringend erforderlich, weil Besucher den Raum ansonsten für ein irrtümlich nicht abgeschlossenes Arbeitszimmer der Museumsverwaltung halten könnten. Das erinnert an die Geschichte von der Beuys'schen Badewanne, die übereifrige Putzfrauen einst von der bewusst in ihr verteilten Butter befreiten. Verschiedene Skizzen über modernes Wohnen, so ein vertikal umgedrehtes Haus als Swimmingpool mit Wänden, Türen und Fenstern, ergänzen diesen Raum, könnten aber auch als typische Wanddekoration eines modern gesinnten Innenarchitekten durchgehen.

Beim Anblick der Holzstapel "Sir Walter Scott" und des angrenzenden Büroraumes kam dem Rezensenten aus unerfindlichem Anlass das Märchen "Des Kaisers neuen Kleidern" in den Sinn. Über den Grund dieser seltsamen Assoziation wäre noch nachzudenken.

Die Videotapeten Peter Koglers
Die Videotapeten Peter Koglers

Den zweiten Teil dieser Ausstellung bestreitet der österreichische Medienkünstler Peter Kogler im Verein mit dem Sound-Spezialisten Franz Pomassl. In einem hallenartigen, leergeräumten Ausstellungsraum lässt Kogler von zwölf Projektoren bewegte Bilder auf die vier Wände des Raumes projizieren. Dabei wiederholen sich die Bilder von Wand zu Wand, gehen jedoch an den Kanten und Schnittstellen zwischen zwei Projektoren nahtlos ineinander über. Die Idee dahinter ist die "animierte Tapete", die Kogler offensichtlich als konsequente Weiterentwicklung gemusterter Tapeten versteht. Dass der Wohnwert dieser "Tapeten" sehr begrenzt ist, versteht sich, da ein Bewohner wahrscheinlich nach kurzer Zeit unter schweren Halluzinationen leiden würde. Aber darum geht es in der Kunst natürlich nicht. Kogler will den Begriff "Wohnen" und die moderne Medienwelt aufeinander beziehen, und die Tatsache, dass in vielen Haushalten die Fernseher wie eine lokale Tapete ganztägig bei nur geringer oder fehlender Aufmerksamkeit der Bewohner laufen, bestätigt sein Konzept auf ironische wenn nicht satirische Weise. Dieser Video-Installation ist eine gewisse Faszination nicht abzusprechen, vor allem im Verbund mit der akustischen Untermalung von Franz Pomassl, dessen abstrakte Klanggebilde die amorphen Videofiguren förmlich zu erzeugen scheinen. Auf jeden Fall besteht eine deutliche dynamische Synchronisation zwischen Bildern und Klängen. Das Klang-Bild-Spektakel endet nach sieben Minuten und beginnt nach einer kurzen Pause von Neuem.

Trotz dieser durchaus sehenswerten Installation reicht ein einmaliger Durchgang, da über die abstrakten Formen und Klänge hinaus keine weitere Bedeutung transportiert wird. Zur Anreicherung des Exponats greift der Programmtext auch hier wieder weit in Koglers Schaffen zurück und erwähnt Arbeiten und Konzepte, die jedoch nicht Gegenstand der Ausstellung und daher nur von sekundärer Bedeutung sind.



Nach dem kurzen Rundgang durch die Ausstellung kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass angesichts sowohl der anstehenden Sommerferien als auch - besonders! - der Fußball-Weltmeisterschaft ein Lückenfüller gesucht wurde, dessen spärlicher Besuch leicht zu verkraften ist. 

Die Ausstellung ist vom 1. Juli bis zum 12. September dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen über: www.schirn.de

Frank Raudszus

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