Ausstellungen Wie man aus der Not eine Tugend macht

Oktober 2010






















































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Das Frankfurter Städel-Museum zeigt seinen Gemäldebestand während des Umbaus in einer chronologischen Konstellation



Das Frankfurter Städel-Museum wird derzeit umgebaut. Der Zugang ist gesperrt und die weitläufigen Gemäldegalerien sind bis zum Ende des nächsten Jahres nicht mehr zugänglich. Damit steht natürlich auch der umfangreiche Gemäldebestand interessierten Besuchern nicht mehr zu Verfügung. In weiser Voraussicht hatte man diese Situation bereits im Vorfeld dazu genutzt, einen Teil der Exponate auf zwei Ausstellungen in Bilbao und New York einem internationalen Publikum nahe zu bringen und damit die Reputation des Städels weiter zu stärken. Doch es blieben noch etliche Bilder im eigenen Haus, die für mehr als ein Jahr in den Archiven hätten verschwinden müssen. So entschied sich die Leitung des Städels dazu, einen möglichst großen Teil der Gemälde in einer temporären Sonderausstellung dem heimischen Publikum weiterhin zu präsentieren.

Watteau: "Einschiffung nach Kythera" (1710)
Watteau: "Einschiffung nach Kythera" (1710)


Die Kuratoren Professor Jochen Sander, Dr. Felix Krämer und Dr. Martin Engler entschieden sich, dafür den ungewöhnlichen Ansatz einer strikt chronologisch orientierten Anordnung zu wählen. Ein solches Konzept galt in Museumskreisen zu Recht als zu vordergründig, um nicht zu sagen naiv und simpel, denn die Entstehungszeit eines Bildes sagt nichts über den geographischen und kulturellen Kontext aus. Seit mehren Epochen ist die Einteilung in Schulen, Länder und spezielle kulturelle Kontexte der weitgehend unstrittige Standard. Die für die Interimsausstellung verfügbaren Räume hätten jedoch bei einem solchen herkömmlichen Konzept die Zahl der zu zeigenden Gemälde drastisch reduziert, da eine strukturierte Anordnung viel Begleitinformation erfordert und außerdem jedes Bild entsprechend Raum für die angemessene Rezeption benötigt.

Eine konsequent chronologische Anordnung verletzt zwar die oben erwähnte Regel - Tabu? -, hat jedoch den bestechenden Vorteil, dass keine komplexen Kontexte zu berücksichtigen sind. Vielleicht hat man auch gedacht, dass man den allgemeinen - politischen und literarischen - Trend des gezielten Tabubruchs (Sloterdijk und Sarrazin!) auch hier im ungefährlichen Rahmen fortsetzen könne, indem man eine verpönte Anordnung wählte. Natürlich stand dabei nicht der Gedanke an die Provokation Pate - wen soll man mit einer ungewohnten Anordnung von Gemälden schon provozieren? - sondern die Enge des Raumes und der Wunsch, so viele Gemälde wie möglich unterzubringen.

Kippenberger: "Erfinderinnen" (1984)
Kippenberger: "Erfinderinnen" (1984)

Die Kuratoren gewannen diesem Konzept auch gleich weitere positive Apekte ab: so ermöglicht die Nachbarschaft von Bildern unterschiedlichster Provenienz mit der einzigen Gemeinsamkeit der Entstehungszeit eine fast "haptische" Erfahrung des Entwicklungsprozesses in der Malerei. Die Bilder sind bewusst dicht an dicht gehängt, um den Kontrast einerseits und die Ähnlichkeit andererseits hervorzuheben. Nicht die Inhalte und Aussagen sind wichtig sondern die Techniken und Innovationen in der Malerei.

Ein erster Durchgang durch den Ausstellungsbereich bestätigt das Konzept der Kuratoren. Dem Besucher sei dabei geraten, immer mit der rechten Schulter an der Wand entlang zu gehen und nicht die Räume zu queren. Denn der Zeitstrahl verläuft exakt entlang dieser Linie in konsequenter Fortschreibung der Jahreszahlen. Über den dicht gehängten BIldern zeigen kurze Texte wichtige politische und vor allem geistig-kulturelle Ereignisse mit exakter Jahreszahl an. Die Geschichte kommentiert sozusagen die darunter hängenden Bilder. Diese begleiten bewusst keine erklärenden Texte, sondern lediglich Nummern, die in einem kleinen Heft für alle Besucher mit Erklärungen hinterlegt sind.

Die Besucher werden hier keine neuen Exponate sehen, doch die bekannten Gemälde erscheinen plötzlich in einem ganz anderen Kontext und gewinnen damit eine völlig neue Spannung. Auch wenn man "nur" auf die bereits bekannten Bilder des Städels stößt, lohnt sich der Besuch dieser ungewöhnlichen Ausstellung auf jeden Fall.


Die Ausstellung ist vom 28. Oktober is zum 26. Juni 2011 dienstags sowie freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 21 Uhr.

Weitere Informationen über: www.staedelmuseum.de

Frank Raudszus

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