Ausstellungen Wanderer zwischen Krankheit und Kunst

September 2010







































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Die Kunsthalle Schirn zeigt die Ausstellung "Weltenwandler" über Kunst von Außenseitern



Im Rahmen der Behandlung von Psychatrie-Patienten hat in neuerer Zeit die therapeutische Bedeutung künstlerischer Betätigung deutlich zugenommen. Die Malerei spielt dabei wegen der grundsätzlich geringeren technischen Anforderungen zum Beispiel gegenüber der Musik eine wichtige Rolle. Dass diese Art der Kunstausübung aber bereits einen historischen Hintergrund ohne zielgerichtete psychiatrische Aktivitäten besitzt, wird erst mit der neuen Ausstellung der Kunsthalle Schirn in Frankfurt klar. Darin hat die Kuratorin Dr. Martina Weinhart "Werke" von vierzehn Außenseitern aus verschiedenen Ländern zusammengefasst. All diesen "Künstlern" ist gemeinsam, dass sie als solche nie wahrgenommen und akzeptiert wurden, weshalb wir auch die entsprechenden Begriffe an dieser Stelle in Anführungsstriche gesetzt haben.

Karl Junker: Architekturmodell
Karl Junker: Architekturmodell


In dieser Ausstellung geht es in erster Linie um gesellschaftliche Außenseiter, die sich ohne akademische Ausbildung kreativen Aktivitäten gewidmet haben, deren Ergebnisse in einigen Fällen überhaupt erst nach dem Tode der Autoren bekannt wurden. Die fehlende Akzeptanz in Kunstkreisen und in der Öffentlichkeit lag und liegt bei diesen Außenseitern weniger an deren Stilrichtung oder Kunstauffassung sondern schlichtweg daran, dass sie zu ihrer Zeit als geistig behindert galten und nach jeweiliger medizinischer Auffassung auch waren. Da die Werke aber dennoch eine beachtliche, wenn auch andersartige Qualität aufweisen, ergibt sich fast automatisch die Frage nach der gesellschaftlichen Definition und Behandlung dieser Krankheiten. Die begleitende Dokumentation geht daher auch auf die historische Entwicklung des Stellenwertes der Geisteserkrankungen ein. Wurden noch bis weit in die neuere Zeit geistig Kranke, etwa im Sinne Till Eulenspiegels, als wundersame Exemplare der Gattung Mensch oder gar als "Heilige" im medialen Sinne betrachtet und in den Alltag integriert, so änderte sich das mit der Aufklärung radikal. Unter dem Diktat der Vernunft mutierten Geisteskranke zu tierhaften, den Anforderungen der menschlichen Gesellschaft nicht genügenden Wesen, die man wegsperren musste. Später entwickelte die sich etablierende Medizinwissenschaft psychische Krankheitsbilder und machte aus "anomalen" Menschen klinische Fälle, die ebenfalls unter Bewachung zu stellen waren, jedenfalls in schwereren Fällen. Daraus ergab sich dann fast zwangsläufig, dass man die Ergebnisse einer eventuellen kreativen Beschäftigung dieser Kranken nicht als Kunst sondern eher als Kuriositäten betrachtete.

Adolf Wölfli: Zinsrechnung
Adolf Wölfli: Zinsrechnung

Aus dieser gesellschaftlichen Verbannung hat die Schirn die Werke von vierzehn Künstler jetzt hervorgeholt und stellt sie erstmals im Umfeld eines institutionalisierten Kunstbetriebs aus. Damit gewinnen die Resultate der "selbsttherapeutischen" Aktivitäten den Status künstlerischer Produkte, und das durchaus zu Recht. Denn wenn man sich die einzelnen Artefakte anschaut, ähneln sie in vielem den Werken "offizieller" Künstler des 20. Jahrhundert, die auf ähnliche Weise ihre Objekte "dekonstruieren", um Fragilität und Fragwürdigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse darzustellen. Ohne auf einzelne Künstler des letzten Jahrhunderts einzugehen, lässt sich mit Fug und Recht das Motto zitieren: "Schön ist vorbei!". Und diese Sicht auf die Welt gilt auch für die "Outsider", haben sie doch aufgrund ihrer speziellen Situation eine höchst ambivalente Einstellung zu ihrer Umwelt.

Die Ausstellung vereint "Outsider" aus
einem Zeitraum von 150 Jahren. Der älteste ist Karl Junker (1850-1912), der nach Schreinerlehre und Kunstakademie damit begann, in seiner Heimatstadt Lemgo in jahrzehntelanger Arbeit ein Haus in Eigenarbeit zu bauen, in dem er dann auch alleine lebte. Angeblich litt er unter Schizophrenie, worauf auch eigene Äußerungen über hellseherische Fähigkeiten hindeuten. Kunstexperten wollen Anzeichen dier Krankheit auch in seinem Werk erkennen, das neben seinem Haus aus Architekturmodellen im "Fantasy-Stil" besteht.

Der jüngste Sproß der "Outsider"-Familie dieser Ausstellung ist Birgit Ziegert (*1966), die mit einem Down-Syndrom zur Welt kam und unter sechs Brüdern aufwuchs - schon von daher eine Außenseiterin! Nachdem sie einige Jahre in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet hatte, erkannte man ihr künstlerisches Talent und vermittelte sie an ein Frankfurter Kunstatelier. Seitdem hat sie eine Reihe von beeindruckenden malerischen Werken in verschiedenen Techniken geschaffen.

Zwischen diesen beiden zeitlichen Exponenten ist unter anderen Adolf Wölfli (1864-1930) zu nennen, der unter ärmlichen Verhältnisse in Bern aufwuchs, später als Knecht arbeitete und nach mehreren Vergehen wegen Schizophrenie in eine geschlossene Anstalt kam. Dort begann er zu schreiben und zu zeichnen und stellte im Laufe der Jahre dreitausend illustrierte Textseiten her.

Friedrich Schröder-Sonnenstern: "Eifersucht"
Friedrich Schröder-Sonnenstern: "Eifersucht"


Auch Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892-1982) wuchs in einfachsten Verhältnissen und wurde nach frühkriminellen Aktivitäten später als psychisch Kranker entmündigt und zeitweise weggeschlossen. Später lebte er als "Schrippenfürst von Schöneberg" mit einer Lebensgefährtin in Berlin und betätigte sich unter Angabe falscher Titel als Wunderheiler. Später fing er an zu malen und machte aus dieser Tätigkeit sogar eine Art Beruf mit einem festen Atelier und Schülern. Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin verfiel er jedoch der Armut und starb in Vergessenheit.

Madge Gill (1882-1961) musste eine Reihe schwerster Schicksalsschläge hinnehmen - Tod von Mann und Kindern, eigene schwere Krankheiten - und entdeckte dann ihren "Geist", der ihr angeblich innere Ruhe verlieh. Daraufhin widmete sie sich verschiedenen kreativen Tätigkeiten, bei denen eine Reihe von Werke entstand, die sie alle in ihrem Haus sammelte. Den größten Teil dieser Werke entdeckte man erst nach ihrem Tode.

Diese fünf "Outsider" stellen nur eine punktuelle Auswahl unter den vierzehn vorgestellten Außenseiterkünstlern dar. Die anderen ähneln diesen jedoch bezüglich der biographischen und künstlerischen Entwicklung. Wer mehr über diese faszinierende Welt zwischen Kunst und Krankheit wissen möchte, sollte sich die Ausstellung in der Kunsthalle Schirn ansehen.

Die Ausstellung ist vom 24. September bis zum 9. Januar 2011 dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen über: www.schirn.de

Frank Raudszus

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