Ausstellungen Schwebende Figuren im Raum

Oktober 2010


































































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Die Kunsthalle Darmstadt zeigt in der Ausstellung "bodenlos" Bilder des Malers Norbert Tadeusz



Norbert Tadeusz, Jahrgang 1940, bezeichnet sich selbst als Maler und nicht als Künstler. Diese Richtigstellung schien ihm während der Vorstellung seiner Bilder durch den Leiter der Kunsthalle wichtig, als dieser ihn als "Künstler" vorstellte. Man mag darüber spekulieren, worin für Tadeusz der Unterschied zwischen "Künstler" und "Maler" besteht, aber unabhängig davon ist  diese Bemerkung charakteristisch für den Maler, der gerne gewohnte Sehgewohnheiten aufbricht und das Alltägliche gegen den Strich bürstet. Tadeusz war unter anderm Schüler von Josef Beuys und selbst Professor an verschiedenen Hochschulen.

"Drei", 2005, Acryl
"Drei", 2005, Acryl


Der Kunstverein Darmstadt zeigt in der Kunsthalle etwa fünfzig großformatige Bilder, die teilweise fast die gesamte Höhe der nicht gerade niedrigen Ausstellungsräume im Erdgeschoss einnehmen. Im Mittelpunkt von Tadeusz' Gemälden steht meist der menschliche Körper, aber auch Gegenstände des Alltags. Auch das Wasser fasziniert den Maler wegen seiner Beweglichkeit und fehlenden Fixierbarkeit. Gegenstände im Wasser verlieren ihre Kontur und lösen sich für das Auge des Betrachters buchstäblich auf.

Der Titel "bodenlos" bezieht sich auf die eigenartig schwebende Anordnung von Personen und Gegenständen. Das erreicht Tadeusz dadurch, dass er die Figuren stets von oben zeigt, ihnen aber keinen Schatten auf dem darunter liegenden Boden gönnt. Das gilt teilweise auch für die Gegenstände wie Stühle oder Tische, die ebenfalls im Raum zu schweben scheinen.

"Roter Sessel II", 2000, Acryl
"Roter Sessel II", 2000, Acryl


Neben der Vogelperspektive betont Tadeusz vor allem die Sinnlichkeit des menschlichen Körpers, die er jedoch nicht durch vordergründige sexuelle Assoziationen herausarbeitet sondern durch Verrenkungen, Anspannungen, Streckungen und Verdrehungen der Gliedmaßen. Die Nacktheit verfremdet er teilweise durch Lichtspiele über den Körper, die diesen einen seltsam distanzierten Charakter verleihen. Dennoch schimmert die unmittelbare, geschlechtsinvariante Sinnlichkeit von Muskeln und Fleisch durch all seine Bilder.

In einigen Bildern ziehen sich die Figuren an Seilen hoch, die selbst nach oben aus dem Bild herauslaufen und dieses damit ins Unendliche verlängern. In anderen zeigt er Strand- oder Alltagsszenen, in denen die Menschen jedoch durch ihre - bewusst unerotisch gestaltete - Nacktheit verfremdet und unbehaust wirken.

"White Note II", 2005, Acryl
"White Note II", 2005, Acryl


Einige Bilder zeigen eindeutig allegorische Züge, so eine Assoziation an das Abendmahl mit exakt elf Essenden um einen Tisch - wieder aus der Vogelperspektive - oder eine Bühnenszene mit einer angedeuteten Kreuzigungsszene im Hintergrund.

Allen Bilder ist ein mehr oder minder ausgeprägter "Vexierbild"-Charakter eigen. Dies kommt besonders in zwei Bildern zum Ausdruck: im "Roten Sessel" sieht man die Füße des Malers, der gerade eine Fotovorlage seines Modells macht, und gleichzeitig seinen eigenen Schatten auf einer Glaswand hinter dem Modell. Diese geradezu doppelte Selbstreferenz lässt den Betrachter permanent zwischen den verschiedenen - fiktionalen und halb-realen - Bildebenen schwanken und verwehrt ihm die herkömmliche Identifikation mit dem Bildinhalt. Ähnlich verfährt Tadeusz in "White Note II", in dem er von oben auf einen in einem Pool schwimmenden Mann blickt und gleichzeitig dessen Schatten auf dem Grund des Beckens zeigt. Diese doppelbödige Darstellung wirkt fast wie eine mythische Bedrohung der scheinbar friedlichen Idylle.

Im Hauptraum der Kunsthalle zeigt das Bild "Charon" eine Fähre mit schräger Autorampe, verschiedenen Autos und Menschen. Auf den Autos spiegeln sich - verzerrt durch die Form der Karosserie - Teile der Fähre, zwischen den Autos bewegen sich nackte und bekleidete Menschen. Die Perspektive irgendwo von einem höher gelegenen Punkt des Schiffes lässt alles perspektivisch verzerrt erscheinen und verleiht dem Ganzen den Charakter einer "Vanitas"-Darstellung, bei der die Figuren scheibar ziellos auf ihrer kleinen, abgeschlossenen Welt umherirren. Je länger man dieses Bild anschaut, desto intensiver schälen sich die Reflexe auf den Autos heraus und betonen deren Fetisch-Charakter.

Die Ausstellung ist vom 7.11.2010 bis zum 9.1.2011 dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr und samstags, sonntags sowie feiertags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen über: www.kunsthalledarmstadt.de

Frank Raudszus

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