| Ib Michael: "Kilroy Kilroy" |
| Epischer Versuch über das 20. Jahrhundert | |
"Kilroy
was here" - das kultträchtige Graffito der 60er Jahre, das dem US-Militär
entsprungen war, zeigte eine Nase und zwei Hände, die über einen
Zaun lugten. Sinn und Ursprung dieses Grafitto waren unklar, es breitete
sich jedoch wie eine Epedemie aus.
Der dänische Autor Ib Michael hat diese Kult- person in seinem
Roman sozusagen materialisiert. Polynesische Fischer ziehen Ende des Zweiten
Weltkrieges einen halbtoten Flieger aus dem Pazifik und erwecken ihn wieder
zum Leben. Doch bald stellt sich heraus, dass er sein Gedächtnis verloren
hat. Als er seine Kurzzeit- Sinne wiedergewonnen hat, übernimmt er
das "Kilroy"-Grafitto des verlassenen US-Stützpunktes auf der kleinen
Insel mehr oder weniger zufällig als neue Identität. Sein neues
Leben als polynesischer Fischer könnte glücklich sein, wenn die
Amerikaner nicht zurück- kämen....
Parallel zu dieser Handlung verläuft ein zweiter Strang in der
Gegenwart. Eine junge Frau fährt - zu welchem Zweck auch immer - durch
das heutige China mit dem vagen Ziel Tibet. Da die Chinesen Tibet wegen
der Unbotmäßigkeit der Bewohner für Ausländer geschlossen
haben, übt es eben deshalb einen hohen Reiz für Westler aus.
Die Erzählung der Ich-Erzählerin beginnt paukenschlagartig mit
einem tibetanischen Leichen- begängnis unter freiem Himmel, das nur
starke Nerven ertragen.
Im weiteren Verlauf der Reise durchlebt die
junge Frau verwirrende und teilweise erschütternde Er- eignisse und
trifft dabei auf nicht identifizierbare Personen. Der Leser ahnt natürliche
bereits hier den Zusammenhang mit dem zweiten Erzählstrang.
"Kilroy" jagt derweil erinnerungslos durch die zweite Hälfte
des letzten Jahrhunderts, erlebt die 50er - Korea-Krieg und Elvis -, die
60er - Marylin Monroe und Vietnam - und landet im Sturmschritt in der Jetztzeit,
immer noch ohne Wissen um seine Identität. Durch zufällige Bekanntschaften
gelangt er schließlich nach China, und den Rest kann sich der Leser
zusammenreimen.
In dieser Phase kommt voll der "Tibet"-Effekt zur Geltung. Die intellektuelle
Schickeria hat dieses Land in den letzten Jahren "entdeckt", vor allem,
weil es schwierig ist, dorthin zu rei- sen. Eine Reise in das gewaltsam
von den Chinesen tabuisierte Tibet gerinnt im Westen zur Trophäe
des ich- bewussten Individuums.
Der Roman entwickelt sich jetzt zu einem zweit- klassigen Thriller über
ein "Blockbuster"- Thema. Rettet den Dalai Lama vor den Chi- nesen! Alle
Klischees werden jetzt ausgepackt, die Tibetaner sind selbstverständlich
geheimnisvoll und verfügen über die Gabe des "zweiten Gesichts"
sowie über eine dem westlichen Geist (außer dem Autor) kaum
zugängliche Höhe des Geistes, und schließlich endet alles
in Schießereien und minütiös - und natürlich für
die Helden erfolgreich - ablaufenden "Actions".
Obwohl der Roman flüssig und streckenweise packend geschrieben ist, leidet er an einigen schwerwiegenden Schwächen. Der Autor wollte die wesentlichsten Ereignisse eines halben Jahr- hundert behandeln, von der ersten Atombombe bis zum heutigen Konflikt zwischen China und Tibet. Die Szenen im heutigen Tibet zeigen Kenntnis der Umgebung und wirken authentisch - Ib Michael hat diese Gegend bereist. Die Szenen im zweiten Weltkrieg klingen jedoch weniger überzeugend, da nicht persönlich erlebt. Literarisch fragwürdig ist die Vermischung der rein fiktiven Handlung des Romans mit der historischen Figur des General MacArthur, dem er en passant den heimlichen Test einer Atom- bombe im Pazifik vor dem ersten Abwurf in Hiroshima unterstellt.
Abgesehen von der schwerwiegenden Unter- stellung gegenüber einer realen Person erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass man damals unbe- merkt eine Atombombe der Hiroshima-Art zünden konnte, ohne dass irgend jemand etwas merkte. Die Insulaner ziehen zwar den bei dem missglückten Test abgestürzten Flieger (wie hat der das überlebt???) aus dem Wasser, haben aber keine Bombenexplosion bemerkt!
Zwar sterben später eine ganze Reihe der Insulaner an eigentümlichen Krankheiten - Haarausfall, etc. - unter Qualen, nicht jedoch Kilroy, der "mitten drin" war. Offensichtlich ist er immun gegen die härtesten Gammastrahlen.
Damit jedoch nicht genug: in Tibet trifft unser Kilroy seinen alten Staffelkapitän aus jenen Tagen wieder (der auch die Explosion überlebt hat!), und zusam- men mischen sie mit alten Flugzeugen aus dem Zwei- ten Weltkrieg und körperlichen Glanzleistungen das chinesische Militär auf. Eine Kontrollrechnung: 1945 müssen beide mindestens 25 Jahre alt gewesen sein, da sie zu diesem Zeitpunkt angeblich schon lange Einsätze aller Art geflogen hatten. Wie alt sind dann die Recken Mitte der neunziger Jahre??
Diese Ungereimtheiten, die mühsame Verkettung zweier nicht miteinander verbundener Handlungs- ketten und die Elemente gängiger Polit-Thriller ("Sex and Crime") erwecken beim Leser schließlich mehr Ärger als Spannung, da kann auch der durchaus ansprechende Stil nicht mehr viel retten.
Das Buch ist unter der ISBN 3-423-24174-8 im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 28,- DM.
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